Die Kraft der Liebe

Kurt Masur dirigiert ein Mendelssohn-Programm mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Von Sascha Krieger

Wenn das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin seinen Berliner Saisonabschluss feiert – es folgen noch zwei Gastspiele – droht die Musik in den Hintergrund zu treten: Kurt Maser, spätestens seit seiner Rolle während der Wendezeit 1989 als weit mehr wahrgenommen als „nur“ als Dirigent, erntet schon länger bei jedem Auftritt stehende Ovationen, die wohl meist mehr seinem Lebenswerk als dem jeweiligen Dirigat gelten. Bereits bei seinem letzten Gastspiel in Berlin vor gut zwei Jahren war sein körperlicher Verfall sichtbar: Wenig später machte er seine Parkinson-Erkrankung öffentlich, mehrere Stürze und Operationen sorge dafür, dass er nun vom Rollstuhl aus dirigiert, nur noch zu eingeschränkten Armbewegungen fähig. Der Konzentration tut das keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Die Notwendigkeit, auch auf kleinste Signale achten zu müssen, zwingt das Orchester zu höchster Aufmerksamkeit. Dem Spiel tut das hörbar gut und ist ganz im Sinne Masurs: Hier soll es primär um die Musik gehen. Es ist ein Versprechen, das Dirigent und Orchester auf eindrucksvolle Weise einlösen.

Dazu hat der 86-Jährige ein Programm zusammengestellt, das zur Rückschau einlädt: Mit drei werken Felix Mendelssohn-Bartholdys huldigt er einem seiner Vorgänger als Leipziger Gewandhauskapellmeister, nicht nur musikalisch die wohl prägendste Zeit im Leben des gebürtigen Schlesiers. Den Anfang macht die Ouvertüre zum Schauspiel „Ruy Blas“ von Victor Hugo. Schon der Einstieg mit dem majestätischen Bläserthema gehört zum Blick zurück ganz ohne Zorn. eine sanfte Trauer liegt in diesem aus weit entfernter Zeit herüber klingendem Ruf. Immer wieder unterbricht er das kraftvolle Vorwärtsstreben des Orchesters, erweist er sich als menschlicher Stachel im fortschrittsgläubigen Fleisch. Masur lässt die Themen fein herausarbeiten, das ruhige Hauptthema ebenso wie den lebendigen Mittelteil, und wiederholt am Ewigkeitsanspruch der Bläser abprallen.

Der Ouvertüre folgt dann Mendelssohns vierte Symphonie, die „Italienische“, begonnen nach der dritten, der nach der Pause erklingenden „Schottischen“, aber lange vor dieser beendet. In Masurs Lesart hat sie nichts Helles, nichts Sommerliches und schon gar nichts Leichtgewichtiges. Schon das berühmte Hauptthema legt er an die Leine, grundiert den oft so jubelnden Kopfsatz mit einer dunklen Grundierung, die ihn erdet. Die Streicherwand beim zweiten Thema ist fest und düster. Auch in der Folge zeichnet Masur das musikalische Material konturenscharf und mit formaler Strenge, schiebt immer wieder die Holzbläser mit ihrem stets etwas melancholischen Klang in den Vordergrund und findet deutliche Bach-Anklänge – noch ein Leipziger und zudem ein Komponist, den Mendelssohn einst wiederentdeckte.

Masur lässt in der „Italienischen“ die Vergangenheit zu Wort kommen, es ist eine Musik der Erinnerung. Das gilt etwa für das Hornthema im dritten Satz, das wie aus der Ferne heranweht und das vom Orchester mit bewegender Zartheit gespielt wird. Überhaupt gelingt Masur das Neben- und Miteinander von Kraft und Lyrik, Festigkeit und behutsamer Innigkeit auf meisterhafte Weise, vermag das immer wieder in die erdige Strenge einbrechende Piano ein ums andere Mal zu berühren. Auch das Finale gerät nicht zum Jubel, das kantenscharfe treibende Spiel hat eher etwas Unerbittliches als Triumphales. Man sollte nicht zu viel Autobiografisches in Masurs Interpretation hineininterpretieren, der kompromisslose Ernst, der diese Musik durchzieht, spricht durchaus von der Endlichkeit menschlicher Freuden.

Das bleibt auch bei der ohnehin dunkleren „Schottischen“ so. Masur lädt sie mit pointierter Dramatik auf, etwa im hellen, schneidenden Geigenton gleich zu Beginn und der deutlich stärker herausgearbeiteten Dynamik. Die Kraft Entwicklung ist stets kontrolliert und resultiert aus einer Konzentration des Orchesterspiels. Masur geht es um den Gesamtklang, dem die einzelnen Instrumentengruppen dienen sollen und der doch aus ihrer Autonomie resultiert. Das Klangbild ist nicht transparent, aber eben auch nicht hermetisch, das Brodeln, das Masur hier konzentriert, bleibt spürbar. Der volksliedhafte zweite Satz gerät luftig und licht, ohne zu purem Wohlklang reduziert zu werden. Im Gesang der Holzbläser bleibt das Wissen um die Vergänglichkeit des unbeschwerten enthalten. Im hymnischen Bläsermotiv des dritten Satzen sucht Masur dann wieder die Nähe zu Bach, aus dem Ruf der Vergangenheit webt er ein kraftvolles wie inniges Fließen. Das Finale nimmt er dramatisch, lyrische Inbrunst prallt auf kraftvolle Strenge, unter der ein Vulkan pulsiert. Die Streicher wühlen ohne Unterlass, das Ende entbehrt nicht einer gewissen Schärfe und Härte und erlaubt kein erleichtertes Durchatmen.

Der Kampf, den Kurt Masur in Mendelssohn ausfindig gemacht hat, er ist nicht zu Ende. Und hier ist der Bogen zu diesem Dirigenten geschlagen, der ebenfalls nicht aufhören will und es vielleicht nicht kann. Die zärtliche Liebe zur Musik treibt ihn noch immer an und so ist seinem Gesicht beim Schlussapplaus die Dankbarkeit dafür anzusehen, dass er diese Liebe noch immer leben darf. Es ist eine Dankbarkeit, die das Publikum an diesem Abend, der ein würdiger Spielzeitabschluss geworden ist, aus vollem Herzen teil. Bleibt zu hoffen, dass dieser Liebesquell so bald nicht versiegen möge.

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