Von Delfinen und Mitmenschen

Autorentheatertage 2014 – René Pollesch: Gasoline Bill, Münchner Kammerspiele (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Eigentlich schreibt René Pollesch ja immer nur das gleiche Stück weiter. Polleschs Werk ist ein fortdauernder Diskurs über Authentizitätslüge, Ich-Versprechen und das Individualismuskonstrukt der kapitalistischen Gesellschaft. Das greift natürlich viel zu kurz, klingt auch irgendwie falsch, aber das gilt wohl für alle Beschreibungen des Polleschschen Kosmos. Da steht – oder sitzt – der Zuschauer – inmitten einer Sprach- und Assoziations- und Theoriewolke und stochert im Nebel nach Fetzen, an denen er sich festhalten kann. Wenn er denn mal einen hat, ist Pollesch meist schon drei Schritte weiter. Das kann anregen und ermüden, ist mal erdrückend und mal aufregend, die Marke Pollesch jedoch ist stets wiedererkennbar. Denn natürlich ist Pollesch selbst Teil der Label- und Image- und Erwartungsmaschinerie, die er zerlegt, hat auch er seinen Marktwert. Gasoline Bill  ist da keine Ausnahme: Pollesch recycelt einfach Bert Neumanns Lamettavorhang-Bühnenbild aus seinem Berliner Balzac-Abend. Das mag man als Statement sehen, dass die Eingangsthese vom ewigen Pollesch-Stück so gewollt ist, oder als praktische Sparmaßnahme, schließlich werden die Münchner die Berliner Inszenierung kaum gesehen haben – wahrscheinlich ist es beides und nichts davon. So einfach kommt man Pollesch nicht bei.

"Innehalten!" ist das Motto der Autorentheatertage 2014 in Berlin (Foto: Sascha Krieger)

„Innehalten!“: Das Motto der Autorentheatertage 2014 scheint bei René Pollesch fehl am Platz. (Foto: Sascha Krieger)

Natürlich feuert er auch diesmal aus sämtlichen Theorierohren: Slavoj Žižek, Jacques Lacan, Max Weber, Robert Pfaller – das Theoriefundament ist mal wieder völlig überdimensioniert für das mickrige (Holz-)Haus, das auf ihm steht. Und in oder vor dem sich vier Darsteller tummeln und Diskurs betreiben. Um das Diktum des Mitmenschentum geht es und darum, was Polleschs Ansicht nach dahinter steckt: der Mitmensch als Projektion des Selbst, der verhindern soll, dass man das Nicht-Ich als den Anderen, Andersartigen, Nichtverstehbaren sieht, der er ist. Da steht natürlich auch wieder das Problem der Liebe im Raum. „Hör endlich auf mich zu lieben!“, fleht eine Figur. Denn was man liebt, ist doch stets man selbst, dient es doch auch dazu, die „Monstrosität des Nächsten“ nicht wahrnehmen zu müssen. Da fehlt natürlich die zweite Haushälfte, weil eben nur die eigene existiert. Das Andere wird nicht wahrgenommen. Mitmenschlichkeit dreht sich immer um einen selbst: Man will erlöst werden und man will, dass alles so weiter geht wie bisher. Mitmenschlichkeit als kapitalistische Erhaltungsmaßnahme, die Veränderung verhindert. Erlösung aber eben auch: Denn das was man sucht, findet sich nicht, weil es immer nur man selbst ist, mit dem man interagiert. Die anderen, das sind „toxische Subjekte“ (Žižek), denen man ausweicht und die doch alles sind, womit man sich auseinandersetzen könnte. Erlösung und Entlastung sind die Schlüsselworte des Abends.

Und da sind wir schon beim Theater, das, so Lacan, den Zuschauer entlastet, indem es seine Emotionen übernimmt. Wie eine tibetanische Gebetsmühle, die für den Gläubigen betet. Eine solche Mühle ist das drehbare Haus, das am Ende den Schluss des Stückes selbst spielen soll, gefüttert mit dem Textbuch. Den Mitmenschlichkeitswahn, der eben keine Nächstenliebe sei, da der Nächste von ihm ausgeschlossen werde, so Pollesch, zerlegt er in Gasoline Bill nach allen Regeln der Kunst. Auch der szenischen: Denn wo er zuletzt nur diskutieren lässt, streut er hier so manche Spielszene ein. Da wechseln die Figuren fließend, rutsch eine Szenerie in die andere und wird der ganze Morast aus „Mitmenschentum“, Erlösungsfantasie und Entlastungsdrang durchexerziert. Wie Pioniere der Dekonstruktion werfen sich die in Cowboykleidung gewandeten Schauspieler in die Automatismen kapitalistischer Selbsterhaltung, pflügen in dauerhysterischem Tonfall durch die Untiefen moderner Selbstkonstruktion und landen immer wieder auf den weichen Matratzen der Verleugnung des Anderen.

Wider Willen, denn diskursive Erkenntnis und szenische Umsetzung driften immer weiter auseinander, das Erkannte scheitert am Bewährten, die theoretische Wahrheit entpuppt sich als nicht praktikabel. Und so bricht man ab und setzt an und kommt nicht weiter. Pollesch-Alumni Katja Bürkle und Benny Claessens harmonieren brilliant mit den „Neulingen“ Sandra Hüller und Kristof Van Boven, vor allem Hüller erweist sich als Pollesch-Naturtalent: Ihre in immer weitere Höhen der Selbstverslust-Panik strebende Hysterie korreliert kongenial mit Claessens unerbittlichen Entertainer-Duktus, Van Bovens subtil-trauriger Ironie und Bürkles scharfer Klarheit. Natürlich enthält der Abend zahlreiche wunderbare Pollesch-Sentenzen, die man vielleicht besser im Textbuch nachliest und überhaupt gelingt dem Diskurs-Fanatiker des deutschsprachigen Theaters hier ein außergewöhnlich unterhaltsamer und brüllend komischer Abend. Das liegt daran, dass er sich selbst ernst nimmt und gleichzeitig ironisiert, dass er das theoretische Konstrukt immer wieder szenisch ausprobiert und gegen die Wand krachen lässt, dass er nicht nur erzählt sondern auch spielt. Und dass er immer wieder scheitert und sich dessen bewusst ist. Wo so mancher Pollesch-Abend zuletzt ein wenig zu routiniert, glatt und selbstgefällig schien, reißt Gasoline Bill die Wunden wieder auf und die Pflaster herunter. Warum kann man Delfine retten und dabei immer trauriger werden? War es nicht Zeit, dass sich das Theater solchen Fragen stellt?

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Ein Gedanke zu „Von Delfinen und Mitmenschen

  1. […] böte. Und so schaltet der zuschauer irgendwann ab, widmet sich, wie René Pollesch in Gasoline Bill so schön thematisierte, seinen ganz privaten Gedanken und löst womöglich so manches kleinere […]

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