Ein Aufziehpuppenheim

Kafkas Prozeß (Textfassung: Jutta Ferbers), Berliner Ensemble (Regie: Claus Peymann)

Von Sascha Krieger

„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben“: Mit diesen Worten beginnt Franz Kafkas Roman Der Prozeß“ und sie stehen zu Beginn wie mit Kreide gekritzelt auf der schwarzen Wand am Bühnenrand. Die Aufschrift vermittelt zweierlei: zum einen, dass Claus Peymann, der angesichts der Tatsache, dass er eine an seinem Haus eigentlich verpönte neumodische Marotte wie eine Romanadaption auf die Bühne bringt, im Vorfeld etwas vollmundig von einem Tabubruch sprach, dem entgegnet, indem er die Handlung streng chronologisch von Anfang bis Ende heruntererzählt, zum anderen, dass er sie als Verfolgung eines hilflosen, der Allgegenwärtigkeit anonymer Bespitzelung ausgelieferten Menschen interpretiert. Beide Versprechen hält der Intendant des Berliner Ensembles. Die Bühne ist schwarz und nackt, bevölkert von zumeist als Büroschreibtische genutztes – schwarzes Mobiliar – und – weißes Licht verbreitende – Neonröhren. Schwarz-weiß auch die Figuren in Hemd und Anzug, sogar die Gesichter. Weißgeschminkt und mittels Kajalstift akzentuiert. Das erinnert ein wenig zu stark an Robert Wilson und wirkt weit weniger gespenstisch und bedrohlich, als Peymann sich das wohl gedacht haben mag.

Foto: Lucie Jansch

Foto: Lucie Jansch

Wie Wilson lässt sich auch Peymann in seinem Spätwerk von expressionistischer Stummfilmästhetik inspirieren – in Gestik und vor allem Mimik, im Bühnenbild und in der Lichtregie. Wo Wilson daraus jedoch Bildkompositionen verstörender wie berückender Poesie zaubert, bleibt bei Peymanns Bühnensprache Mittel zum Zweck. Wie so oft ist alles bei ihm überdeutlich: Da ist die Menge der ständig beobachtenden, K. immer weiter einengenden anonymen Spitzelmasse, die plump illustrative Oben-Unten-Metaphorik – der Aufseher auf seinem Hochsitz, der kauernde K., wenn er von den riesenhaft vorgestellten Mächten „über seinem Kopf“ spricht, die pflichtschuldigst eben über K.‘s Haupt mit Zetteln wedeln – das bedrohliche, den Abend strukturierende Crescendo von Schreibmaschinengeklapper und Uhrenticken, das immer wieder ins rein Illustrative abdriftende Spiel zur abwechselnd von den anderen Darstellern rezitierten Romanerzählung.

Peymann lässt den Roman heruntererzählen, und wirft dramatisierte Szenen dazwischen wie le3icht verdauliche Häppchen fürs Zuschauervolk. Nur zweimal entsteht so etwas wie Intensität: Ganz am Schluss, wenn zur trockenen Erzählung seiner Hinrichtung K. sich langsam entkleidet, die Möbel zu einem Turm zusammenstellt, unter dem sich der Geschlagene zusammenkauert. Hier gelingt Peymann und insbesondere seinem K. Veit Schubert eine berührende Miniatur menschlicher Hilflosigkeit und existenziellem Ausgeliefertseins. Kurz zuvor hatte Jürgen Holtz als Gefängniskaplan mit ruhiger klarer Stimme K. das wirken eines entmenschlichten und den Menschen nicht mehr zu brauchen wähnenden Systems erläutert. Das Ensemble, allen voran Holtz, Schubert, der die Reise seines K. von Auflehnung über Erkenntnis zu Resignation glaubwürdig und vergleichsweise wenig plakativ darstellt, oder Martin Schwab, der seinen Advokat Huld mit Überzeichnung nicht scheuender Verve als Nebelkerzen schwafelnden Show-Man porträtiert, der das System sichtbar macht, indem er ihm einen vermeintlich vernünftigen Anstrich gibt, trägt den Abend, soweit ihre Kräfte reichen.

Aus der Belanglosigkeit heben können sie ihn nicht. Peymanns Theater ist viel zu sehr in seinen theatralen Mitteln eingefroren, dass das Uhrwerk, das hier rattert, zunehmend in den Fokus tritt. Der von einer anonymen Macht bedrohte und verfolgte Einzelne gerät so zum bloßen Abziehbild, die Dramaturgie so blutleer wie die geschminkten Gesichter. Man kann hier natürlich Parallelen zu NSA-Skandal und Überwachungsstaat-Debatte ziehen, der Abend löst derartige Erwartungen nicht ein. Die Komplexität des Romans, die gedankliche und philosophische Weite, die er durchschreitet, schnurren zusammen zu einer kleinen, grell ausgeleuchteten Geschichte, die schnell erzählt ist und sich wie eine Aufziehpuppe mechanisch eine Weile am Leben erhält, bis die Energie aufgebraucht ist. Dieser Prozeß öffnet keine Gedankenräume, er erzählt uns nichts, regt weder an noch auf, weil er nichts will und nirgendwohin strebt. Er betet eine Geschichte herunter, die ihm selbst nichts bedeutet. Das Theater als Perpetuum mobile – sich stetig in Bewegung haltend und mechanisch fortschreitend: Mit dieser Kafka-Rezitation reduziert Claus Peymann sein Theaterverständnis auf seinen Kern, den er gnadenlos offenlegt. Und siehe da: Da ist nichts.

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