Die Glücklichmacher

Mariss Jansons und das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam zu Gast beim Musikfest Berlin 2014

Von Sascha Krieger

Was macht einen Dirigenten eigentlich zu einem großen seiner Zunft? Vielleicht liegt die Antwort in der Entwicklung der Orchester, denen er – oder sie – als Chefdirigent oder Musikdirektor leiten. Im Falle von Mariss Jansons in die Bilanz beeindruckend: Zwei zuvor weitgehend unbekannte Orchester – die Osloer Philharmonie und das Pittsburgh Symphony Orchester formte er zu Klangkörpern von internationalem Rang, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks steht heute auf einer Stufe mit den bedeutendsten Orchestern Europas und Amerikas und das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester gilt manchem Experten als bestes der Welt. Um zu erkennen, dass das nicht grundlos ist, genügen schon die ersten Takte seines wohl letzten Gastspiels mit dem Concertgebouw-Orchester als dessen Chef – zum Ende der gerade beginnenden Spielzeit wird Jansons seine Amtszeit in Amsterdam beenden. Und so schwingt ein klein wenig Abschiedsschmerz mit, wenn der Lette den Taktstock erhebt. Und verschwindet doch gleich wieder: So zwingend zieht die musikalische Eintracht von Dirigent und Orchester von der ersten Sekunde an das Publikum in seinen Bann. Vielleicht braucht es eine simple, möglicherweise gar etwas plumpe Beschreibung, um einen Eindruck davon zu geben, was passiert, wenn dieser Dirigent am Pult dieses Orchesters steht: Konzerte von Mariss Jansons und dem Concertgebouw-Orchester machen einfach glücklich.

Leonidas Kavakos und Mariss Jansons mit dem Koninklijk Concertgebouworkest beim Musikfest Berlin 2014 (Foto: Kai Bienert)

Leonidas Kavakos und Mariss Jansons mit dem Koninklijk Concertgebouworkest beim Musikfest Berlin 2014 (Foto: Kai Bienert)

Das Geheimnis liegt vielleicht in der Verbindung von vermeintlich Paradoxem: Wo andere Dirigenten den Blick auf das große Ganze richten oder auf maximale Transparenz achten, gelingt Jansons beides. Johannes Brahms‘ Variationen über ein Thema von Joseph Haydn, mit denen das Gastspiel beginnt, sind dafür ein Paradebeispiel. Die perfekte Klangkultur, der geschliffene Glanz und der schlanke, zu formvollendeter Einheit perfektionierte Klang können nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier jedes Instrument, jede Stimme, jeder Nebengedanke hörbar ist. Doch wo beispielsweise ein Sir Simon Rattle den Gesamteindruck aus dem Einzelnen zusammenfügt, sind bei Jansons beide Aspekte von Beginn an vorhanden. Sein Blick gilt dem großen Ganzen wie jedem Detail, sein analytischer Ansatz gilt der Gesamtstruktur wie jedem einzelnen Ton. So gibt er den Variationen einen betörend warmen, vollen und schnörkellosen Klang, der zugleich nie glatt oder weich daherkommt, sondern in seiner Konturenschärfe, gepaart mit präzisem, auf der Betonung dynamischer Unterschiede basierendem Spannungsaufbau, höchste Aufmerksamkeit vom Zuhörer verlangt. Die ihn dann auf die unterschiedlichen Charaktere der Variationen stoßen, die Jansons sorgfältig herausarbeitet, ohne den Zyklus je aus dem Blick zu verlieren. Da steht der ruhige Fluss der vierten Variation neben der lebhaften Leichtigkeit der fünften, die fast opernhafte Dramatik der sechsten neben der an Bach erinnernden Kontrapunktik der achten und kommt alles im kontrastreichen Finale zusammen.

Berückend auch seine Interpretation zweier Tondichtungen von Richard Strauss: Tod und Verklärung beginnt in opaker Düsternis, nur um gleich darauf Flöte und Harfe das musikalische Universum ins scheinbar Unendliche öffnen zu lassen. Dramatisch akzentuierte Stimmungsumbrüche harmonieren mit dem sehnsuchtsvollen Gesang der Solopassagen, das ringen eines im Sterben Liegenden mit dem Tod und sich selbst ist spür- und hörbar, ohne je plakativ zu wirken. Jansons kombiniert die strenge Form mit Platz zur Entfaltung, steckt den Raum ab, den er dann mit Licht durchfluten lässt. Plastisch werden die Aufbäumbewegungen, keine Scheu vor der großen Geste zeigt er im finalen Abschnitt, der „Verklärung“. Ebenso behutsam wie kraftvoll gestaltet er das Ende und profitiert dabei von der Präzision und der Klangkultur eines Ausnahmeorchesters. Voller, klarer und einheitlicher klang bei größtmöglicher Durchlässigkeit zeichnen auch Till Eulenspiegels lustige Streiche aus. Lustvoll lässt Jansons sein Orchester die dynamischen Räume ausloten, sucht die fließende Bewegung und schärt zugleich die Konturen, dramatisiert und setzt eher auf den Ausdruck von Lebendigkeit statt auf Betonung des Grotesken. Umso eindrucksvoller der Einbruch der Todesmotivik, wenn der Spaß sich in blutigen Ernst verkehrt, Leben in Tod umschlägt. Bei aller Konzentration auf das große Ganze. Mariss Jansons nivelliert nie, sondern zeigt den Widerstreit des Disparaten, der alles lebendige auszeichnet. Wenn die spottende Klarinette sich scheinbar aussichtslos  gegen die pauken- und bassgrundierte Todesdrohung auflehnt, ist das ein Moment kaum auszuhaltender Größe.

Da passt als zeitgenössisches Einsprengsel Wolfgang Rihms Lichtes Spiel auf ideale Weise hinein. Rihm nimmt eine Sonderstellung unter den zeitgenössischchen Komponisten ein, indem ihn Etiketten, formale Eingrenzungen, stilistische Korsette nicht interessieren. Seine Musik sucht das Fließen, die Einheit statt der Fragmentarisierung, sie überschreitet souverän die Grenzen zwischen tonalen und atonalen Welten. Die ihm eigene Kantabilität stellt der Solist, der griechische Geiger Leonidas Kavakos, mit fließendem Spiel und einem klaren, schlanken, hellen Ton – mit dem er in der Zugabe, natürlich Bach, vollends verzaubert – ohne jedes Pathos heraus. Das Orchester webt zunächst einen schwebenden Teppich von atemberaubender Zartheit, um im Anschluss mit hoher Konturenschärfe und präzisem Detailfokus in ein angeregtes, wenngleich jederzeit ruhig bleibendes Zwiegespräch mit dem Soloinstrument einzutreten. Wie bei Brahms und Strauß ist die musikalische Entwicklung eine natürliche, organische, ohne Spannungen und Widerstreit zu negieren. Der Widerspruch des Lebens – gesetzmäßiges Werden und die vielen Abzweigungen, die stets zu Entscheidungen zwingen, löst Jansons ebenso wenig auf wie sein Solist. Das Stück endet bei beiden mit einer Frage. Wie sie sie jedoch stellen, lässt sich mit Glück nur unzureichend beschreiben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: