Franchise-Theater

Foreign Affairs 2014 – Pascal Rambert: Ende einer Liebe, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Pascal Rambert)

Von Sascha Krieger

Theater nach dem Wiederholungsprinzip: Der französische Theatermacher Pascal Rambert hat Clôture de l’Amour für das Festival von Avignon 2011 geschrieben und dort inszeniert. Das funktionierte offenbar so gut, dass Rambert daraus gleich eine theatrale Serienproduktion gemacht hat: Seitdem hat er die Inszenierung in Moskau, Zagreb und New York mit dortigen Schauspielern und in der jeweiligen Landessprache wiederbelebt. Jetzt ist Deutschland dran, genauer gesagt das Hamburger Thalia Theater. Jenz Harzer und Marina Galic spielen hier nun die Szenen einer gerade zu Ende gegangenen Liebe. Der Theaterbetrieb als Fließband, als Franchise-Betrieb nach Vorbild von Fastfood-Ketten – Henry Ford hätte seine helle Freude. Die Geschichte passt für eine solche Serialisierung perfekt, ist sie doch vollkommen universell: Er macht mit ihr Schluss, erklärt warum, worauf sie im Anschluss seine Anwürfe erwidert. Rambert stellt sie in größtmöglicher Distanz zu einander auf, wer gerade spricht, ist den Publikum halb zugewandt, der Zuhörende halb abgewandt. es ist eine streng formale Versuchsanordnung, eine prototypische Trennung aus dem Labor menschlicher Gefühle. zwischen den beiden Monologen singt ein Kinderchor vom Kuckuck und vom Esel und deren Streit darüber, „wer wohl am besten sänge“. Das ist natürlich symbolisch gemeint.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

Hier wird ein Motiv etabliert, das sich den Abend hindurchzieht: die Reflexion der Theatersituation. Die Kinder haben, so sagen sie, den Raum für ihre Probe gemietet, wodurch der Rosenkrieg ebenfalls in die Nähe einer Theaterprobe gerückt wird. Auch das Lied ist nicht zufällig gewählt, geht es in ihm doch genauso um einen Performance-Wettstreit wie in der Auseinandersetzung der ehemaligen Liebenden. Fast pänetrant sind die wiederholten Hinweise auf die theatrale Natur des Vorgeführten, wie Rambert ohnehin auf eine plakative Leitmotivik setzt. Krieg, Traum, Fiktion, Arbeit, Blicke, die Körperhaltung sind Themen, die immer wiederkehren – von Harzer zu Waffen geformt und von Galic postwendend zurückgeschickt. Die Distanz zwischen den beiden ist deutlich ausgestellt, nur zweimal kommen sie einander kurz näher, ohne sich nahe zu kommen. Harzer ist ein Wortarbeiter, der Sprache modelliert, sich an ihr abarbeitet, sie als Kriegsinstrument einsetzt. Galic ist direkter: Sie entlarvt das wortreiche Geschwurbel des Mannes als solches, scheut Schimpfworte nicht und wirkt weniger anmaßend. Zuvor hatte sie jedoch geweint – übertrieben modern ist Ramberts Rollenverständnis der Geschlechter nicht, auch wenn er bemüht wirkt, es gegen den Mann zu drehen.

Mehr als eine Stunde lang spricht zunächst Harzer, versucht zu begründen, philosophiert, beschuldigt, zeichnet ein Bild von der Unmöglichkeit dauernder Liebe. Spannend ist dabei weniger das Gesagte, sondern die Diskrepanz zwischen Harzers markant-ironischer Stimme und dem unerbittlichen Ernst, der seine Worte durchzieht. Wenn er auch das glauben mag, was er da von sich gibt, wir vermögen es nicht. Kraftvoller ist dann schon die unterdrückte Wut, mit der Galic ihre Replik auflädt. „Es wird der Horror“, prophezeien beide, und  je länger der abend dauert, desto bereitwilliger möchte der Zuschauer dies unterschreiben. Denn irgendwas stimmt hier nicht. Dier abstrakte Distanz, die universelle Autonomie von jeglicher konkreten Situation passt nicht zur Vehemenz, mit der sich Harzer und Galic angiften, die Allgemeingültigkeit, mit der hier philosophiert wird, verpufft angesichts der schalen Floskeln und ausgelutschten Metaphern, die ihre Banalität nicht verbergen können. Die Konzentration, welche zunächst Harzer und später Galic dem Publikum aufzwingen, hält nicht lange, zu einfach macht es sich der text, zu wenig will er wirklich wehtun. Und doch zieht sich das, zwei endlose Stunden lang, ohne dass sich hier weiterer Erkenntnisgewinn oder gar eine Überraschung böte. Und so schaltet der zuschauer irgendwann ab, widmet sich, wie René Pollesch in Gasoline Bill so schön thematisierte, seinen ganz privaten Gedanken und löst womöglich so manches kleinere Problem, während der Sprachfluss nicht versiegen will. So ganz unnütz war der Abend dann doch nicht.

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