Sandkasten-Rowdies auf Flokati

Rolf Hochhuth: Sommer 14. Ein Totentanz, Theater am Schiffbauerdamm, Berlin (Regie: Torsten Münchow)

Von Sascha Krieger

Rolf Hochhuth und das Berliner Ensemble: Seit Jahren haben wir uns daran gewöhnt, dass das unterhaltsamste Sommertheater der Hauptstadt vor den Toren des Hauses stattfindet das der Ilse-Holzapfel-Stiftung des Dramatikers gehört und in dem das Land Berlin Pächter ist und das Berliner Ensemble betreibt, seit einer gefühlten Ewigkeit unter der Intendanz Claus Peymanns. Nun hat sich Hochhuth in den Pachtvertrag schreiben lassen, jedes Jahr in den Theaterferien ein eigenes Stück auf die Bühne seines Hauses bringen zu dürfen. Und Jahr ein Jahr aus gibt es den wunderbarsten Streit: Senat und Peymann pochen auf anmeldungsfristen, Hochhuth droht mit Kündigung, Spaß haben vor allem Anwälte und Medien, Theater im herkömmlichen Sinn war dagegen seit 2010 nicht mehr zu sehen. Ganz anders in diesem Jahr: Ganz ohne mediale Fanfaren darf Hochhuth passend zum 100-jährigen Weltkriegsausbruch sein Drama Sommer14 auf die Bühne bringen. Von Peymann war im Vorfeld gar nichts zu hören und selbst Hochhuth schlug erstaunlich versöhnliche Töne an. Das war dem streitlustigen Dramatiker denn wohl doch nicht ganz geheuer und so schrieb er Berliner Medien kurz vor der Premiere eine geharnischte E-Mail, in der er die Inszenierung des hauptberuflichen Schauspielers und Synchronsprechers Torsten Münchow in Bausch und Bogen verdammte. Da war so mancher langjähriger Beobachter des Sommertheaters vom Schiffbauerdamm beinahe versucht, aufzuatmen. Die vorherige Harmonie war dann doch ein wenig unheimlich.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Was dann in den knapp zweieinhalb Stunden über die Bühne geht, rechtfertigt die Aufregung eigentlich nicht. Positiv anzumerken ist zunächst, das Münchow den über 400 Seiten starken Text keineswegs mit Samthandschuhen anfasst. Ganz im Gegenteil: am Ende bleiben gerade einmal 70 Seiten von Hochhuths Collage über die Zeit unmittelbar vor Kriegsausbruch übrig. Münchow hat die Handlung in eine Art Penthouse mit weißem Flokati verlegt, in das hin und wieder ein Fahrstuhl in Jugendstil-Anlehnung neue Besucher im Bademantel spült und wo man sich ansonsten gelangweilt rekelt und, weil man gerade nicht besseres zu tun hat, Kriegspläne und Intrigen schmiedet, wobei die Stoßrichtung klar ist: schuldigt sind die machtgeilen Politiker und kriegslüsternen Militärs, die Monarchen dagegen sind vor allem Getriebene. Das gilt vor allem für Wilhelm, den Mathieu Carrière als rat- und hilflos bemühten Harmonie und Friedenssucher mit einem gehörigen Schuss Aufmüpfigkeit spielt, ein Bild, das sich in der Geschichtsschreibung zuletzt zunehmend durchgesetzt hat. Ohnehin scheint dieser somnambulen Gesellschaft Christopher Clarks Weltkriegs-Bestseller Die Schlafwandler Pate gestanden zu haben, eine geschichtssicht, die Hochhuth moralisierender Zeigefingerattitüde nicht so ganz entsprechen will.

Münchow dagegen macht aus dem Kriegspielen eine Show einer dekadent überspannten Gesellschaft. Da gibt es gesangseinlagen, eine Art Talkshow, man applaudiert jedem Versuch, die Beteiligten aus ihrem Halbschlaf zu reißen. Der Weltenbrand als Sandkastenspiel: Jens Schleicher als infantil auffahrender, sich an den eigenen Ränkespielen fast orgasmisch ergötzender Spielplatz-Rowdy Winston Churchill verkörpert das par excellence. Vielleicht schwebte Münchow tatsächlich eine grelle Farce vor, doch bleibt das Fragment. Dazwischen wird unsicher herumgestanden, hölzern dialogisiert und pathetisch deklamiert. Vor allem von Diana Körner als das beginnende Schlachten beobachtender Tod in der die griechische zitierenden Rahmenhandlung befremdend auf das menschliche Treiben starrender Figuren, mit der Münchow sichtlich nichts anzufangen weiß. Maike Knirschs eingeschobener Monolog eines Opfers der Vernichtung der Lusitania mag da berühren, ansonsten ist das schauspielerische und über weite Strecken auch das inszenatorische Niveau kaum diskutabel. Die Ausnahme ist Carrière, der Graustufen und Bedeutungsebenen andeutet, von denen Autor und Regisseur nichts zu ahnen scheinen. Dem übrigen, nicht immer aus den richtigen Gründen namhafte Ensemble, ist vielleicht die kurze Probenzeit anzumerken, insbesondere Stargast Ottfried Fischer als österreichischer Kaiser macht aus seinem einen Probentag keinen Hehl und nuschelt sein bisschen Text mit einigem Charme, sanfter Ironie und größtmöglicher Distanz weg. Durchaus gestandene Schauspieler wie Körner oder reiner schöne dagegen berühren mit ihrem aufgesetzt bedeutungsheischendem Ernst eher peinlich, über Auftritte wie den von Ex-Dschungelcamperin Caroline Beil (auch Carrière hat ja eine entsprechende Vergangenheit) oder die stumme Anwesenheit des vor Aufregung zitternden Star-Friseurs breitet man besser den Mantel des Schweigens.

Hochhuths moralisierend plakativem und viel zu oft in plumpe Banalitäten abkippenden Text, der den Kriegsausbruch wohlfeil verdammt, statt ihn zu erhellen zu versuchen, hat Münchow letztlich wenig entgegenzusetzen. Ob grelle Farce oder ernsthaftes Lehrstück – insbesondere der zeigefingerwedelnde Schluss mit dem Antikriegsappell des „unbekannten Soldaten“ stößt unangenehm auf – der Abend findet keine Mitte, hat kein Gleichgewicht und leidet zudem unter massiven handwerklichen Schwächen. Das will nicht Boulevard, sondern ernstzunehmendes Theater sein und geht doch irgendwo dazwischen unter. Anzurechnen ist Münchow, dass er versucht, den Text nicht vom Blatt zu spielen, dass er ihn gar ein wenig mit neueren geschichtlichen Erkenntnissen verschränkt, nur bleibt es eben beim Versuch. Erinnerungswert ist letztlich nur der ziellos durch die Geschichte irrlichternde Wilhelm von Mathieu Carrière, der als einziger die Verstörung, die diese Menschheitskatastrophe noch heute in uns auslösen sollte, punktuell spürbar macht. Ansonsten ist zu begrüßen, dass der Spuk in wenigen Tagen schon wieder vorüber ist.

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