Stell dir vor, es ist Krieg

als wär’s ein Stück von mir …, poco*mania Theatergruppe an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule, Grevenbroich

Von Sascha Krieger

Laub bedeckt die Bühne, darin Miniaturstädte, über die Leinwand laufen Aufnahmen flacher und einsamer Landschaften, dazu erzählt eine Off-Stimme vom Mohn, der noch immer über die Felder Flanderns wehe. Von Krieg und millionenfachem Sterben keine Spur, 100 Jahre nach seinem Beginn ist der erste Weltkrieg, jener Weltenbrand, nach dem nichts mehr je wieder so sein konnte wie zuvor, weit weg, erscheint wie ein Mythos aus grauer Vorzeit. Vorstellen lässt er sich nicht und doch wollen sie es versuchen, die jungen Darsteller aus Grevenbroich, die sich in als wär’s ein Stück von mir … den halb vergessenen Weltkrieg zum Thema genommen haben, wohl wissend, dass er längst ein Anlass für Jubiläen geworden ist und ansonsten schon längst kein Gegenstand der Auseinandersetzung mehr. Und vielleicht muss man ihn erzählen wie jene Schlachten bei Shakespeare: In jedem Fall über erzählt und kommentiert eine Reime sprechende Darstellerin das Geschehen, rückt es ins Literarische, ins Theatrale, in die Distanz der Kunst, von der man hofft, dass sie Augen öffnet.

Foto: Klaus Stimpel

Foto: Klaus Stimpel

Neuer Versuch: Bilder sollen sprechen, doch sie bleiben stumm, die Toten haben keinen Namen und schon gar keine Stimme. Also weiter mit dem, was wir kennen: Videospiele. „Wir spielen Westfront 1914“, heißt es und schon ist man virtuell in Verdun. Der Realität kommt man damit näher. Oder doch? Schließlich ist das Töten auf Knopfdruck so weit nicht entfernt vom modernen Drohnenkrieg. Das mechanische, gedankenlose, automatisierte Töten, das den Weltkrieg auszeichnete, es ist hier im Gaming-Modus angelegt. Wir leben in einer digitalisierten Medienwelt, warum also nicht der Vorstellungskraft nachhelfen mit den Mitteln, die uns bekannt sind? Also geht es hinein in den Krieg: Da wandeln die Darsteller zunächst durch alte Aufnahmen von Eisenbahnwaggons und Schützengräben. Doch der Blick über den Rand des Schützengrabens führt ins Leere. Nein, das ist es auch nicht. Da ist nichts und niemand, weil es sich nicht vorstellen lässt.

Also rückt das Ensemble das nicht Vorstellbare buchstäblich in Perspektive. Eine Miniatur-Kanone erzeugt Belustigung, bis sie mittels Live-Video auf der Leinwand riesenhaft inmitten der plötzlich winzigen Spieler erscheint. Monströs der Panzer, der sie überrollt, erschütternd die blutigen Lazarettbetten. Und plötzlich, in der modern medialen Verarbeitung gewinnt die Geschichte an Greifbarkeit, an Realität, verschwindet das Staunen aus den Augen, weicht Angst und Schmerz und Trauer. Am Ende stehen die Toten auf, wandeln durch die Jubiläumsfeiern und bleiben doch unsichtbar und stumm. Gräberreihen flimmern über die Leinwand, die Toten legen sich im Laub zur Ruhe, eine brechende Stimme singt „Ich hatt‘ einen Kameraden“ und endet mit der Titelzeile des Stückes. Das Unbegreifbare bleibt unbegreifbar, ist es heute wie es das damals war. Der Rest ist, wie Shakespeare sagt, Schweigen.

als wär’s ein Stück von mir … ist ein Abend, der seine Unmöglichkeit stets mitdenkt, der nie behauptet, das worum es geht, ließe sich für uns Nachgeborene er- und umfassen. Er nimmt radikal die Sicht der heute jungen ein, scheut nicht vor banalen Binsenweisheiten zurück in der Suche nach einem Zugang. Vielleicht ist es ironisch, vielleicht auch nur logisch, dass es die heutige Medienwirklichkeit, die allgegenwärtige Manipulation der Bilder ist, die den Betrachter am nächsten heranlassen an das, worum es geht. Und doch entzieht es sich, muss es sich entziehen und lässt es sich nur in seiner Nichterklärbarkeit umfassen. Da stehen sie nun, die Jugendlichen von heute, auf den Feldern, zwischen den Gräbern, in den Schützengräben und können sich nicht vorstellen, dass sich hier einst eine ganze Generation abschlachten ließ. Und doch lässt es sich nicht leugnen, erst recht nicht nach dieser theatralisch, mit pointierter Lichtregie und augenöffnendem Videoeinsatz, perfekt durchchoreografierten Annäherung. Wahrscheinlich lässt sich diese Menschheitskatastrophe nur aus der Ferne betrachten. Im Blick bleiben muss sie nichtsdestotrotz.

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