Haustiere des Ozeans

Autorentheatertage 2014 – Nach Eugène Labiche: Das Weiße vom Ei (Une île flottante), Theater Basel (Regie: Christoph Marthaler)

Von Sascha Krieger

Vielleicht versuchen wir es über den Titel: Die Île flottante ist eine französische Süßspeise aus Eischnee und Puderzucker, angerichtet an Vanillesauce. Ein schaumiges, kaum substanzielles, flüchtiges Vergnügen, köper- und konturlos, so gut wie gar nicht da. In gewisser Weise gilt das auch für die Figuren, die Christoph Marthaler auf die Bühne stellt: zwei Familien, die eines Arztes und die eines ehemaligen Zuckerbäckers, die Kinder in Liebe entbrannt, über alle gesellschaftlichen Konventionen hinweg. Bei Marthaler, der sich beim französischen Komödiendichter Eugène Labiche bedient, brennt nichts mehr: Zu Beginn stehen die Spieler vor dem rotsamtenen Vorhang und schleudern ihre Dialogfetzen ausdruckslos von der Rampe. Später sitzen sie in einer überladenen Erinnerung von Salon, regungslos ihren Text hin- und herspielend, Automaten, die längst erloschene Emotionen wiederholen. Im Wortsinn: Marthaler lässt ganze Szenen doppelt spielen und an anderen Stellen die Figuren bei einem Satz hängenbleiben, den sie wieder und wieder sprechen müssen, wie Schallplatten, die einen Sprung haben. Hier lässt nicht nichts und niemand fassen: Ob Arztfamilie oder Ladenbesitzer: Hier ist die Erstarrung Ausgangspunkt von allem. Die Tochter (Carina Braunschmidt) hat Überbiss, ihr Angebeteter (Raphael Clamer) schleppt sich wie halbseitig gelähmt über die Bühne. Aufziehpuppen mit Konstruktionsfehler.

"Innehalten!" ist das Motto der Autorentheatertage 2014 in Berlin (Foto: Sascha Krieger)

„Innehalten!“ ist das Motto der Autorentheatertage 2014 in Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Verstehen kann man sich hier ohne hin nicht. Die Eltern Malingear (Charlotte Clamens und Marc Bodnar) sprechen französisch, Madame und Monsieur Ratinois (Nikola Weisse und Ueli Jäggi) deutsch, die Übersetzungsversuche sind schnell abgebrochen. Wichtig ist das ohnehin nicht: Marthaler stellt hier eine bürgerliche Welt aus, die aus der Zeitgefallen, sich in einer Zeitblase gefangen hat, die verklärte Erinnerung ist und nur noch in Formalismen und purer Mechanik (der nicht enden wollende Glockenschlag!) existent ist. Die Schlüsselfigur ist Friedlind (Catriona Guggenbühl): Im roten Samtkleid (Ton in Ton mit dem Vorhang) ist sie fast immer da und doch nie anwesend. Die ist, wie uns ein projizierter Text zu Beginn verrät, gefangen in der Seitenbemerkung, wie sie in Komödien wie dieser  üblich ist. Sie kann nur noch in solchen sprechen: Mal erklärt sie sich als Kreatur der Dämmerung, dann fragt sie, ob sie das Haustier des Ozeans sei oder umgekehrt, später doziert sie vom Eingeschlossensein im eigenen Denken. Bei ihr ist das Uhrwerk vollends eingerostet – wo die anderen noch ein wenig Schein aufrecht erhalten, sind bei ihr Sinn und Mittel vollständig getrennt, liegt der Automatismus blank.

Mit Labiche hat das wenig zu tun, viel eher schon mit Loriot: Da versucht der pensionierte Zuckerbäcker minutenlang, seinen Weltempfänger zum Laufen zu bekommen, steigt auf Stühle und kriecht unter Tische, da verhaken sich Arzt und Tochter in bodenlosen Stühlen, läuft man Ewigkeiten über die Bühne, um Bilder und Geweihe an die vierte Wand zu nageln. Hier dekonstruiert der Slapstick das Selbstverständliche und macht das Alltägliche in all seiner Monstrosität sichtbar. Wo das Funktionieren Selbstzweck ist und zugleich Behauptung, wo nichts mehr da ist, was funktionieren könnte, wo die bürgerliche Realität Erinnerungsfragment ist und Leben gelangweilter Zeitvertreib des Todes, da wird das Normale lächerlich, unterscheidet die regungslos ihre Texte aufsagende Familienbande wenig von den ausgestopften Tieren, die immer wieder über die Bühne getragen werden. Ob Harfenspiel oder Liebe, Rufpflege oder Kommunikation: Es ist alles ein Als-Ob, das sich selbst nicht mehr glaubt.

Marthaler exponiert die Mechanik, indem er sie bis zum Stillstand verlangsamt, er treibt die Sinndekonstruktion auf die Spitze, in dem er die Möglichkeit, hieraus Bedeutung zu ziehen, um einiges radikaler als in früheren arbeiten in Frage stellt. Wenn ich die Fassade einreiße und die blanken Balken sichtbar mache, bleibt da etwas? Sind die Balken überhaupt real? Und so ist es von Loriot nicht mehr weit zu Ionesco, gibt Marthaler dem Ganzen einen Stups, und schon kippt es krachend ins Absurde. Da rezitiert Graham F. Valentine als Sammeldarsteller kleinerer, austauschbarer Rollen, Lewis Carroll und singt alberne Lieder, da trägt er ein ausgestopftes Tier nach dem anderen über die Bühne, da endet das Familiendiner im Körperlichen: Einer schnarcht und furzt, sinnfreie Kauderwelsch-Reden werden gehalten, alle bekommt Nasenbluten und zuletzt quillt das titelgebende „Weiße vom Ei“ aus dem Radiogerät. Am Ende packt man sachlich das Bühnenmobiliar zusammen, während Madame Ratinois beim sprechversuch nicht über „Ich“ und „Haus“ hinaus kommt. Zum Schluss macht sie das Licht aus. Christoph Marthaler hatte es schon längst ausgeknipst.

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