Ein Hauch von Hollywood

Semyon Bychkov dirigiert die Münchner Philharmoniker beim Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Richard Strauss liebte die große Geste: Seine Orchesterwerke konnten es in Sachen Materialaufwand problemlos mit Bruckner oder Mahler aufnehmen, das Pathos ist in ihnen allgegenwärtig, ebenso der feierliche Gestus, die weiten, allumspannenden Melodiebögen, sie streicherdominierten Klanggebirge, die prachtvoll romantische Bläserfülle. Dabei sind seine musikalischen Landschaften weit weniger zerklüftet als die der anderen genannten, zerreißt das bei ihnen oft so fragile Sicherheitsnetz nur selten, ist der Blick in den Abgrund bestenfalls einer aus sicherer Höhe. Auch wenn Strauss keineswegs ein oberflächlicher Komponist war, zählt bei ihm stets auch die glänzende Oberfläche, die glatte und strahlende Fassade. Vielleicht hätte Strauss zwei Jahrzehnte später Filmmusik komponiert, die Bausteine dafür sind zumindest in seinen großen Orchesterwerken bereits vorhanden. Und so ist es gar nicht so verwunderlich, wenn beim Gastspiel der Philharmoniker aus Deutschlands Filmhauptstadt München mehr als ein Hauch von Hollywood durch die Berliner Philharmonie weht.

Semyon Bychkov (Foto: Sheila Rock)

Semyon Bychkov (Foto: Sheila Rock)

Dirigent Semyon Bychkov, dem Berliner Publikum durch seine energiegeladenen und lichtdurchfluteten Interpretationen mit den Berliner Philharmonikern bekannt, rührt diesmal Beton an. Von wuchtiger Schwere ist bereits die eindruckmachende blockhafte Klangmauer, die Bychkov in Strauss‘ Don Juan  einziehen lässt. Der satte, mächtige Klang dehnt die Musik ins Breitwandformat aus. Gleißendes Blech und schroffe Brüche schaffen Dramatik, doch die Spannung fehlt: Zu undurchdringlich ist die Oberfläche, zu wenig ist darunter hör- und greifbar. Natürlich gelingt so manch eindrucksvoller Moment, etwa der betörende Gesang der Oboe auf dem sicheren Grund einer festen Streicherfläche, doch im Gesamteindruck bleibt das Spiel zu glatt und risikoarm. Die Philharmoniker wollen beeindrucken, aber nicht wehtun. Die Pathosmeister der Filmmusik wie John Williams oder Hans Zimmer hätten ihre Freude.

Selbst ein vergleichsweise heiteres Stück wie Strauss‘ zweites Hornkonzert, eines seiner letzten Werke, kommt betont bedeutungsschwanger daher. Dabei ist es gerade seine Leichtigkeit, ja Unbeschwertheit, die das Konzert so ambivalent erscheinen lässt, schließlich stammt das Werk aus dem Jahr 1942, einem der düstersten jüngerer deutscher und europäischer Geschichte. Bychkov und seinen Solisten Jörg Brückner, Solohornist der Philharmoniker, ficht das nicht an. Feste undurchdringliche Klangflächen, einer satter, kräftiger Hornton, ein breiter melodischer Fluss spülen alle Zweifel davon und lassen kaum Zwischentöne zu. Ein ruhiger musikalischer Strom ergießt sich, aufgelockert durch heitere, kontrolliert schwungvolle Episoden, die den Raum nie öffnen. Die Mauer steht und sie ist durchaus schön anzusehen. Dass der Blick zurück geht, romantisches Pathos überwiegt, ist Werk und Komponist zweifellos angemessen und doch hätte man sich gewünscht, es würden Fragen an das Werk gestellt.

Das geschiegt auch in Ein Heldenleben nicht, jener Tondichtung, die Strauss‘ Selbstverständnis recht treffend reflektiert, enthält sie doch ein gerüttelt Maß an Selbstüberhöhung. Jetzt wird die Musik vollends zum Soundtrack. Schon zu Beginn wird klar, hier zählt nur der Gesamteindruck. Und der ist auf Überwältigung ausgerichtet. Fortissimo ist hier das Mindeste, selbst das Violinsolo von Liviu Prunaru atmet Schwere und wirkt bei aller Ausdruckskraft angestrengt. Überhaupt schließt Ein Heldenleben nahtlos an die vorangegangenen werke an: Klangflächen stehen im Raum, die Holzbläser verbreiten plakativ romantische Stimmung, breite Streicherbögen malen in satten Farben, grell schreien die Blechbläser, dramatisch prallen laut und leise, hell und dunkel aufeinander. Alles ist Illustration des Dramatischen, ist Begleitung eines Films, der nicht gezeigt werden muss, weil ihn das Orchester überdeutlich nachzeichnet. Da fällt es kaum auf, dass Prunaru in der letzten Wiederholung seiner Solopartie einen hörbar zarteren, zerbrechlichen Strich führt, das Ende gar nicht auftrumpft, sondern fast zögerlich seinen Schluss findet. Orchester und Dirigent haben längst ein stimmiges und überzeugendes Porträt des Überwältigungskünstlers, Oberflächenmalers und Hochglanzsinfonikers Richard Strauss gezeichnet. Aber eben auch nicht mehr.

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