Triumph der Sentimentalitätskacke

Rainer Werner Fassbinder: Angst essen Seele auf, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Mit Angst essen Seele auf zeichnete Rainer Werner Fassbinder 1974 ein unbarmherziges und erschütterndes Porträt einer Gesellschaft, in der die Überhebung der so genannten Mehrheitsgesellschaft über jene, die man als nicht dazugehörig betrachtete, zum Alltag gehörte, in der die zivilisatorische Fassade Fremdenhass und Rassismus bestenfalls notdürftig kaschieren konnte. Und er zeigte, was ein auf Hass basierender gesellschaftlicher Konsens mit denen tut, die aus dem Raster fallen und den Boden dieses Konsenses verlassen. Wenn Hakan Savaş Mican, in Berlin geboren und der Türkei aufgewachsen, Fassbinders Stoff nun zum Spielzeitabschluss des Maxim Gorki Theater, der ersten unter Leitung Shermin Langhoffs und Jens Hilljes, auf die Bühne bringt, ist das ein Statement. Nein, nicht alles hat sich in den vergangenen vierzig Jahren geändert und doch sind wir weitergekommen. So weit, dass sich ein Theater, das sich ausdrücklich denen widmet, die nicht Teil der vermeintlichen Mehrheit sind, nicht mehr in d3er Nische verstecken muss. Aber eben auch nicht weit genug, um sich mit Themen wie Ausgrenzung, Diskriminierung und Hass auf das als Anders Betrachtete, nicht mehr auseinandersetzen zu müssen.

Ruth Reinecke und Taner Şahintürk (Foto: Esra Rotthoff)

Ruth Reinecke und Taner Şahintürk (Foto: Esra Rotthoff)

Hakan Savaş Mican verortet Fassbinders Geschichte klar in ihrer Entstehungszeit. Ein geführt von einem Prolog Taner Şahintürks landen wir in den Siebzigern – samt Diskotolle, farbigen Anzügen, bunten Printkleidern und Hotpants. Darin Şahintürk als marokkanischer Gastarbeiter Ali, jetzt im Gegensatz zum Prolog mit starkem, sehr gekünsteltem Akzent. Ali ist Prototyp des Ausländers, Projektionsfläche derer, die nur das Fremde, andersartige in ihm sehen wollen. Indem Şahintürk ihn zunächst als Klischeeverkörperung spielt, wird unser Blick zu dem der ausgrenzenden Masse. Doch dann steht da Ruth Reinecke als Putzfrau Emmi – ein scheues, fremdartiges Wesen, das ihren eigenen Blick mitbringt. Eine einsame Seele, die in Ali mehr erblickt als die Bildzeitungsschlagzeile. Reinecke, einziges Überbleibsel aus Armin Petras‘ Ensemble, wirkt, als käme sie von einem anderen Stern. Es ist diese unvorbelastete Außensicht, die Ali plötzlich als Menschen sichtbar macht – und die Allianz der „Anständigen“ als groteske, hasserfüllte Fratzen.

Savaş Mican inszeniert diese Blickverschiebung, in dem er die Vertreter der „Mehrheitsgesellschaft“ – die Emmi ausgrenzenden Kolleginnen, die blockwarthaften Nachbarinnen, die sich abwendenden eigenen Kinder (Dmitrij Schaads Hasseruption seines Bruno gegen die eigene Mutter gerät zutiefst verstörend) – als grelle Karikaturen darstellt. Doch so lachhaft sie sind, so sehr Savaş Mican auch verdrängte Komplexe andeutet – die Nachbarinnen, meisterhaft gespielt von Schaad und Aram Tafreshian, fallen irgendwann lusttrunken übereinander her – so bedrohlich ist diese Fratze gesellschaftlich akzeptierten Hasses. Der Musiker Daniel Kahn strukturiert die Revue menschlicher Niedertracht mit mehrsprachlich und musikalisch multikulturellen, oft scharf beobachteten Liedern, die den Blick schärfen, wo sie Distanz schaffen, die verdeutlichen, wo sie abstrahieren.

Dazwischen sind die Liebenden: zwischen inniger Nähe – etwa, wenn sie eng umschlungen zu Kahns Lied „Nation of Two“ tanzen – Verzweiflung und Wut. Wo Reinecke sich mehr und mehr in naiv trotziger Hoffnung verklärt und dem vermeintlichen Sinneswandel der Anderen nur zu gern als ehrlich annimmt, äußert sich Şahintürks Selbstbehauptung in wachsendem Zorn. So driften sie auseinander, lässt sich Emmi von der vermeintlich wohlwollenden Variante des Rassismus infizieren, bleibt Ali auf der strecke – und mit ihm die erneut vereinsamende Emmi. Und dennoch: Wir sind eben doch nicht mehr in den Siebzigern. Auch wenn Savaş Mican sich offenkundiger Vergegenwärtigung verweigert – Fassbinders hoffnungsloses Ende mag er nicht mittragen. Und so finden Emmi und Ali hier am Schluss wieder zusammen, haben einander und sind überzeugt, dass ihre Liebe eine mächtigere Waffe sein kann, als sie selbst dachten. Alles ist nicht gut, aber es ist eben auch nicht alles verloren. Der gesellschaftliche Druck verliert – auch an Macht – weil man ihn nicht mehr gewähren lassen will.

Angst essen Seele auf ist, abgesehen von der ein oder anderen Überdeutlichkeit und vereinzelten ins Leere führenden Regieeinfällen, etwa dem unaufhörlichen Ascheregen, ein gelungener theatraler Diskurs über die Macht und Ohnmacht des Einzelnen, die Ausgrenzungsmechanismen der Gesellschaft – jeder Gesellschaft – vor allem aber auch über die Möglichkeit und Notwendigkeit, sich dem Wind entgegenzustellen, wo der eigene Lebensentwurf, das eigene Selbstbestimmungsrecht bedroht ist. Er hinterlässt Hoffnung, ohne die Schwierigkeit dieses Unterfangens zu leugnen. „Diese Sentimentalitätskacke hält doch kein Deutscher aus“, sagt Mareike Beykirch als Kneipenwirtin Barbara am Anfang. Angst essen Seele auf erzählt davon, was wir alles aushalten können und müssen – und um wie vieles reicher wir dadurch werden. Damit steht der Abend auch für den Anspruch des Theaters, auf dessen Bühne er stattfindet. Ein Anspruch, den es bereits nach dieser Spielzeit mehr als eingelöst hat.

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