„Ich wäre dümmer ohne Theater“

Ein Blick auf das Theatertreffen der Jugend 2014 und seine Protagonisten

Von Sascha Krieger

Wenn Jugendliche Theater machen, kommt dabei mehr oder weniger ambitioniertes Laienspiel heraus, das sich primär der Nabelschau widmet und im allerbesten Fall einen interessanten Einblick in die Lebenswelten junger Menschen ermöglicht. Dass sich diese Sichtweise noch längst nicht überholt hat, daran sind auch die Feuilletons nicht ganz unschuldig. Junges Theater kommt dort so gut wie nicht vor, auch in der Theaterpresse findet sich kaum einmal Raum dafür. Wer das diesjährige Theatertreffen der Jugend besucht hat, kann über beides – die mediale Ignoranz wie den herablasssenden Blick auf das vermeintliche Laientheater – nur den Kopf schütteln. Längst hat sich das Theater mit und von jungen Menschen nicht nur einen Platz an so manchem etablierten Haus im deutschsprachigen Raum erkämpft – es gibt sogar gute Gründe, dem Jungen Theater eine eigene Kategorie im Theateruniversum anzuerkennen, so wenig vergleichbar sind Produktions- und Stückentwicklungsprozesse mit denen des „Erwachsenentheaters“, so unik die jugendliche Sicht auf Theater und Welt. Dabei ist die Vielfalt schon an der Grenze des noch Überblickbaren: Beim Berliner Festival reichte in diesem Jahr das Spektrum vom Klassenprojekt über Schultheatergruppen bis hin zu Jugendclubs und Jugendtheatersparten von Stadttheatern. Es gab Bearbeitungen alter Stoffe und zeitgenössisches Drama zu sehen – und natürlich Stückentwicklungen, nach wie vor die Königsklasse des jungen Theaters.

Fünf Teilnehmer des Theatertreffens der Jugend 2014: Lea Mattenklotz, Moritz Gärber, Moana Wirth, Helene Gottschling und Vanessa Varga (v.l.)

Fünf Teilnehmer des Theatertreffens der Jugend 2014: Lea Mattenklotz, Moritz Gärber, Moana Wirth, Helene Gottschling und Vanessa Varga (v.l.) (Foto: Sascha Krieger)

Vor allem aber bot das Treffen, etwas, was viele so oft im professionellen Theaterbetrieb vermissen: Welthaltigkeit. Natürlich waren die Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden und das Welterleben Jugendlicher vertreten, etwa in der Parzival-Bearbeitung einer neunten Klasse oder im musicalartigen Rundumschlag Love Life Reality. Doch schon hier und noch mehr in der Berliner Gender-Farce 90/60/90: Rollenscheiß!  war das Politische nie weit, das Coming of Age nicht von der Außenwelt trennbar. Um Standpunkte ging es immer wieder, um die Notwendigkeit du Lust, diese auch zu verteidigen. Dabei war auffällig, wie ernst der Themenkanon in diesem Jahr war und wie hart so manche Auseinandersetzung: Näherte sich die Gruppe des Berliner Theaters an der Parkaue dem Tod auf spielerische und humorvolle Weise und erschlossen sich Grevenbroicher Schüler die Schrecken des ersten Weltkrieges ganz persönlich per Video, Theater und Fantasie, vermochten die Direktheit des Hamburger Stücks über den Syrien-Krieg, die provokative Hinterfragung des westlichen Wertesystems in der Schweriner Produktion Freiheit und Demokratie, du Wichser! und die Münchner Simon-Stephens-Adaption Punk Rock zu verstören. Nein, um pubertäre Mätzchen geht es im jungen Theater schon längst nicht mehr: Junge Menschen finden sich heute in einer Welt wieder, die sie nicht in Ruhe lässt und zur Positionierung zwingt. Das geschah in Berlin auf und außerhalb der Bühne, in nicht wenigen hitzigen Diskussionen. Realität war überall, der wohlige Kokon, den das Theater viel zu oft noch bildet, abgeschüttelt. Ein Blick auf dieses „Laientheater“ lohnt in jedem Fall.

„Theater therapiert Oberflächlichkeit“

Das gilt auch für die, die dieses Theater mit Leben erfüllen. Moritz Gärber, der seit fünf Jahren am Schweriner TaGGS, der Theatergruppe des örtlichen Goethe-Gymnasiums, spielt, ist so einer. Der provokative Gestus, den sein Stück verkörperte, die Herausforderung, die er der Welt entgegenschleudert, ist auch im Gespräch, wenngleich in abgeschwächter Form, spürbar. Und doch fällt bei ihm wie auch bei anderen Teilnehmern auf, dass die Welterfahrung durch Theater in erster Linie eine Selbsterfahrung ist, dass der Weg zum Standpunkt durch das Kennenlernen und die Auseinandersetzung mit sich selbst führt. Daher ist Theater für ihn in erster Linie kein politischer Raum, sondern einer, in dem sich das eigene Ich erfahren und verändern lässt. „Theater therapiert Oberflächlichkeit,“ sagt er und fügt hinzu: „Ich wäre viel arroganter, engstirniger und arschlochmäßiger. Theater hat mich reflektierter gemacht und damit auch empathischer.“

Vanessa Varga, die bereits studiert und seit 2006 im Jugendclub der Münchner Kammerspiele ist, widerspricht: „Mich hat das Theater eher arrogant gemacht. Arroganz ist nicht unbedingt schlecht. Man muss auch mal Arschloch sein“, sagt sie und meint Selbstbewusstsein: „Man muss sich nicht alles gefallen lassen.“ Auch sie sieht im Theater eine therapeutische Wirkung. Theater schafft Freiräume, ermöglicht es, „dem Ausdruck zu geben, was mich beschäftigt. Ich kann eine persönliche Entwicklung sehen.“ Die Theatergruppe sei „wie eine Familie“, wobei auch kontroverse Auseinandersetzungen gewünscht sind, Reibungen zu kreativem Schaffen führen. Und zu Selbsterkenntnis: „Ich wäre ein komplett anderer Mensch ohne Theater“, sagt sie.

Das sieht Lea Mattenklotz, die bereits fünf Produktionen mit dem Jugendclub des Theaters an der Parkaue in Berlin erarbeitet hat, ähnlich: „Ich wäre dümmer ohne Theater“, ist sie überzeugt und bezeichnet die theaterarbeit als „Psychologiestunde“. Auch das Ausprobieren ist ihr wichtig, dass Theater Raum für jedes Thema bietet: „Hier kann ich meine eigenen Texte schreiben, hier kann ich mich einbringen.“ Auch für sie ist die Unterschiedlichkeit der Charaktere in ihrer Gruppe ein Gewinn, liegt im Austausch ein wertvoller Lernprozess. Der auch seine Schattenseiten hat: „Das Theater klaut viel Freizeit. Manchmal ist es auch belastend. Ich habe mich auch schon gefragt: Warum tust du dir das eigentlich an?“ Auch für sie sind für den schöpferischen Prozess wichtig: „Es ist produktiv, einen Konflikt in der Gruppe zu haben. Nur so kann Neues entstehen.“

Problemlöser Theater

Moana Wirth hat mit der Theatergruppe der Hamburger Stadtteilschule Blankenese ein Stück über den Krieg in Syrien erarbeitet. Ein sehr hartes, das in Berlin auf der Bühne wie im Publikum so manchen sichtlich überforderte. Ein Stück, das nach Katharsis strebt und auch ihrem Theaterverständnis entspricht. Theater ist für sie ein Ort der Auseinandersetzung, mit dem was sie umtreibt. „Theater löst viele Probleme“, ist sie sicher. Konflikt ist dabei das Fundament, auch in der Arbeit der Gruppe. „Theater löst etwas auf und dafür muss zuerst ein Konflikt vorliegen.“ Auch für sie ist Theater eine Schule fürs Leben, und das auf ganz praktische Weise: „Man lernt, sich zu präsentieren. Ich will in die Politik, da muss man überzeugend sein.“

So weit ist Helene Gottschling in ihrer Lebensplanung noch nicht: Die Neuntklässlerin hat mit ihrer Klasse das Stück Looking for Parzival erarbeitet und ist ein Theaterneuling. Auch sie hat die Erfahrung gemacht, dass Konflikte nicht destruktiv sondern der Kreativität förderlich sein können. Den therapeutischen Effekt sieht sie ebenfalls: „Man probiert sich aus und lernt sich dadurch besser kennen“, sagt sie. Dabei ist das  auch nicht nur auf den Einzelnen beschränkt: „Unsere Klasse ist durch das Stück viel stärker zusammengewachsen“, fügt sie hinzu.

Ob sie später weiter Theater machen will, weiß sie noch nicht. Andere sind da schon weiter: „Ich weiß, dass ich definitiv ans Theater gehen werde“, sagt Moritz Gärber. Und auch Vanessa Varga, die derzeit etwas Fachfremdes studiert, hat die Erkenntnis gewonnen: „ich kann nicht komplett ohne Kunst leben. Ich kann mir nicht vorstellen, gar nichts mehr zu machen. Das Theater wird bleiben“, ist sie überzeugt und fordert: „man soll das machen, was man liebt. Man kann nur aus Leidenschaft Erfolg haben.“ Lea Mattenklotz sieht das ganz gegensätzlich: „Ich werde nichts mit Theater mache, weil ich Angst habe, dass es mir irgendwann keinen Spaß mehr macht. Ich habe Angst, den Spaß zu verlieren durch das Geld.“

Theater, das wird schnell klar – aus dem Gespräch mit den Teilnehmern wie aus den vorgestellten Inszenierungen – ist Auseinandersetzung mit der Welt und sich selbst, ist Selbsterkundung und Standpunktfindung, hilft, sich klar zu werden, wer man ist und wo man in der Welt stehen will. Und hier hat das junge Theater in all seiner Vielfalt und in aller Unterschiedlichkeit seiner Erschaffer seinen Ort gefunden: in einer radikalen Hinterfragung der Realität, dem ständigen Zweifel am Gegebenen und der Weigerung, die Welt für unveränderbar zu halten. Junges Theater ist – wenn es leidenschaftlich gelebt wird – herausfordernd und nie routiniert, sich selbst in jeder Aufführung neu erfindend und den Zuschauer nicht aus den Klauen lassend. Vor allem aber ist es, was das „große“ Theater so gern sein will: relevant.

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