Kosmische Erschütterung

Gustavo Dudamel dirigiert Mahlers Dritte bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Zuerst einmal werden die musikalischen Tore aufgestoßen, der Klangraum weit geöffnet. Drei Englischhornspieler, darunter Spezialist Dominik Wollenweber und Star-Oboist Albrecht Mayer, werden im Saal verteilt und bringen, grundiert von Marie-Pierre Langlamets Harfe, die karg archaisch kargen Klangwelten Harrison Birtwhistles zum Schweben, geben der Musik Raum und Räumlichkeit, setzen eine Art kosmisches Schwingen in Gang, das den perfekten Boden bildet, für das, was da kommen wird. Es ist ein Boden wie geschaffen für Gustav Mahlers dritte Symphonie, sein 90-Minuten-Monster, das nichts weniger will als den gesamten Raum menschlicher Existenz zu durchschreiten und das Universum mit dazu. Sie beginnt mit einem Ruf auf acht Hörnern, der, angeführt vom Ausnahme-Hornisten Stefan Dohr, klingt wie aus einem einzigen, weltumspannenden Instrument. Und der Auftakt ist für einen Mahler, wie man ihn so vielleicht noch nie erlebt hat, einen, der das Zeug hat Epoche zu machen und der vielleicht – liest man die Zeichen richtig, die darauf hindeuten, dass Gustavo Dudamel, der den Abend für den erkrankten Mariss Jansons übernommen hat, Top-Favorit auf die Nachfolge Sir Simon Rattles als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker ist – eine neue Ära einläutet.

Gustavo Dudamel (Foto: Richard Reinsdorf)

Gustavo Dudamel (Foto: Richard Reinsdorf)

Und der den Zuhörer vom ersten Takt an in seinen Bann zieht: Jeder Ton, jedes Instrument tritt deutlich hervor, ist so scharf umrissen, dass es eine Offenbarung ist. Wie die große Trommel wie ein fernes Gewitter grollt, Daishin Kashimotos Solo-Violone innig-sehnsüchtig singt, die Blechbläser klar und kraftvoll zum Aufbruch rufen, die Klarinetten pointiert die Ruhe stören und Dudamel ein Crescendo hervorlockt, welches natürliches Werden zu urgewaltiger Kraft führt – das alles ist atemberaubend. Der lange Kopfsatz ist nicht weniger als musikalische Weltbehauptung und Kosmosdurchschreitung und nichts anderes ist er unter Dudamels Dirigat, das gut daran tut, diesem Orchester, dessen Ruf, das vielleicht weltbeste zu sein, man nach diesem Abend nicht widersprechen kann, jede Menge Raum zu lassen. Die musikalische Vielgestaltigkeit und Vielstimmigkeit arbeitet er auf feinste weise heraus und entwickelt den Orchesterklang zu einem sich aus unzähligen Einzelstimmen zusammensetzendes universelles Brodeln. Subtil die dynamischen Mittel, organisch, im besten Sinne naturgleich die musikalische Entwicklung. Hier stehen Volksweise und romantische Weltumarmung, innige Kantabilität und dramatische Wucht nebeneinander, Hell und Dunkel bilden eine Einheit, ohne einander aufzulösen oder zu verwaschen. Der collagenhafte Ritt durch die Welt, die Potpourri-Struktur sind greifbar, der Kosmos steht klar sichtbar vor uns.

Es ist ein musikalischer Ozean, der nichts einebnet. Im Gegenteil: Selten hatten die brillanten Musiker des Orchesters so viel Raum, ihr Können zu zeigen. Albrecht Mayers schnörkellose Oboe über glockenhellen Streichern etwa reibt sich auf aufregende weise mit dem romantischen Cinemascope im zweiten Satz, Naturidylle und kosmische Perspektive verschränken sich. Stark auch Dudamels Zugriff, mit dem er den Trios rhythmische Schärfe verleiht und sie zum Stachel im harmonischen Fleisch des zweiten Satzes macht. Auch die Rufe der Holzbläser und die singende, unfassbar zart von den Holzbläsern aufgenommene, Fanfare des Posthorns (angenehm unperfekt: Gábor Tarkövi), die den dritten Satz dominieren, sind weit entfernt von unwidersprochener Naturlyrik. Immer wieder schleicht sich Schärfe ein, bedingt das Helle stets die Dunkelheit. Der Satz ist ein meisterhaftes Spiel aus Rücknahme und Kraftentfaltung, aus pulsierender Natur und klangender Sehnsucht.

Eine Sehnsucht, die sich im vierten, auf einem Text aus Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra beruhenden vierten Satz zunächst ins dunkle kehrt. Getragen vom vollen, dunkel gefärbten Mezzosopran Gerhild Rombergers ist der Satz ein behutsames musikalisches werden aus dem Nichts. Überhaupt ist die Symphonie eine Folge aus Anfängen und Abbrüchen – Dudamel macht dieses Immer-Wieder-Beginnen-Müssen beim Einstieg in den vierten Satz regelrecht greifbar. Die sehnsuchtsvollen Rufe von Mayers Oboe und der schmerzvolle Gesang von Kashimotos Violine machen den Satz vollends zu einem bewegenden Ereignis. Aufgewühlter dann der folgende Satz, der wie ein anschwellendes Brodeln aus tausend Orchesterstimmen daherkommt und in der vollendeten Dramatik des Wunderhorn-Liedes vom reuevollen Petrus kulminiert. Hier gähnen die Abgründe, mehr im Orchesterspiel und in Rombergers charaktervollen Soli als in der vergleichsweise glatten Intonation der Chorpassagen durch die Damen des Rundfunkchors Berlin und die Knaben des Staats- und Domchors.

Dann noch ein Bruch und eine Folge von ansetzen und Abbrechen – das Finale. Unendlich vorsichtig der getragene Beginn, der sich langsam in ein ruhiges Fließen, akzentuiert vom berührenden Gesang der Celli und Bratschen, ergießt und doch nicht ankommen darf. Viel ließe sich über Details verlieren – den Dialog von Oboen und Flöten, den glockenhellen Streicherklang, die filigran gewobenen Geigenteppiche, den Trotz, mit dem sich die Pikkoloflöte dem kosmischen Anschwellen entgegenstemmt, oder den unvergleichlichen Gesang der Posaunen – und doch würde es nicht den Ansatz eine Beschreibung des Eindrucks liefern, den auch dieser Satz hinterlässt. Wie die finale Apotheose aus dem Brodeln des Orchestermagmas entsteht, hat kosmische Ausmaße  – und hinterlässt eine Erschütterung, die Musik in ihren höchsten Momenten zu erzeugen vermag. Gustavo Dudamel und den Berliner Philharmonikern ist ein solcher Moment gelungen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: