Endstation Alltag

Theatertreffen der Jugend 2014 – Simon Stephens: PUNK ROCK, M8MIT! Jugendclub Münchner Kammerspiele*

Von Sascha Krieger

Am Ende stehen eine Reihe von Warums und fast genau so viele Neins. Sich selbst fragend, warum er das getan habe, wischt Alex alle gängigen Antworten vom Tisch. Bis nur noch eine übrig bleibt: „ich habe es getan, weil ich konnte.“ Gerade mussten wir zusehen, wie Alex oder besser seine verzerrte Videoprojektion durch die Räume hinter der Bühne ging, Gesten machte, als hielte er eine Schusswaffe und zu Geräuschen wie aus einer automatischen Waffe von einem am Boden liegenden Körper zum nächsten ging. Am Ende bleiben seine lapidare Antwort und das Schluchzen des Mädchens, das (noch) am Leben ist. An Fragen ist dieser Abend, der Simon Stephens‘ Stück Punk Rock radikal subjektiviert und als Steinbruch für die Orientierungssuche einer in jedem Aspekt vom Leistungsdenken durchdrungenen Jugend nutzt, reich, Antworten muss der Zuschauer selbst suchen.

Foto: Andrea Huber

Foto: Andrea Huber

Stets ist die Kamera drauf auf dem Geschehen, meist gehalten von Alex selbst (Alexander Angeletta), der mit dabei sein will, dazu gehören möchte, die Neue (Naomi Achternbusch begehrt) und angewisen wird, zugleich aber als einziger versucht sich dem Außenseiter Leo (Leonard Klenner) gegenüber anständig zu verhalten. Denn bald wird klar: Hier ist alles Wettbewerb: Ob es um Noten geht, Sex oder darum, den Ton anzugeben, bei allem geht es darum, vorn zu sein, der Beste, sich in Szene zu setzen, wie es Alex (eher linkisch) und Julius (durchaus selbstbewusst: Julius Braasch) zu Beginn tun. Das Auge von Alex‘ Kamera ist stets dabei: auf der Bühne, in den Garderobengängen, in den Räumen, deren Zugang die Videowände bilden, die sich als Schiebetüren öffnen und schließen lassen. Alles wird beobachtet – einmal sehen wir nur Alex‘ Augen in Großaufnahmen, dann schwenkt die Kamera zurück zum Geschehe und Alex steht am Bühnenrand und beobachtet. Jeder ist unter dem Mikroskop, Schwäche ist verboten, Versagen sowieso, ob in der Schule oder beim Quickie auf der Toilette.

Und so wird aus dem harmlosen Geplänkel schnell bitterer Ernst: Der schnelle Sex endet in gegenseitigen Beleidigungen, die taffe Musterschülerin (Clara von Arnim) bricht in hysterisches Heulen aus beim Gedanken, in der Probeprüfung eine Zwei geschrieben haben zu können, und Alpha-Männchen Carlo wandelt die schmerzenden aber vergleichsweise harmlosen Scherze über Vanes (Vanessa Varga) Figurprobleme zu sich immer weiter hochschaukelnder Gewalt gegenüber Leo um. Denn der will nicht mitspielen, schließt sich selbst aus und bezieht sein Selbstbewusstsein ganz aus sich selbst. Da kann er noch in der schlimmsten Demütigung ruhig bleiben und den Peinigern Kontra geben. Er hat sich sein eigenes Weltbild gebastelt und sich darin zurückgezogen. Und doch ist es nicht er, der am Ende auf die Jagd geht, sondern einer, der dazu gehören will und nach allen Seiten hin offen bleibt, bis es ihn zerreißt.

Der Abend spielt virtuos mit Wirklichkeit und Virtualität, wechselt ständig hin und her, setzt sie zuweilen parallel, multipliziert Realität durch die zwei Videowände und die Gleichzeitigkeit des Bühnengeschehens. Wo Facebook und YouTube ständig zur Begutachtung einladen und das Machtspiel des Schulhofs auf 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche verlängern, es in die privatesten Nischen bringen, da verschwinden einst für starr gehaltene Grenzen. Versuche der Kontaktaufnahme, das Verlangen nach Nähe, der Wunsch, dem Quälen ein ende zusetzen scheitern an der Barriere der Videowand. Irgendwann werden die Virtualität real und das wirkliche virtuell, lässt sich die Spirale der Selbstbehauptung, die längt zu einem wirbel der gegenseitigen Erniedrigung geworden ist, nicht mehr aufhalten.

Punk Rock  ist ein unerbittlicher Abend – in seiner Zwangsläufigkeit, die sich jederzeit stoppen lassen könnte, und doch tut es niemand. Er entwickelt einen Sog, dem sich nicht entkommen lässt, der den Zuschauer zwingt, Haltung zu entwickeln, Position zu beziehen. Wir sehen das Alltägliche, die Hahnenkämpfe, die zum Mobbing werden, die Verzweiflung, die Ausweglosigkeit gebiert. Es ist eine dunkle Welt, welche die Münchner jugendlichen hier zeigen – und doch ist es eine, die sich tagtäglich auf Schulhöfen und in Jugendzimmern abspielt. Einfach zu ertragen ist das nicht und doch hat das deutschsprachige Jugendtheater selten einen so wichtigen Abend hervorgebracht wie diese einstündige Tortur Konsequenter Antwortverweigerung.

*Rezension auf Basis einer Videoaufzeichnung

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