Wenn das Posthorn ruft

Alan Gilbert und das Gewandhausorchester Leipzig spielen Mahlers Dritte beim Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Und plötzlich ist alles anders: Von fern wehen die Klänge eines Posthorns heran, glasklar, zerbrechlich und doch von großer, in sich ruhender Kraft legen sie sich über den hauchzarten Streicherteppich, wie ein kaum wahrnehmbares Licht der Hoffnung in düsterer Nacht. Und doch verändern sie alles, bringt die schwache, ferne Stimme Licht in die Dunkelheit. Wenn Alan Gilbert und das Leipziger Gewandhausorchester Gustav Mahlers dritte Symphonie aufführen, fokussiert sich alles auf diesen Moment im dritten Satz. Er ist das Zentrum und der ausgangspukt, Quelle und Ziel dieser in Mahlers Intention weltumfassenden Musik, der Wendepunkt, der Schmerz zu Hoffnung werden lässt. Und plötzlich wandelt sich die aufgewühlte See in ein friedliches ruhiges Meer, lässt das Orchester alle Hektik fahren und verleiht der Musik den Ausdruck stetigen Fließens. Mit großer Sanftheit ergießt sich zarte Traurigkeit, bevor ein letztes Mal die Unerbittlichkeit des Weltenlaufs mit kraftvoller Wucht hereinbricht. Doch sie hat ihren Schrecken verloren.

Alan Gilbert beim Musikfest Berlin 2014 (Foto: Christian Fanghänel)

Alan Gilbert beim Musikfest Berlin 2014 (Foto: Christian Fanghänel)

Diese Dritte ist geteilt in eine musikalische Welt vor und nach dem Posthorn. Der erste Satz, dieses halbstündige Ungetüm bricht wie eine nicht enden wollende Eruption über den Zuhörer herein. Gilbert wählt einen konzentrierten, opaken Klang von großer, bedrohlicher Kraft. Das Schlagzeug schallt wie Kanonenschüsse, die gleißenden Blechbläser schreien, die Solovioline Sebastian Breuningers wirkt brüchig, die Flöten fahl. Das Orchesterspiel ist äußerst dunkel gefärbt, die dynamischen Kontraste ins Extreme gespannt. Immer wieder bricht das Orchester aus wie ein Vulkan, doch sind die Momente absoluter stille kaum erträglicher. Tief und schwarz gähnt der Abgrund, über dem diese energiegeladene Musik taumelt. Gilbert akzentuiert die Rhythmik dieses Höllentanzes, verleiht vor allem den Geigen und Blechbläsern eine schneidende Schärfe, lädt das Marschthema mit schon fast gewalttätig martialischem Impetus auf, lässt die Geigen mit ungeahnter Aggressivität flirren. Der Satz pendelt zwischen brüchiger Fragilität und brutaler Kraft, dazwischen gibt es nichts. Hier verortet Mahler in Gilberts Sicht das leben – ein Blick in die täglichen Nachrichten widerlegt diese Perspektive nicht gerade. Der zweite Satz ist dann nur scheinbar leichter, heiterer, friedlicher. Unter Gilberts Dirigat verzerrt er sich zur grotesken Fratze. Der liebliche Beginn ist überzeichnet, die Süßlichkeit kaum zu ertragen und konterkariert vom scharfen Spiel der hohen Streicher. Die Fassade mag angenehm anzusehen sein, doch die bröckelt. Auch hier scheint nichts von Dauer, das Lächeln aufgesetzt und schmerzverzerrt.

Dann ertönt das Posthorn und die Stimmung hellt sich auf. Gerhild Rombergers warmer und affirmativer Mezzosopran verströmt Ruhe und Frieden, tastend vorsichtig die Begleitung durch das Orchester. Fasst scheint das musikalische Gewebe zu schweben, stellt sich ein Eindruck der Schwerelosigkeit ein. Der Klagegesang der verschiedenen Soli (auch hier ist Breuninger herauszuheben) ist nicht verzweifelt, sondern still traurig und sanft sehnsuchtsvoll. Die Hoffnung kann jederzeit zerbersten, aber sie traut sich im Gegensatz zu den ersten beiden Sätzen hervor. Vorwärtstreibend dann der fünfte Satz, der weiterhin auf überaus konzentrierten Klang setzt, dem jedoch die Schärfe fehlt. Fast übermütig das „Bim Bam“ des GewandhausKinderchors, warm und selbstbewusst der Gesang der Damen von GewandhausChor und Chor der Leipziger Oper. Behauptet sich in den beiden Vokalsätzen die Hoffnung, weist das Finale bereits voraus, sei es ins Jenseits oder in eine ferne, friedliche Zukunft. Zarte, jedoch feste Streicherflächen dominieren den Satz, die Lava ist erkaltet und doch brodelt der Vulkan darunter. Gilbert akzentuiert die Einbrüche von Gewalt und Tod, erlaubt eine letzte Eruption am Ende, die andeutet, dass nichts gewonnen ist. zurückgenommen das ruhige Fließen der weiten Melodiebögen, denen hier alles Schwelgerische fehlt. Vorsichtig tastet sich der Satz seinem Abschluss entgegen, zögernd, seiner selbst nie sicher. Er endet mit einem Fragezeichen, unentschieden, doch keineswegs hoffnungslos. Das Posthorn hat den Weg gewiesen, zu Ende ist der Weg noch lange nicht.

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