Ringen um die Musik

Dresdner Musikfestspiele 2014: Sir John Eliot Gardiner und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gastieren in der Frauenkirche

Von Sascha Krieger

20 Jahre ist es jetzt her, da begann eines der spektakulärsten und unwahrscheinlichsten Bauprojekte der jüngeren deutschen Geschichte: der Wiederaufbau der im 2. Weltkrieg zerstörten Dresdner Frauenkirche. 2006 wurde das wieder errichtete barocke Bauwerk eröffnet und ist seitdem Wahrzeichen, Gotteshaus, Konzertspielstätte und identitätsstiftender Mittelpunkt der sächsischen Hauptstadt. Natürlich darf die Frauenkirche nicht fehlen, wenn Cellist Jan Vogler alljährlich im Mai international Spitzenmusiker zu den Dresdner Musikfestspielen versammelt, einem der wichtigsten deutschsprachigen Musikfestivals.Kein Geringerer als Sir John Eliot Gardiner, Musikrevolutionär und Protagonist der historisch informierten Aufführungspraxis, steht am Pult, wenn das renommierte Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Werke zur Aufführung bringt, deren konfessionelle Grundierung diesem Ort angemessen sind. Ein Ort, der für Symphoniekonzerte vor allem akustische Herausforderungen bietet. Und so wird es ein Abend, der vor allem eines zeigt: wie sehr große Musiker – und das gilt für Dirigent, Orchester und den exzellenten Chor des BR – in der Lage sind, ihr Spiel dem Ort, an dem die Aufführung stattfindet. anzupassen, mehr noch, wie sehr sie diesen Ort einzubeziehen vermögen.

Sir John Eliot Gardiner (Foto: Sheila Rock / Decca)

Sir John Eliot Gardiner (Foto: Sheila Rock / Decca)

Schon beim Einstieg, Joseph Haydns Motette „Insanae et vanae curae“ wird klar, wohin die Reise klanglich gehen soll: Gardiner verordnet dem Orchester einen schlanken, opaken, kraftvollen Klang, der trotz der halligen Akustik stets klar und detailscharf bleibt, für Transparenz ist dies der falsche platz. Zweite Auffälligkeit: Gardiner betont die Extrempositionen, die leise, andächtige Innigkeit wie die wuchtige Dramatik, Zwischenfarben lässt der hohe Raum nur eingeschränkt zu. Dem Chor kommt er entgegen: Aus seine kontrollierten Kraft entwickelt er im Spiel mi der Akustik eine Klangfülle, die hell und licht ist und in die Höhen strebt, welche Haydn ihr zugedacht hat. Darunter spielt das Orchester zügig, kantig und klar, nimmt sich in den innigeren Passagen wohltuend zurück und lässt den Raum sprechen. Die Musiker stehen die gesamte erste Konzerthälfte über, was ihrer Konzentration vielleicht nicht ganz so gut tut.

Womöglich ist es so zu erklären, dass bei Haydn und mehr noch in Felix Mendelssohn-Bartholdys „Reformationssymphonie“ zeitweilig die Balance nicht stimmen will: Zu groß mitunter der Kontrast aus dramatischer Kraft und inniger Andacht, zu brachial die Wucht, zu beißend die Blechbläser. Das spiel kippt ein wenig zu sehr ins Scharfe, gewinnt eine Unebenheit, die seinem Zusammenhang abträglich ist. Dabei ist da jede Menge Ausdruck: Die Formstrenge, mit der Gardiner den ersten Satz spielen lässt, lockt ihm Bach-Anklänge hervor, die schwebenden Geigen des Satzendes vermögen zu berühren, der zweite Satz verbindet schwungvolle Freude und feste Ernsthaftigkeit auf kongeniale Weise, im dritten Satz setzt der Dirigent gezielt Verzögerungen ein, die vor allem in den Streichern wie ein Atemholen wirken. Strenge und Feier des Glaubens liegen im Protestantismus lutherscher Prägung nahe bei einander – Gardiner und sein Orchester machen diese Nähe hörbar. Ganz besonders im gelungensten der vier Sätze: Wie Gardiner ihn sich aus Luthers Choral „Eine feste Burg ist unser Gott“ entwickeln lässt und wieder in diesen zurückführt, ist eindrucksvoll. Zum ersten Mal gelingt hier so etwas wie organische Entwicklung, ist die Kantenschärfe des Spiels kein Selbstzweck.

Das gilt für Anton Bruckners d-Moll-Messe nicht immer. Der Eindruck dieses ersten wichtigen Großwerks Bruckners ist ein uneinheitlicher: Besonders stark das einleitende „Kyrie“ mit seinem innig zarten Orchesterspiel und kraftvollem Chorgesang wie auch der Abschluss des „Agnus Dei“, in dem Gardiner zunächst die ganze Bandbreite dramatischer Kontraste durchmisst, um zum „Dona nobis pacem“ subtile Andächtigkeit zu entfalten. plötzlich wird das Orchesterspiel licht und beinahe durchsichtig, öffnet sich die Musik gen Himmel. Dazwischen sind die Klanglandschaften um einiges zerklüfteter. Gerade das „Gloria“ lädt Gardiner so dramatisch auf, betont die dynamischen Kontraste derart stark, dass der satz ein wenig in seine Bestandteile zerfällt und näher an der Oper denn an einer liturgischen Messe ist. Voller Brüche auch das „Credo“, ein wenig zu massiv sein einstieg, umso farben- und ausdrucksreicher sein weiterer Fortgang. Das Glaubensbekenntnis als Ringen des zweifelnden Menschen mit sich selbst – es ist eine zwingende Interpretation, die Gardiner hier anbietet. Danach lässt er sein Orchester im „Sanctus“ und streckenweise auch im „Benedictus“ regelrecht explodieren, setzt die klangliche Wucht jedoch weniger Lebendigkeit als Schwere frei. Im „Benedictus“ brilliert erneut der Chor mit bekennend innigem Gestus. Das Solistenquartett sticht nicht heraus, da es sich ganz in den Dienst des Gesamteindrucks stellt. Am Ende steht wohlwollender Jubel und ein Konzert, das es dem Zuhörer nie leicht macht, das in seinen besten Momenten die Türen zur Musik weit aufreißt und bei aller Unebenheit so manches Altbekannte neu hörbar macht. Und vor allem eines, das sich ganz dem Raum einverleibt, in dem es stattfindet. Hierfür Hochachtung zu zollen, ist durchaus angebracht.

 

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Ein Gedanke zu „Ringen um die Musik

  1. […] von Vertretern der historisch-informierten Aufführungspraxis (dass Chailly im Frühjahr beim Dresdner Gastspiel von John Eliot Gardiner, einem der Protagonisten dieser “Bewegung”, im Publikum saß, war sicher kein Zufall). […]

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