Küchenpsychologischer Weltentwurf

Foreign Affairs 2014 – FC Bergman: Van den vos

Von Sascha Krieger

Die Mär von Reineke Fuchs gehört sicher zu den fragwürdigsten der Sagenwelt, ist der Titel-„Held“ doch ein Lügner, Betrüger und Mörder übelster Sorte und wird doch am Ende belohnt, in dem der König ihn zu seiner rechten Hand macht. In einer Welt, so mag sich das belgische Theaterkollektiv FC Bergman gedacht haben, in der gut und böse immer schwerer zu unterscheiden sind und mehr mit dem jeweiligen Standpunkt denn mit messbaren Kriterien zu tun haben, ist  die Geschichte vielleicht ein passender Ausgangspunkt für einen Diskurs über Moral und (menschliche) Natur. Zu Beginn streitet der „Wolf“, ein Machtmensch im Anzug, mit der „Königin“, über Moral und die Unterscheidbarkeit von Gut und Böse. Ersterer vertritt dabei den aufklärerischen Standpunkt der Vernunft, die das Böse auszuschließen habe und auf Recht und Gesetz vertrauen müsse. Sein Gegenpart ist da pragmatischer, utilitaristischer: Beweggründe interessieren nicht, nur die Schädlichkeit der Folgen menschlichen Handelns. Und überhaupt: Brauchen wir die Grausamkeit nicht.

Foto: Kurt van der Elst / www.kvde.be

Foto: Kurt van der Elst / http://www.kvde.be

Natürlich ist letztere Ansicht nachvollziehbarer und selbstverständlich wird sie immer und immer wieder bewisen. Denn hinter der menschlichen Fassade ist es gerade der „Wolf“, dem Grausamkeit und Kälte nicht fremd sind: gegenüber der jungen Frau, die er begehrt und erniedrigt, dem blinden Sohn, den er nicht ansprechen, geschweige denn ansehen kann, der Frau, mit der er sich schon lange nichts zu sagen hat, den Untergebenen, die er in den Tod schickt, weil er sich selbst die Finger nicht schmutzig machen kann. Dire Zivilisation ist eine karge Betonwüste, in der selbst die Elemente – hier das Wasser – in ein strenges Korsett gepresst werde. Die zivilisatorische Reife ist Masche, unehrlich, Machtinstrument, nicht mehr. Da ist die machiavellistische „Königin“ um einiges aufrichtiger. Den Mantel des Mitleids würde sie eindrucksvoll als Lüge entlarven, wenn das Geschehen dies nicht längst getan hätte.

Der Zivilisation steht die Natur gegenüber. Getrennt von einer Glaswand wuchert sie in urwaldhafter Fülle. Hier wohnt der „Fuchs“, bis ganz am Schluss mehr schatten als Präsenz, und selbst wenn er in die Zivilisation einbricht, spricht er nicht. Ein trauriges, aus der Stille geborenes Lied ist seine einzige Äußerung, bevor er sich selbst tötet, weil der „Wolf“, sein erklärter Feind, der ihn und das was er repräsentiert, auslöschen will, dies nicht vermochte. Inkonsequent ist die Vernunft also auch nicht. Hier der zivilisatorische Schein, dahinter die wahrhafte Natur. Wer letztere ausschließen will, wer die Triebe negiert, das Dunkle in uns leugnet, beschwört es erst herauf. FC Bergman schildern das in drastischen Bildern: Die Glaswand wird zur riesenhaften Leinwand, auf der der Fuchs mordet und verstümmelt. Das Sexuelle als Trieb, den Anderen verschlingen zu wollen, illustriert eine besonders drastische Szene, die geschickt Live-Video mit raumöffnenden Einspielern kombiniert. Die Zivilisation ist ein enges Viereck, dahinter lauert die raue unendliche Natur.

Das ist natürlich recht einfach gedacht und ebenso, wenngleich äußerst wirkungsvoll, gestrickt. Die Zivilsation ist das Reich der Heuchler, die Natur, der dunklen, jedoch ehrlichen Triebe. Der Abend spielt mit diesem Gegeneinander: Bricht die Natur im „Wolf“ durch, dreht sich die Drehtür immer und immer schneller, der Pool im Bühnenvordergrund füllt sich mit Blätter, die Natur durchbricht die Grenze. Das ist eindrucksvoll inszeniert, schafft grandiose Bilder und ist von einiger atmosphärischer Dichte, die das eine art Horrorfilm-Soundtrack aufführende Streicherensemble noch verstärkt. Der Sog, den das über weite Strecken entwickelt, ist nicht zu leugnen, die drastische Brutalität, mit der die Existenz des „Bösen“ sich affirmativ äußert, bleibt nicht ohne Wirkung. Im Rahmen seines gedanklichen Konzepts ist der Abend äußerst stringent und konsequent. Nur ist eben der Gedankenraum, den er durchschreitet, ein recht enger. Die Dichotymie von Natur und Vernunft ist nachvollziehbar, aber eben auch von plakativer Simplizität. Hier wird Küchenpsychologie zum Weltentwurf. Von dem, wenn das Licht wieder angeht, wenig bleibt als platte Floskeln wie jene, mit denen man sich zu Beginn duellierte. Das Böse ist in der menschlichen Natur angelegt, sagt er uns. Nun gut, wieder etwas gelernt.

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