So klein der Mensch

Nach Michel Houellebecq: Les particules élémentaires (Regie: Julien Gosselin)

Von Sascha Krieger

Wer hätte das gedacht? Eigentlich, so erzählt uns der gerade 27-jährige französische Theatermacher Julien Gosselin ganz am Ende, ist der Roman Les particules élémentaires (Elementarteilchen) von Michel Houellebecq eine Würdigung des Menschen, mitsamt seiner Fehler, des ewigen Widerstreits von Vernunft und Trieb, der Zufälligkeit genetischer Disposition. Da stehen sie, die neuen, perfekten, Fortpflanzung und Individualität erhobenen Wesen auf der Bühne des Festivals „Foreign Affairs“ – wir schreiben das Jahr 20176 – und prosten der Menschheit zu. Es ist ein versöhnliches, beinahe optimistisch zu nennendes Ende, das der Intention des Autors, der seine irgendwo zwischen Utopie und Dystopie schlingernde Zukunftsvision durchaus ernst gemeint hat, womöglich nicht so ganz entspricht – dem Abend und der künstlerischen Interpretation des Stoffen durch den jungen Regisseur ist es durchaus angemessen.

Foto: Simon Gosselin

Foto: Simon Gosselin

Denn obgleich Gosselin die biologistischen wie philosophischen Exkurse des Buches keineswegs ausklammert, ist der Blick auf Houellebecqs nie provokationsfreien intellektuellen Überbau stets einer, dem die Distanz, das ironische Augenzwinkern inhärent ist. Nein, was auch immer in den knapp vier Stunden an menschlichen Abgründen zu durchschreiten ist, was an Schmerz und Verlust und Einsamkeit und Unmöglichkeit von Nähe durchlitten werden muss – nein, die „ontologische leere“, von der Houellebecq spricht und die er für die Grunderfahrung des modernen Menschen hält, wird nicht geleugnet – zur Abschaffung des Menschen besteht für Gosselin kein Anlass. Eher im Gegenteil.

Stattdessen stürzt sich der Regisseur in das vermeintlich so verachtenswerte Individuelle, ohne den Blick auf große Ganz, die gottgleiche Vogelperspektive je vollständig zu verlassen. Doch so lebensprall der meist halbnackte Sinn- und Sexsucher Bruno seine Präsenz fühlbar macht und so sehr der ewig zweifelnde Michel um so deutlicher sichtbar wird, je mehr er sich in sein nach Unsichtbarkeit strebendes Grau zurückzuziehen versucht, wird schnell klar: Es ist der Mensch, in all seiner Unzulänglichkeit, mit dem wir uns zu befassen haben, es sind die kleinen, kaum wahrgenommenen Glücksmomente, die bei aller ausweglos erscheinenden Sinnsuche, jeden Preis wert sind, auch wenn man sich ihrer vielleicht erst lange nach ihrem Erleben bewusst wird.

Gosselin erzählt menschliches (Er-)Leben denn auch aus der Rückschau heraus, als Reise durch den Raum tatsächlicher oder geträumter Erinnerung. Die Reisegruppe ist durchgängig anwesend, wer gerade nicht gebraucht wird, sitzt zwischen Büromobiliar und Sound-Equipment auf einem U-förmigen Podest um eine vor der Pause rasenbesetzte, danach kahle Spielfläche. Die Erzählung wechselt zwischen erster und dritter Person, Bruno, Michel und weitere Protagonisten erzählen von sich, aber auch den anderen, zuweilen werden Szenen angespielt oder zumindest dialogisch rekapituliert. Eine Art Houellebecq-Wiedergänger mit Parka und hängenden Schultern übernimmt die Autorenperspektive, die sich aber auch über die anderen Spieler verteilt. Zudem liefert er im Duo mit einer Kollegin Michels eine Art Expertenkommentar. Die Sport-Metaphorik ist sicher nicht ungewollt, überhaupt ist die Kommentierung immer gegenwärtig: ob in der kalt wummernden Elektronik-Musik oder den zahlreichen Zwischentiteln, die mal Personen einführen, oft kommentieren und zuweilen ironisieren.

Das Ganze ist eine multiperspektivische Reflexion über Tragik und Lächerlichkeit des Menschen in zwei Teilen: Der erste ist heiteren Tons, voller Hoffnung und Humor, der zweite düster, hoffnungslos, verzweiflungsgetränkt. Persönliches steht neben Allgemeingültigem, die eigene Liebessehnsucht neben den Abgründen menschlichen Strebens: Der Weg vom ziellosen wie zwanghaften Herumirren nach dem nächsten Sex zu den Grausamkeiten eines Charles Manson ist so weit nicht. Dabei negiert das Scheitern die anfängliche Lebensfreude keineswegs, macht die Leere und Verzweiflung des Daseins den Versuch, für sich selbst so etwas wie eine Glücksnische zu finden, nicht weniger sinnvoll. Alles gehört zum Leben, ist ohne das andere nicht denk- und lebbar. Und so rezitiert und spielt und singt man sich durch die Stromschnellen und Gletscherspalten menschlicher Existenz, stets zugleich mittendrin und aus der Ferne die kleinen Leben überblickend. Distanz und Nähe, Ernst und Ironie sind nie zu trennen – wie der Schmerz von der Freude. Wie neu und originell dieser Blick auf das lächerliche Menschengeschlecht ist, darüber ließe sich trefflich streiten. Stringent ist es allemal, unterhaltsam auch und der Vorlage nicht zuletzt auch in jenen Aspekten angemessen, in denen es sich von ihr absetzt. Am Ende sind wir alle rat- und hilflose Liebes- und Glückssucher. Und eigentlich ist das auch ganz gut so.

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