Diktatoren des Guten

Nachtrag zum Theatertreffen der Jugend 2014 – Freiheit und Demokratie, du Wichser!, TaGGS, Goethe-Gymnasium Schwerin*

Von Sascha Krieger

Am Anfang sitzen Mohammed Atta, der Anführer der Terroristen des 11. Septembers und ein Komplize im Flugzeug-Cockpit und diskutieren über die Anzahl der Jungfrauen, die sie im Paradies erwarten werden. Wenn Boss Osama mitteilt, dass sie angesichts der Märtyrer-Flut nicht ausreichen werden, versuchen sie abzudrehen. Nächstes Ziel Bahamas. Am Schluss stehen Jesus und Hitler nebeneinander, bedeckt von Blut und Konfetti, und halten Händchen. Gut und Böse, Freiheit und Terrorismus, Moral und Unmenschlichkeit: Sie liegen nicht nur näher beieinander als uns lieb sein kann, sie sind nicht voneinander zu trennen. Das Gute, so heißt es am Anfang, braucht das Böse, um Gut zu sein. Da ist der Schritt zu ihrer Ununterscheidbarkeit, ja, Austauschbarkeit nicht mehr weit. Und so wird der Chor des Guten zum mantraartig und mit steigender Aggressivität deklamierten Dauerfeuer des Wörtchens „gut“, das zur Waffe mutiert im Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei, in der Abgrenzung der „guten“, ersten Welt vom draußen zu haltenden Pöbel. Da kommt die Stimme von Freiheit und Demokratie als gleichgeschaltetes Unisono daher, führt der Weg von Fair Trade und Bio geradewegs in die Intoleranz der Toleranten, in die Diktatur des Guten.

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Das ist die Prämisse, unter der die Theatergruppe des Schweriner Goethe-Gymnasiums eine grelle Revue über ihre Sicht auf die Verfasstheit unserer Welt auf die Bühne bringt. Eine Prämisse, in die sich vom Privatesten bis zur Weltgeschichte so ziemlich alles hineinpacken lässt. Und die nicht gerade eine optimistische Weltsicht offenbart: Da endet die ganz persönliche Liebessehnsucht im besten Fall in Resignation und Einsamkeit, wenn es schlechter läuft, ist das Ergebnis auch schon mal eine Gruppenvergewaltigung. Die Oberflächlichkeit der westlichen Welt wird ebenso ausgestellt wie die Hohlheit ihrer Phrasen von Freiheit und Demokratie und der Hybris, dem Rest der Welt das eigene Modell überstülpen zu wollen. Die Bühne bedeckt ein kreuzförmiger Laufsteg, der Dekadenz und Wertbehauptung verschränkt. Wenn Models ausdruckslos über den Catwalk laufen oder selbstverliebt ihre innere Leere zur Schau stellen, wenn ein lächelnder Redner in Nazi-Uniform die Besinnung auf gemeinsame Werte fordert, dann weiß der Zuschauer, was die Stunde geschlagen hat.

Und dann wundert man sich nicht mehr, wenn eine Party voller klonartig gleich aussehender blonder und blauäugiger Models, die natürlich alle Tim heißen, im kollektiven Aufgeilen an Folter- und Mordvideos endet oder wenn das Catwalk-Defilee nahtlos in eine Waterboarding-Simulation übergeht.  Die Welt ist schlecht, die Menschen sowieso, und je mehr wir auf unserem Gutsein bestehen, desto sicherer triumphiert das Böse. Das sich bei aller Wutentladung erahnen lässt, wenn die Geschichte einer Flugzeugkatastrophe lustvoll in allen Details so effektsicher wie entwürdigend ausgebreitet wird und in einer beinahe orgasmischen Massentötungsphantasie, die sich natürlich gegen Models richtet, endet. Am Ende wird der Laufsteg zur Abendmahltafel, die dann zu besagtem Händchenhalten führt. Religion, Totalitarismus: Egal! Alles ist Machtinstrument, Unterdrückungsmechanik, Herrschaftsmittel.

Der Abend bedient sich einer Vielzahl theatraler Mittel, verschränkt Spiel und chorisches Sprechen, Choreografie und TV-Ästhetik. Er wechselt zwischen epischem Erzählen, körperlichem Ausdruck und überzogen-grellem Spiel, überzeugt durch einen handwerklich nicht zu beanstandenden Rhythmus aus Tempo- und Stimmungswechseln, dass sich Langeweile nie einstellt, auch wenn die Übergänge nicht immer gelingen und der Abend streckenweise zur Nummernrevue gerät. Das Problem von Freiheit und Demokratie, du Wichser! liegt woanders. Zu schwarz und weiß, zu einfach ist die Weltsicht, als dass sich hier irgendeine Spannung aufbauen könnte. Zu plakativ und grell die Standpunktbestimmnung, zu kalkuliert die verschiedenen Tabubrüche, die mit zunehmender Dauer eher peinlich berühren, als dass sie schockieren oder gar aufrütteln würden. Der Abend gefällt sich letztlich, darin, auf der richtigen Seite zu stehen und fällt in das gleiche selbstgerechte Muster, das er zunächst karikiert. Wie sich die Partybesucher masturbatorisch an der Gewalt ergötzen, tut es der Abend, indem er mit der eigenen vermeintlichen Klarsicht auf die Welt kokettiert. Und so ist er letztlich nicht viel weniger eitel als die Gesellschaft, die er vorzuführen behauptet. Das ist alles andere als inkonsequent, denn die, die hier auf der Bühne stehen, gehören schließlich genauso dazu wie wir Zuschauer. Schade, dass diese Einsicht fehlt.

*Rezension auf Basis einer Videoaufzeichnung

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7 Gedanken zu „Diktatoren des Guten

  1. […] die provokative Hinterfragung des westlichen Wertesystems in der Schweriner Produktion Freiheit und Demokratie, du Wichser! und die Münchner Simon-Stephens-Adaption Punk Rock zu verstören. Nein, um pubertäre Mätzchen […]

  2. ayumiju sagt:

    Ich finde deine Kritiken toll und sehr anregend all diese Stuecke einmal live zu sehen. Berichtest du auch vom Schultheaterfestival der Laender? Eine ehrliche Kritik von dir ueber die dort gezeigten Stuecke wuerde mich sehr freuen da ich selbst in einer der teilnehmenden Produktionen mitwirke.

  3. Vielen Dank für das Lob! Vom Schultheaterfestival kann ich leider nicht berichten, Saarbrücken ist dann doch zu weit weg. Ich wünsche aber viel Spaß und Erfolg!

  4. ayumiju sagt:

    Schade deine Meinung zu unserem Stueck haette mich wirklich interessiert. Oder ich muss dir wenn wir den Mittschnitt erhalten mal die DVD schicken. Wie kommst du eigentlich dazu nen Blog ueber Theaterkritiken zu fuehren?

  5. Gern kannst du mir den Mitschnitt schicken, würde mich auf jeden Fall interessieren. Wie ich zum Theaterbloggen komme? Hmm. Interesse am Theater, Leidenschaft fürs Schreiben und sicher auch ein bisschen Eitelkeit, dass meine Sicht auf die Dinge so bedeutend ist, dass andere sie unbedingt kennenlernen sollten. )

  6. ayumiju sagt:

    Haha ich glaube nicht gerade dass es Eitelkeit ist, wass uns Blogger antreibt es ist eher die Suche nach Gleichgesinnten zum Meinungs und Ideenaustausch.

  7. ayumiju sagt:

    Übriges um dir den Mittschnitt zu schicken muesstest du mir deine Adresse irgendwie zukommen lassen.

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