Zombie-Barbie trifft Säufer-Ken

Theatertreffen der Jugend 2014 – 90/60/90: Rollenscheiß, JugentheaterBüro Berlin*

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist doch alles gut, oder? Die Gleichberechtigung der Frau ist längst im Grundgesetz verankert, seit ein paar Jahren gibt es ein robustes Anti-Diskriminierungsgesetz, Unterdrückung existiert vielleicht noch in der einen oder anderen islamischen Parallelgesellschaft. Also alles in Butter? Selbstbewusst sehen sie schon aus, diese jungen Mädchen mit und ohne Migrationshintergrund, wie sie fordernd gen Publikum posen, sich gegenseitig spielerisch anpflaumen („Deine Pickel sind größer als meine Brüste!“) und sich nichts sagen lassen. So schnell kann sie nichts aus dem Gleichgewicht bringen, scheint es. Doch schon erscheint der erste Junge auf der Bildfläche, ist alles anders: Lasziv wirft man sich in Positur, Stimmen und Lächeln werden süßlich künstlich. Egal wie emanzipiert sie tun, wenn die richtigen Knöpfe gedrückt werden sind sie sofort da: die verinnerlichten Rollenklischees aus Medien, Internet, Schulhof, Erziehung. Da geht es darum gut auszusehen, attraktiv zu sein, seine Rolle zu spielen. Die taffen Mädchen – eigentlich wolle sie sein wie Barbie.

Foto: Mesut Aydin

Foto: Mesut Aydin

Und so geht es ins „Barbie Dream House“, wo Mädchenträume wahr werden: schön sein, ein sorgloses Leben führen mit dem Traummann, so sein, wie Werbung und Fernsehen es vorleben. Doch schnell wird aus dem Traum ein Horrortrip: Traummann Ken entpuppt sich als Säufer, „das bisschen Haushalt“, wie es in Johanna von Koczians hier wiedergegebenem Siebzigerjahre-Schlager heißt, wird zum Vollzeitjob, die Karriere scheitert am Nein der Männerwelt und den Traumberuf Model entlarvt die kalte Piepsstimme von Heidi Dumm als menschenverachtendes Wegwerfgeschäft. Da hilft auch kein Besuch bei „Barbie Schwarzer2, deren Emanzipation nichts anderes ist als ein Überstülpen eines neuen Korsetts anstelle des alten. Für die individuelle Entfaltung der Einzelnen ist hier kein Platz, nicht in der Barbie-Welt von Werbung, Medien sowie familiärer, schulischer und gesellschaftlicher Rollenzuweisungen, noch im Versprechen eines ideologisierten, alternative Lebensentwürfe nicht zulassenden Feminismus. Da bleibt am Ende nur eins: selbst zur Barbie werden und den Erwartungen entsprechen. Und so bevölkern irgendwann blondperückte Puppen mit hohen Stimmchen, rosa Tütüs und eingefrorenem Lächeln die Bühne.

90/60/90: Rollenscheiß erzählt vom Druck, dem sich jungen Mädchen in einer Gesellschaft ausgesetzt sehen, in der Sexismus und Rollenvorgaben längst wieder Hochkonjunktur haben, in denen Fernsehshows wie „Germanys Next Topmodel“ Standards setzen, an die man sich gefälligst zu halten hat, und in der Herd, Haushalt und Kindererziehung selbstverständlich Frauensache bleiben. Wenn der gleiche Job für Frauen schlechter bezahlt ist, Dreifachbelastungen als normal hingenommen werden und sich keiner drum schert, wenn es ok ist, Mädchen in den Magerkeitswahn zu treiben und zugleich alles Friede, Freude, Eierkuchen ist – dann darf man dem gesellschaftlichen Konsens schon mal gehörig in den Hintern treten.

Die Mädchen (und zwei Jungen) des JugendtheaterBüro Berlin tun das mit entwaffnender Wucht. Mit großem Spielwitz, riesigem Einfallsreichtum und beißender Ironie führen sie Klischees vor und ad absurdum, treiben sie die Rollenzuweisungssau durchs deutsche Dorf und teilen nach allen Seiten hin aus, auf denen sie Einschränkungsversuche sehen. Und das sind nicht wenige: Männer kriegen ihr Fett weg, die Wirtschaft, Werbung und Medien sowieso, aber eben auch die, die wohlmeinen, aber noch besser wissen. 90/60/90: Rollenscheiß ist eine Geisterbahnfahrt durch die ach so schöne Lebenswirklichkeit von Frauen und Mädchen, durch die Barbiefizierung von rollenmustern und Lebensentwürfen, von dem, was Mädchen erlaubt ist (hübsch aussehen) und was sich nicht schickt (furzen). Am Ende fegen sie mit einem selbstgeschriebenen Rap das ganze Erwartungskorsett von der Bühne – im Wissen, dass das im echten Leben erst dann möglich ist, wenn man mehr diese Rollenvorgaben selbst nicht mehr verinnerlicht. Die Verantwortung liegt bei der Gesellschaft – und jedem einzelnen in ihr.

Keine Frage: Der Holzhammer bleibt an diesem Abend nicht im Schrank, so manches ist ein wenig plakativ geraten, der eine oder andere Rundumschlag nicht ohne Kollateralschäden. Und doch: Hier kehrt sich Wut in Spiellust und selbstbewusstes Aufbegehren – auch und gerade gegen die Barbie in sich selbst – dass es mitreißt, das Zwerchfell zerfetzt und das Zuschauer-Hirn einschaltet. Das fährt in Kopf und Herz und Beine – was will und kann Theater mehr?

*Rezension auf Basis einer Videoaufzeichnung

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Ein Gedanke zu „Zombie-Barbie trifft Säufer-Ken

  1. ayumiju sagt:

    Leider leider das staendig wiederkehrende Problem des Gesellschaftzwanges….wie waere es doch einfach, wenn jeder den Mut aufbringen koennte seine Individualitaet auszuleben und sich selbst mit all seinen Fehlern akzeptieren lernen wuerde, egal was andere sagen oder die Medien vorgeben.

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