Es werde Licht

Semyon Bychkov dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Strauss und Schubert

Von Sascha Krieger

Am kommenden Mittwoch jährt sich der Geburtstag von Richard Strauss zum 150. Mal. Die musikalischen Ehrungen in Berlin, wo der der Komponist 20 Jahre lang lebte und wirkte, stehen unter keinem guten Stern: Das Kammerkonzert der Staatskapelle musste krankheitsbedingt abgesagt werden und auch das Konzert der Berliner-Philharmoniker, bei dem Lorin Maazel sein lang erwartetes Comeback am Pult des Orchesters feiern und ein reines Strauss-Programm dirigieren wollte, kann wegen einer Erkrankung des Dirigenten nicht wie geplant stattfinden. Für ihn übernimmt nun Semyon Bychkov, der sein Philharmoniker-Debüt 1985 als Ersatz für Riccardo Muti leitete und danach immer wieder auch als Ersatzmann brillierte, zuletzt 2010, als er für Seiji Ozawa einsprang. Von Maazels geplantem Programm bleibt Strauss‘ Tondichtung Don Quixote übrig, doch die wird zu einer wahrhaft triumphalen Hommage an den großen Jubilar.

Die Berliner Philharmonie, Heimstätte der Berliner Philharmoniker (Foto: Schirmer / Berliner Philharmoniker)

Die Philharmonie, Heimstätte der Berliner Philharmoniker (Foto: Schirmer / Berliner Philharmoniker)

Unter Bychkovs behutsamem Dirigat bleibt Cervantes‘ Held ein Ritter der traurigen, nicht der lächerlichen Gestalt. Schon mit den ersten Tönen öffnet sich der Raum ins Weite, Lichte, beginnt der Herzschlag der Musik aufgeregt zu pochen. Mit größtmöglicher Transparenz arbeitet der 1975 in die USA emigrierte Dirigent die zerklüfteten Strukturen, die Vielgestaltigkeit der Motivik, den Reichtum der Klangfarben heraus. An diesem Strauss ist nichts Schweres und doch hat er Substanz. Er entwickelt seine Kraft organisch, nie auftrumpfend, sondern stets wie selbstverständlich aus dem „Kampf eines Themas gegen ein Nichts“ (Strauss) erwachsend. Die Kontraste, der Widerstreit des Quixote verkörpernden zurückgenommen fragilen Solo-Cello-Spiels von Bruno Delepelaire mit dem leichtfüßigen Sancho Pansa des Solo-Bratschers Maté Szücs etwa, werden klar und detailscharf vorgestellt, aber nie dramatisch überhöht, ähnliches gilt für die Abenteuer des glücklosen Ritters.

Besonders eindrucksvoll der beinahe apokalyptische Sturm, den wirbelnde Streicher, kräftige Harfen-Glissandi und Paukengrollen in der siebten Variation entfachen, aber auch die zerklüftete Sturmlandschaft der neunten Variation. Bewegend dagegen der Gesang des Solo-Cellos in Variation fünf, eindringlich die Lyrik der den endlich seinen Frieden findenden Quixote symbolisierenden Cello-Soli über behutsamer Holzbläser-Grundierung im Finale. Das Ende ist licht, zart und beinahe freudig. Semyon Bychkov flutet diesen Strauss mit Licht, öffnet die Musik, auf dass der Zuhörer in sie eintaucht und macht dieses oft übersehene Pendant zum viel populäreren Ein Heldenleben zu einer wahrhaften Offenbarung.

Nach der Pause erklimmen Dirigent und Orchester dann einen besonderen Brocken: Franz Schuberts „große“ C-Dur-Sinfonie, meist als seine Achte gezählt. Wo die Klangfülle des Orchesters beim Strauss ins Weite strebte, setzt Bychkov hier auf einen deutlich schlankeren, konzentrierteren Klang. Es bleibt die Transparenz, es bleibt die unerhörte Leichtigkeit, die nie leichtgewichtig wirkt. Ein betörender Traum der Kopfsatz: Berückend singende Holzbläser und samtweiche Streicher kontrastieren mit einem streng feierlichen Unisono. Bychkov lässt die Musik fließen, wie Schubert sie anlegte, Spannung entsteht nicht aus dramatischem Aufeinanderprallen, sondern organisch aus der motivischen Entwicklung heraus. Hier ist alles lebendig, atmet die Musik frei und doch mit höchster Präzision. Im zweiten Satz stehen sich feste Streicherwände und lyrische Holzbläser gegenüber, der Kollaps des ersten Themenkomplexes ist abrupt, doch nicht wuchtig, die anschließende Celli-Klage bis zur Zerbrechlichkeit zurückgenommen. Immer wieder wird die Musik zu einem unsicheren Tasten auf dem Weg in die Stille.

Sie ist das Ziel all dieses Wirkens: Die Stille als Ausgangs-und Endpunkt aller Musik. Aus ihr tastet sich im phänomenalen Trio des dritten Satzes der melodische Fluss empor, es ist, als lugte er staunend hervor, sein eigenes Wunder kaum begreifend. Das Finale ist dann ganz bei sich selbst, ein ruhiges, selbstbewusstes, bescheiden optimistisches Dahingleiten zum sicheren, ersehnten Ufer. Kraft und zarteste Lyrik bilden eine selbstverständliche Einheit, das eine ist ohne das andere nicht denkbar, der Schluss schnörkellos kraftvoll, ein Endpunkt, der sich aus allem Vorangegangenen nährt. Dieser Eindruck, diese Musik könne gar nicht anders klingen, diese Konsequenz, mit der alles einander bedingt, auseinander entsteht und ineinander fließt, beschert dem Publikum in der Philharmonie eine wahrhaft außergewöhnliche musikalische Erfahrung. Der „Ersatzmann“ Bychkov spielt längt in der ersten Liga.

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