Gefangen in der Hilflosigkeit

Theatertreffen der Jugend 2014 – Syrien – Der Krieg im Menschen, Theaterensemble der Stadtteilschule Blankenese, Hamburg

Von Sascha Krieger

Ein Theaterabend ist zu Ende: Das Publikum klatscht wohlwollend und zufrieden, die Darsteller lächeln in Publikum, man verlässt den Saal in dem Gefühl, Kultur getankt zu haben und unterhält sich auf dem Weg nach draußen über das Neueste aus Büro, Familie und Freundeskreis. Syrien – Der Krieg des Menschen ist kein solcher Abend und wenn ihm eines gelingt, dann zu beweisen, dass Theater auch heute noch in der Lage ist, mit denen etwas anzustellen, die ihn erleben, auf der Bühne und davor, sie anzufassen, wo es weh tut, Schalen zu durchbrechen und Fassaden bröckeln zu lassen. Am Emde zittern und weinen nicht nur einige der knapp 20 Spieler, sondern ist auch so mancher Zuschauer sichtlich und spürbar angegriffen. Die elementare Kraft des Theater, den Zuschauer unmittelbar anzusprechen in seinem Kern, in seinen Grundfesten zu erschüttern, hier ist sie auf eindringliche Weise zu beobachten. Wie und warum ihm das gelingt, ist jedoch eine Frage die sich gar nicht so leicht beantworten lässt, insbesondere aus der Sicht von einem, an dem diese existenzielle Erfahrung, die so mancher in diesem Saal durchlitten zu haben scheint, gänzlich abgeprallt ist.

Foto: Hans-Georg Kramer

Foto: Hans-Georg Kramer

Es geht in Syrien – Der Krieg im Menschen um zweierlei: den konkreten, titelgebenden Konflikt und um den Krieg im Allgemeinen, um das, was Menschen einander anzutun imstande ist, wenn das dünne Netz der Zivilisation gerissen ist. „‘s ist Krieg!“ skandieren die jungen Darsteller wiederholt, rezitieren, in hartem chorischem Sprechen ein Gedicht von Matthias Claudius, immer wieder, ohne dem Verständnis, dessen, was das Wort bedeutet, wirklich näherzukommen. Es ist eine Rat-und Hilflosigkeit, die das ganze Stück durchzieht: Wie lässt sich das greifbar machen, was doch nicht zu (be-) greifen ist? Wie können wir uns unserem westlichen Friedenskokon eine Nähe aufbauen zu dem, was für uns so unglaublich weit weg ist? Das Hamburger Ensemble versucht es mit einer Doppelstrategie: unmittelbare Konkretheit auf der einen, distanzierende Abstraktion auf der anderen Seite.

Das sieht dann so aus: Zwei Familien werden vorgestellt und in Tableaus am Bühnenrand drapiert – die eine, mit einem Lehrer als Oberhaupt, Assad-Unterstützer, die andere mit einer von dessen Schülerinnen, eher den Rebellen zugewandt. In der Mitte liegt ein (Kriegs-) Beil, das ein kleiner Junge zunächst begraben hat und das gleich wieder ausgegraben wird. Ein Schlag mit dem Beil auf ein Holzbrett und ein Mensch fällt zu Boden. Das Töten als Handwerk, als unpersönliche Routine, als vom Leiden abstrahierte Mechanik –ä es ist eines der stärkeren Symbole des Abends, der ansonsten gern das Drastische sucht. Es wird viel gebrüllt, immer eine Nuance zu laut, zu schrill, es wird betroffen dreingeblickt, die Gesichter sind zu Leidensmasken erstarrt, die individuelle Ebene, die der Abend mit dem Fokus auf den beiden Familiengeschichten behauptet, bleibt Holzschnitt, ist plumpe Karikatur. Da faselt der eine von der einigenden Kraft Assads, wiederholt die andere leere Freiheitsfloskeln und tut jeder so bedeutungsschwanger, dass die Klischeehaftigkeit des hier Gezeigten umso deutlicher hervortritt.

Das gilt gerade für die beiden Agenten des Todes, marodierende Soldaten, die nach Syrien passen wie in den dreißigjährigen Krieg, die quälen und demütigen und töten, weil ihnen nichts besseres einfällt und sie die Macht dazu haben. Das Töten ist willkürlich und sinnlos, leiden müssen vor allem die „einfachen“ Leute, allen voran die Kinder (was der Abend wörtlich nimmt – zum Ensemble gehören auch zwei Siebenjährige und ein Zwölfjähriger), am Ende sind alle Opfer, die Regimetreuen und die Gegner, sitzen Lehrer und Schülerin allein auf der Kante, dazwischen die beiden Mörder. Krieg ist sinnlos, brutal, willkürlich und betrifft vor allem die sogenannten Zivilisten. Neu ist die Erkenntnis nicht gerade, doch viel mehr hat das einstündige Gebrüll, Geschleife, Im-Kreis-Laufen, Mehl und Wasser-Verschmieren und Folterroutinen abstrahierende Geschehen nicht zu bieten. Die Übergänge sind plump und am Rande einer Nummernrevue, das dramaturgische Getriebe knirscht an allen Ecken, die Symbole (das Kriegsbeil, das Mehl, mit dem sich die lebenden Toten zu Beginn einreiben, das Im-Kreis-Laufen, der buchstäbliche Verlust des letzten Hemdes der Flüchtlinge, die wiederholten Pietá-Formationen) sind platt und das Spiel aus Abstraktion und Konkretheit funktioniert nicht, weil die Unmittelbarkeit fehlt.

Zuweilen gelingen starke Bilder: die im Wortsinn zusammenbrechende doppelte Familienaufstellung zu Beginn, die angsterfüllte Zwangsgemeinschaft der Todgeweihten, die einer nach dem Anderen im Stakkato eines automatisierten Todes fallen. Ein Eindringlischeten vielleicht die Parallelität des anfänglichen gelösten familiären Kriegsspielens und dem späteren, nun tödlichen, Macht- und Gewaltspiel der gelangweilten Söldner. Hier erreicht der Abend kurzzeitig die Harmonie von Unmittelbarkeit uund Universalität, die ihm so oft entgleitet. Zumeist jedoch sind die Regiemittel so hölzern wie die Dialoge. Das hat vor allem damit zu tun, dass betont naturalistische Darstellung und distanzierende Abstraktion einander eben nicht aufladen, sondern immer wieder so in einander verkeilen, dass sie sich gegenseitig negieren und die Wirkung zwischen individuellem Leiden und universeller Erhöhung verpufft.

Und so macht den Abend vor allem seine Hilflosigkeit aus, nicht zu wissen, wie mit diesem existenziellen Thema umzugehen ist, die Ohnmacht, keinen passenden Ausdruck zu finden, die Unmöglichkeit, sich dieser Erfahrung von außen zu nähern. Es ist eine Hilflosigkeit, die Stück, Darsteller und Publikum teilen und die vielleicht zu der Verstörung, die der Abend in so manchem auslöst, führt. Und hier, in dieser Ratlosigkeit, ist er am ehrlichesten, wenn er sich eingesteht, dass das Nahebringen dieser fortwährenden Selbstzerstörung der menschlichen Gemeinschaft so nicht funktionieren kann, dass dieser Versuch als Theater scheitert, ja, scheitern muss. Und vielleicht führt ja genau das zum Weiterdenken, zum Nichtvergessen dieses längst nicht mehr besonders interessanten unter all den unbekannten Kriegen, in denen tagtäglich gelitten und gestorben wird. Und dann wäre dieses Scheitern womöglich sogar ein Erfolg.

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