Agitprop mit Apfelrotkohl

Autorentheatertage 2014 – Kevin Rittberger: plebs coriolan, Schauspielhaus Wien (Regie: Kevin Rittberger)

Von Sascha Krieger

Die große Persönlichkeit, der Held, der Anführer, der Gestalter, der Einzelne, der Geschichte macht und von dem die Geschichte erzählt, er kommt nur am Anfang vor: in der Gestalt des zum Denkmal erstarrten Feldherren, mit dem der kleine Mann, der zu ihm aufschaut, Perspektive und Rolle tauscht. Die großen Männer haben ausgedient, die einst anonyme Menge übernimmt. Thiemo Strutzenberger erzählt von ihm, sprachmächtig und doch von sanfter Melancholie, von fast zärtlicher Trauer erfüllt. Er spielt den Notar, den Agenten des Überholten, des Vergangenen, der an dem, was davongespült werden soll, festhalten will und – das ist vielleicht die größte Ironie des Abends – als Einziger im Gedächtnis bleiben wird, als Einziger lebendig wirkt, der Vergangene, dem man am meisten Zukunft zutrauen würde. Ob Autor und Regisseur sich das so gedacht hat, lässt sich bezweifeln. Zwar ist es der Notar, der am Ende Recht behält, Rittbergers Sympathien gehören jedoch klar den anderen: den „Aushegern“, einer kollektivistischen Umverteilungsbewegung, die den Reichen nimmt und der Gemeinschaft zufügt, und auch ein wenig der Dame, einer Aristokratin, die sich gern enteignen lässt.

Rittberger entfaltet in plebs coriolan – der Titel ist sicher so zu verstehen, dass die stumme, anonyme Menge den Platz einnimmt, der einst den „Großen“ dieser Welt gebührte – eine Utopie, jene einer gewaltfreien Angleichung von Arm und Reich, einer Aufhebung des individuellen Macht- und Eigentumsbesitzes durch das Kollektiv. Gewalt ist hier bestenfalls inszeniert, man fügt sie sich selbst bei, um den Schein zu wahren. Wenn die Utopie scheitert, dann an ihrer Gewaltfreiheit – wenn die Revolution sie nicht ausüben will, wird das Gestrige es tun. Das ist ebenso wenig originell wie schlichtgedacht – und passt so ausgezeichnet zum resultierenden Text. Rittberger nimmt sich viel Zeit, alles auszubuchstabieren – die Intentionen der Ausheger, die Motivation der Aristokratin, die utopische Ordnung. Das hat über weite Strecken Subtilität, Komplexität und Charme eines Agitprop-Lehrstücks und ist szenisch erschreckend belanglos. Hier wird die theoretische Setzung heruntergespult, für Zwischentöne ist da kein Platz. Es knirscht an allen Ecken und Enden, der Text hat eine gewaltige Unwucht, umgangssprachliche Dialoge, wechseln mit verschwurbelt pseudopoetischen Monologen, die gern Jelineksche Sprachwelten wären und doch nur nach Hausaufgaben überambitionierter Teilnehmer eines Creative-Writing-Kurses klingen. Sie sollen die Dunkelheit und Utopiefeindschaft einer noch nicht bereiten Welt transportieren und implodieren doch regelmäßig, ohne Spuren zu hinterlassen

Dass Rittberger seine eigene Uraufführung besorgt, hilft da wenig. Wohl spürt er die hölzerne Zeigefingerrhetorik des Textes, hat ihr aber wenig entgegenzusetzen als brachial boulevardeske Überdeutlichkeit und reichlich unmotivierten Slapstick. Text und Inszenierung sind so plakativ, der regiezugriff so brav, dass der gedankliche Raum schnell abgegangen und vom aufmerksamen Beobachter als ebenso eng und leer erkannt ist wie die lieblos dahin gezimmerte Bühnenandeutung von Janina Brinkmann mit Schreibtisch und Holzbänken. Und so breitet sich die simple Utopiebehauptung unendliche eineinhalb Stunden aus, ohne irgendwo hinzuwollen, es sei denn zur Ausstellung der eigenen Famosität. Doch zum Glück gibt es Thiemo Strutzenberger: Sein traurig resignierter Blick, seine geisterhaften, immer einen Tick zu spät kommenden Bewegungen, seine Worte, die stets wirken, als kämen sie von ganz woanders her, als stünde sein eigenes sprechen neben ihm – sie alle bringen das brüchige Konstrukt von Text und Inszenierung ohne Mühe zum Einsturz. Wie er fast regungs- und vermeintlich ausdruckslos die utopische Apotheose des gemeinsamen Apfelrotkohlessens als hohle Geste offenlegt, ist atemberaubend und lässt den Ewiggestrigen als einzigen Menschen, als einzig Denkenden und Fühlenden zurück. Wäre diese ironische Volte intendiert, man könnte sie meisterhaft nennen.

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