Zerbrechliche Mitte

BBC Proms 2014 – Die Tschechische Philharmonie spielt Werke von Janáček, Dvořák und Beethoven

Von Sascha Krieger

Konzertreise sind so eine Sache: Auf der einen Seite sind sie wertvolle Marketinginstrumente, die Orchester international bekannter machen, den Marktwert steigern, viel Geld einbringen und Aufnahmen verkaufen helfen. Auf der anderen Seite schränkt sie die Klangkörper künstlerisch ein: Ein Image soll verkauft werden und so muss man dem Publikum geben, was es erwartet. Im Fall der Tschechischen Philharmonie sind die Erwartungen klar: Das Orchester soll Botschafter der heimischen Musiktradition sein, die tschechische Seele im Gepäck haben, romantische Vorstellungen schwungvoller wie gefühlvoller Folklore-getränkter Musik bedienen. Jiří Bělohlávek kennt das Spiel. Und so stehen auf dem Programm seines Gastspiels in der Royal Albert Hall zwei der großen Namen der tschechischen Musik: Leoš Janáček und Antonín Dvořák (der dritte, Bedřich Smetana, wird in der Zugabe seine Aufwartung machen). Für Bělohlávek ist es ein Heimspiel: Als Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra war er sechs Jahre lang Gastgeber bei den BBC Proms, dem wohl berühmtesten Musikfestival der Welt. Er weiß, wie der sprichwörtliche Hase läuft und wie er das Ehrfurcht-gebietende Monster der riesigen Royal Albert Hall zu bändigen im Stande ist.

Die Royal Albert Hall in London, Heimstatt der BBC Proms (Foto: Sascha Krieger)

Die Royal Albert Hall in London, Heimstatt der BBC Proms (Foto: Sascha Krieger)

Mäßigung ist der Weg, der Mittelweg, könnte man sagen, den er wählt. Das ist insbesondere beim Auftakt, der Ouvertüre von Janáčeks Oper Aus einem Totenhaus zu spüren. Bělohlávek balanciert Bedrohung und folkloristische Leichtigkeit, Düsternis und Licht, Schmerz und Hoffnung so geschickt, dass das stück so mühelos vorbeizieht, dass es kaum aine spur hinterlässt. Das Spiel ist licht, der Klang voll und mäßig transparent, doch es fehlt – mit Ausnahme des finalen Crescendo – jegliche Spannung. Die Reise in das Herz menschlicher Dunkelheit, die das von Dostojewski inspirierte Werk auch ist, fällt aus. Mit wunderbar warmem, vom exzellent aufgelegten Holzbläserensemble dominiertem Klang geht es dann in Dvořáks Cello-Konzert weiter. Bělohlávek versteht sich als Mittler zwischen den Kontrasten, sein Ansatz ist einer des organischen Fließens, in dem alles aus einander entsteht und miteinander zusammenhängt. Pointierte Dynamik würde da nur stören. Dabei ist das Orchesterspiel, das sich hier mehr noch als beim auftakt als Einheit versteht, durchaus kraftvoll, doch wird die Schwelle zu Regionen, in denen Kraft in Unbehagen umschlagen könnte, nie auch nur tuschiert. Diese Musik kennt keine Abgründe.

Das kommt dem zweiten Satz durchaus zugute: Auch hier geht der Blick stets aufs große Ganze, gelingt die Balance von Klangfülle und Transparenz ganz meisterhaft, entwickelt der Dirigent aus tastenden Anfängen einen ruhigen, beinahe meditativen Fluss, bei dem es auch nicht stört dass er den Zusatz „ma non troppo“ hinter der Satzbezeichnung Adagio geflissentlich ignoriert. Hier finden auch Orchester und Solistin Alisa Weilerstein zusammen, nachdem diese im Kopfsatz vor allem in den dramatischeren Passagen ihren Ton oft nicht zu finden vermochte und ihr fahles Spiel immer wieder im Orchesterozean unterging. Überzeugen konnte sie dort in den lyrischen Passagen, die sie mit einer innigen Vorsicht nahm, wie sie im zweiten Satz gefragt ist. Und tatsächlich. plötzlich hebt hier in wunderbarem Einvernehmen mit dem aufmerksamen Orchester ein berückend schöner, schmelzend zarter und berührend inniger Gesang an, dass man als Zuhörer mühe hat, sich von ihm nicht davontragen zu lassen. Dunkler dann der Schlusssatz, doch haben Orchester und Solistin längst ihre gemeinsame Mitte gefunden. Plötzlich gelingt Weilerstein auch das Dramatische, streift ihr kraftvoller strich wiederholt die Grenze zum Dissonanten und deutet sie die Fragilität aller Schönheit an. Das Orchester beginnt mit opaker Strenge, bevor sich der klang wieder weitet, erneut angeführt von den Holzbläsern. Auf Weilersteins sanfte finale Klage folgt ein selbstbewusstes Schlusstatement des Orchesters. Die Regenwolken sind verjagt, die Luft gereinigt. Zeit für stürmischen Applaus.

Nach der Pause folgt Beethovens siebte Sinfonie. Auch hier erweist sich Bělohlávek als durchaus konservativer Vermittler. Die langsamen Tempi wirken wie aus der Zeit gefallen, der lyrische vom Holz dominierte Beginn scheint wie von Dvořák herüberzuwehen. Bělohlávek lädt den Eingangssatz auf mit einer pastoralen Freude, die an Beethovens Vorgängersinfonie erinnert und den Klassiker zugleich als Vorläufer der tschechischen Romantiker erscheinen lässt. Der feste, opake Klang kontrastiert mit der Leichtigkeit der fließenden musikalischen Bewegung, die auf durchaus festen Füßen steht. Wie hingetupft dann der Beginn des eindringlichen Allegretto. Bělohlávek nimmt den schmerzvollen Ernst diese zögernden Marschs mit großer Sachlichkeit, das spiel ist zurückgenommen, trumpft nicht auf, enthält sich jeder schwere und vermag genau dadurch zu brührer. Die Intensitätssteigerung geschieht kaum merklich, wenn das finale Crescendo dann in monumentaler Strenge  kulminiert, erzeugt das als geballte einzelne Stimme auftretende Orchester eine Erschütterung, wie sie dieser nie kalt lassende Satz lange nicht mehr zustande gebracht hat. Hier werden innig lyrisches Flehen und harte Unerbittlichkeit in einer Weise Eines, der sich im riesigen rund des Saales keiner entziehen kann.

Damit ist der Zenith des Abends erreicht, alles Weitere ist Epilog. Ungewöhnlich lang die Pause vor dem dritten Satz, der noch einmal die pastorale Stimmung des Kopfsatzes zitiert.. Statt explosiver Energie bietet er übermütig sprudelnde Freude, die doch nach der Zäsur des zweiten Satzes nicht mehr so ganz an sich zu glauben scheint. Vor allem das zweite Thema kommt sehr behäbig daher, als wäre es nurmehr Zitat eines kaum noch Erinerten. Vollkommen misslungen dann der Schlusssatz: Das wahnwitzig dahin jagende erste Thema entbehrt jeglicher Konturen, gerät zum verschwommenen Klangbrei, dem Versuch des Orchesters, Kraft zu erzeugen steht das Fehlen jeder klanglicher Klarheit im Wege, die dynamischen Kontraste haben keine Mitte, Höhen und Tiefen kein Gleichgewicht, das komplexe musikalische Gewebe fällt vollends auseinander. Der Satz hetzt hektisch seinem Ende entgegen, die verstreuten Trümmer des Allegretto-Erdbebens vermag er nicht mehr aufzusammeln. So endet ein Abend, der brav begonnen hat und dann den Mut hatte so viel zu riskieren, dass er die Gefahr zu scheitern in Kauf nahm. Es ist ihm hoch anzurechnen.

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