Die Geister, die wir riefen

Christoph Marthaler: Letzte Tage. Ein Vorabend, Wiener Festwochen / Staatsoper im Schiller Theater, Berlin (Regie: Christoph Marthaler)

Von Sascha Krieger

Stille. Irgendwo, weit weg in der Ferne, beginnt ein Klavier zu spielen. Es sind sperrige Klänge, die sich wiederholen, nicht so recht vorankommen wollen. Eine Frau betritt den Raum, setzt sich ans Klavier und beginnt zu spielen. Heitereres, dem ungeübten Ohr Angenehmeres. Kaum hebt es den Kopf, wird es von den nun selbstbewussteren Tönen aus dem Off überspült. Lange währt dieses musikalische Zwiegespräch, das kein Dialog ist, eher ein sanft verzweifelter Versuch, nicht zu verstummen, die Stille mit Bedeutung zu füllen. So beginnt Christoph Marthalers Letzte Tage. Ein Vorabend, der im Rahmen der Wiener Festwochen 2013 Premier hatte und dort im alten Saal des österreichischen Parlaments zur Aufführung kam. Dieser Ort wird auch bei der jetzigen Übernahme an die Berliner Staatsoper im Schiller Theater thematisiert: durch den Beamten, der die Putztruppe zu Beginn anweist und die Geschichte des Raumes anreißt, oder die chinesische Touristengruppe, die gegen Ende des Saal durchquert und krampfhaftversucht, ihn im Blitzlichtgewitter in die Gegenwart zu zerren.

Abstauben der Gespenster (Foto: Bernd Uhlig)

Abstauben der Gespenster (Foto: Bernd Uhlig)

Die Transposition des Originalraumes in einen anderen, gänzlich fremden, fügt eine weitere Abstraktionsebene hinzu. Der politische Raum, den Marthaler in Wien buchstäblich füllte, ist hier nur mehr Zitat, Erinnerung, Assoziationsmaterial. Nicht mehr physisch greifbar. Er passt damit vielleicht noch besser zu einem Abend, dem das Schweben in und zwischen Raum und Zeit innewohnt. Wie so oft bringt Marthaler die Zeit zum Stillstand. Er tut das mit der Sogkraft der Musik, die er heranwehen lässt wie aus einem Traum. Vielleicht befinden wir uns in jenem fragilen Zwischenraum des Aufwachmomentes, in dem Traumwelt und Realität noch um die Vorherrschaft buhlen und der Ausgang ungewiss scheint. Und so schlägt Marthaler gleich Schneisen in jegliche Linearitätsbehauptung von Zeit: Der Verortung im Hier und Jetzt folgt der Sprung in eine ferne Zukunft, in der der Antisemitismus als herausragende europäische Kerneigenschaft zum Weltkulturerbe erklärt wird und weiter ins Jahr 1894. Dort hält der österreichische Abgeordnete Karl Lueger eine offen antisemitische Rede, die Josef Ostendorf mit bürokratisch-sachlicher Ausdruckslosigkeit vorträgt.

Spätestens hier sind multiple Vergangenheiten, Gegenwart und Zukunft eins, in einem Geistertanz fahler, im Raum verteilter Gestalten, die zunächst von der Putzkolonne abgestaubt werden müssen, um anschließend von der Notwendigkeit, alles Jüdische zu bekämpfen, genetischen Unterschiede der Rassen, Überfremdung und dem Kampf für „völkische“ Werte zu sprechen und sich genüsslich in der für die österreichische Sicht auf die jüngere Geschichte so typischen Opferrhetorik zu wälzen. Die Texte stammen aus dem 19. wie aus dem 21. Jahrhundert, von lange Verstorbenen wie höchst lebendigen, darunter einer FP-Abgeordneten und dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Das Halbrund, halb abgedeckt, so manche Sitzreihe herausgerissen, ist eine Art Wartesaal, eine Vorhölle, in der das fröhliche – der Einzug der „Redner“ gemahnt an einen Karnevalszug – Urständ feiert, was wir so gern in ferner Vergangenheit verorten würden und das doch täglich und zunehmend unverblümt seine Fratze inmitten unseres Jetzt und Hier zeigt. Marthaler lässt den Hass mit einigem Ernst predigen, beim Griff in die Ironiekiste hält er sich merklich und absichtsvoll zurück. Er will, dass diese Worte und Gedanken wirken, dass der Zuschauer zum Zuhörer wird, sich auf eine gedankliche Welt einlässt, in der sich der Wert von Mensch und Gesellschaft selbstverständlich nur über die Entwertung anderer behaupten lässt.

Diese anderen bleiben – mit der Ausnahme eines Afroösterreichers, der der FPÖ-Politikerin im Doppelinterview Paroli bietet – stumm. Und sind doch fast durchgängig zu hören. Denn dem gesprochenen Wort stellt Christoph Marthaler die zeitlich und räumlich alle grenzen sprengende Kraft der Musik entgegen. Es ist jene jüdischer Komponisten, von denen einige in der Shoah ermordet, andere im Exil überlebt haben. Musikalisch reicht das Spektrum von romantischen, zuweilen jüdische Traditionen zitierenden bis zu modernen Klangwelten. Gespielt von der in einer Ecke hockenden, das Theresienstädter „Orchester“ zitierenden Wienergruppe, bildet die Musik, unaufdringlich und sachlich platziert, den Gegenpol, der irgendwann den beredten Hass zum Verstummen bringt. Und so bleibt am Schluss nur die Musik, werden die geisterhaften gestalten zu ziellos die Plätze wechselnden und pantomimisch gestikulierenden puppen, die der Sprache des Lebens nicht hinzuzufügen haben. Der Abend endet mit  dem Chor „Wer bis an das Ende beharrt“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy. In größter Langsamkeit den rang durchschreitet singen in die Darsteller mit resignativer Ruhe und nüchterner Innigkeit. Lange noch weht die Musik von draußen herein, droht mehrfach zu ersterben, nur um noch ein weiteres Mal anzusetzen.

Es ist ein nicht enden wollender und nicht enden sollender meditativer Moment, der einen Abend beschließt, in dem die Aufhebung jeglicher räumlicher und zeitlicher Linearität, die das Theater Christoph Marthalers auszeichnet, zu sich selbst kommt wie nur selten in seinem Oeuvre. Denn der Zwischenwelt, dem stehengebliebenen Schwebezustand, in den wir fast zweieinhalb Stunden eintauchen dürfen, ist das ungefähre fremd. Die Juxtaposition von verletzendem Wort und selbstbehauptender Musik, der Verschränkung der Zeiten und die Hörbarmachung des Verschwundenen entfalten eine Unmittelbarkeit, die die abschließende Stille kaum ertragbar und doch zugleich tröstlich macht, die davon spricht, dass die Auslöscher und Vernichter und Wegdefinierer am Ende keine Chance haben werden. Dabei ist Marthaler nicht naiv, die Stille stets auch eine der Friedhöfe. Und doch ist da etwas, dass sich nicht töten, nicht ausmerzen lässt. Hier in diesem Raum, in dem sich die Geister, von denen auch wir uns nie frei sprechen können, treffen, ist es beinahe greifbar.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: