Höchstleistung mit Hindernissen

Das Musikfest Berlin 2014 eröffnet mit Brahms, Barenboim, Dudamel und der Staatskapelle Berlin

Von Sascha Krieger

Es ist Festivalsaison, und da braucht es vielleicht einen besonders spektakulären Auftakt, um im Wettstreit mit den Salzburgs, Luzerns und BBC Proms dieser Welt bestehen zu können. Womöglich ist es so zu erklären, dass das diesjährige Musikfest Berlin mit einer geradezu sportlichen Höchstleistung eröffnet: Beide Klavierkonzerte von Johannes Brahms, beides Werke, die zum schwersten gehören, das es in der Klavierliteratur gibt, an einem Abend, dazu gespielt von ein und demselben Solisten – eine wahre Herkulesaufgabe. Dass das auch einem Daniel Barenboim, der beide Konzerte seit den 1950er-Jahren im Repertoire hat, nicht mühelos von der Hand geht, ist schnell zu hören. Es dauert lange, bis er einen einigermaßen souveränen Zugriff findet, eigentlich bis nach der Pause.

Gustavo Dudamel dirigiert die Staatskapelle Berlin bei der Eröffnung des Musikfests Berlin 2014 (Foto: Matthias Creutziger / UNITEL)

Gustavo Dudamel dirigiert die Staatskapelle Berlin bei der Eröffnung des Musikfests Berlin 2014 (Foto: Matthias Creutziger / UNITEL)

Gelingt ihm bei den ersten Tönen des d-Moll-Konzerts noch behutsamer, fließend tastender Ansatz, gerät sein Spiel schnell und recht weitgehend außer Kontrolle. Barenboim pflügt durch seine Soli, als gelte es, Brahms alles Romantische auszutreiben, und schüttet dabei das Kind derart brachial mit dem Bade aus, dass es kaum eine Überlebenschance hat. Dabei verschwimmen sämtliche Konturen, fehlt jegliche Klarheit, entsteht schnell ein streckenweise kaum erträglicher Klangbrei, der jeder Balance entbehrt. Mit größter Anstrengung, die ihm anzumerken ist, fährt er durch die Partitur und seinem Orchester wiederholt in die Parade und über den Mund. So weit so schlecht, gäbe es als Lichtblick nicht den langsamen zweiten Satz: Da gelingen Barenboim immer wieder luftige, fast schwebende Momente, in denen er das Drängen bremst, sich selbst hinterherzuhören scheint und Fragen an die Musik stellt, wo er dieser zuvor  die Tür vor der Nase zugeschlagen hat. Natürlich ist die dynamische Schere auch hier streckenweise zu weit geöffnet, streben Solist und Orchester wiederholt auseinander, und doch lässt sich erahnen, was gerade in der Solopartie steckt, gibt man ihr Raum zum Amen.

HöchstleistGut dass Gustavo Dudamel da ist: Der Venezolaner dirigiert die Staatskapelle, immerhin das  Orchester seines Solisten, mit großer Souveränität und einigem Selbstbewusstsein. Auch ihm ist der romantische Schönklang nicht genug, aber wo Barenboim mit der Brechstange hantiert, führt Dudamel eine besonders feine Klinge. Dudamel lotet das dramatische Potenzial des Werks aus, setzt auf dynamische Kontraste und eine organische Spannungsentwicklung. Dabei wählt er äußerst langsame Tempi und einen schlanken kompakten Klang, den die hohen, schneidenden Streicher dominieren. Damit bietet er seinem Orchester genügend Steigerungspotenzial, um das Ausdrucksspektrum des Werkes voll und ganz auszunutzen. Will er dramatische Effekte, steigert er Tempi, sucht er Kraft, reichert er die hohen Register mit einer prägnanten Paukengrundierung an, soll es lyrisch sein, schiebt er Hörner und Holzbläser in den Vordergrund. So entfaltet sich ein Klanguniversum, das zutiefst romantisch ist, Beethoven ebenso mitdenkt wie Wagner und den Blick in die Zukunft erlaubt. Vor allem dem Kopfsatz entlockt er alles an Komplexität, das er zu bieten hat, betont das Sinfonische des Maestoso. Ein nuancenreiches Spiel nicht ohne – absichtsvolle – Brüche, luftig und muskulös zugleich. Man könnte abtauchen in diesen Klangozean, ritte der Solist nicht immer seine viel zu oft ins Leere laufenden Attacken.

Nach der Pause, im B-Dur-Konzert, nähern sich die zuvor so disparaten Welten spürbar an. Das liegt vor allem an Daniel Barenboim. Natürlich ist sein Anschlag insbesondere im Kopfsatz noch immer streckenweise zu schrill und doch gelingen ihm zunehmend überzeugende Passagen, gewinnt sein Spiel immer mehr an Klarheit, sein Zugriff an Zwischentönen. Und plötzlich tritt er gar in einen Dialog mit der Staatskapelle ein, die das Angebot dankend annimmt. Vor allem die lyrische Passage des Eingangssatzes gerät geradezu betörend, behutsam entfaltet Dudamel einen immer voller werdenden, warmen romantischen Klang, mit dem Barenboim nun innige Zwiesprache hält. Auch hier betont Dudamel die oft gerühmte sinfonische Natur des Satzes.  Im zweiten Satz fällt der Solist wieder ein wenig in alte Verhaltensmuster zurück, sein Spiel ist so aufgewühlt, dass es die melodischen Entwicklung immer wieder zu erdrücken droht. Das Orchester dagegen überzeugt durch Klarheit, Konturenschärfe und eine stimmige Spannungsentwicklung.

Viel stärker die beiden Schlusssätze: Im Andante deutet Barenboim an, warum er sein mehr als einem halben Jahrhundert zu den größten Pianisten der Welt gerechnet wird. Da schwebt sein Spiel, schimmern die Klänge seines Instrumentes in einem kaum fassbaren Zwischenraum, der hinter der Linearität des Vorwärtsdrängend einen anderen Zeitbegriff andeutet. Da ist ein Innehalten, ein Nachklingen, eine Verlangsamung der Zeit, die ganz viel Licht lässt in die zarte Zerbrechlichkeit dieser Musik. Das Orchester findet eine zwingende Balance aus Kraft und lyrischer Innigkeit, die nun auch Barenboim gelingt. So ist sein Anschlag in den lebhafteren Passagen energisch, aber stets klar und fließend. Ganz und gar licht wird es dann im Schlusssatz, dem Dudamel jegliche Hektik austreibt. Barenboim entschleunigt wiederholt, das Nachhorchen, das sein andante auszeichnete, fügt sich nun ideal ein in die leichte, heitere, optimistische Stimmung, die Dudamel diesem vierten Satz verordnet. Dabei erlaubt er dem Orchester zuweilen, ein volles, ganz und gar romantisches Klangbild zu zitieren, nur um den Solisten im nächsten Moment jedem Versuch des Vorpreschens entgegensteuern zu lassen. Und so entfaltet sich ein ganz und gar unaufgeregter Schwung, durchzieht die Philharmonie am Ende ein angenehmer und reinigender Luftzug, der die anschließenden Ovationen ein wenig angemessener wirken lässt.

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