„Ausschlafen!“

Theatertreffen der Jugend 2014 – Looking for Parzival, Familie Eschenbach, Alexander-von-Humboldt-Gymnasium, Greifswald

Von Sascha Krieger

„Hauptsache weg!“: Es ist Parzivals Antwort auf seiner Mutter Frage, wohin er, der ihr gerade seinen Aufbruchswillen mitgeteilt hat, denn hinwolle. Ein vielstimmiger Sprechchor skandiert die Worte wie ein Mantra. Es ist das ewige Credo der Lebens- und Sinnsucher, der sich zu kurz gekommen Wähnenden, der flügge Werdenden und sich ins Abenteuer Erwachsensein Stürzenden. Die Geschichte vom Jungen, der auszieht, die Welt zu entdecken und das Glück zu finden, sie ist natürlich, was man heute als „Coming-of-Age“-Geschichte bezeichnen würden. Das riesige, fast dreißigköpfige Ensemble siedelt es irgendwo zwischen Märchen und Schelmenroman an: die Reise eines Unschuldigen in die Welt, der er mit großen, naiven Augen entgegentritt und deren Wege er wird erlernen müssen. Es ist eine Reise, die wir alle durchlebt haben und auf der sich die Jugendlichen, die ihr hier Leben einhauchen, gerade befinden. Sie nennt sich Erwachsenwerden und dass es keine individuelle Erfahrung ist, visualisiert sich hier im Wandern der Titelrolle: Die Parzival bezeichnende grün-rot-gestreifte Mütze geht von Hand zu Hand und Kopf zu Kopf. Jeder Junge ist mal Parzival, denn sie alle sind ja diese Reisenden in das gelobte Land, das für Parzival die Tafelrunde, für sie – und uns einst – das Paradies des selbstbestimmten Lebens ist. Und die Gestern mit Heute verbindet: Die Szene, in der Parzival die Mutter verlässt, ist vervielfacht, wird scheinbar endlos wiederholt und schlägt die Brücke aus mythischer Vorzeit in die postmoderne Gegenwart.

Foto: Frank Schöttke

Foto: Frank Schöttke

Es ist, versteht sich, eine Reise, in der sich Träume nicht nur erfüllen. Wenn Parzival, wie ihm von der Mutter mitgegeben, jedem Fremden freundlich entgegentritt, erntet er bestenfalls wohlwollendes Befremden. Überhaupt sind sie alle viel zu beschäftigt, die Hastenden und auf unsichtbaren Mobiltelefonen Eintippenden. So schwer der Weg der Mannwerdung einst war, so verwirrend ist die fragmentarische Existenz, die wir modernes Leben schimpfen. Eine, die mehr Schein als Sein ist: Da kommentiert der Vater den eigenen Tod auf dem Schlachtfeld im Tone eines Fußballspielers, der direkt nach der Niederlage interviewt wird, da wird die Wahl Parzivals zum Ritter der Tafelrunde zur Castingshow, hält Richard Löwenherz als umjubelter Gaststar eine aalglatte Politikerrrede. „Jetzt bist du erwachsen“, sagt man ihm und so wird er sesshaft, hat Frau und Kinder und dann zieht es ihn doch wieder davon. Das Erwachsensein ist kein Endpunkt, es ist bestenfalls Station auf der Lebensreise, deren Meilensteine sich nicht an Symbolen festmachen lassen.

Looking for Parzival lebt nicht zuletzt von seinem Sinn für Rhythmus: vom Wechsel zwischen Spiel und narrativem Außenblick, von Distanz und Identifikation, dem Als-Ob und der ironischen Brechung. Spielszenen stehen chorischen Passagen, Erzählstrecken ausgeklügelten Gruppenchoreografien gegenüber. Immer wieder sieht sich das Individuum Auge in Auge mit der Menge, am eindrucksvollsten vielleicht, beim Abschied von der Mutter, dessen Schwere symbolisiert wird von der anschwellenden und vermeintlich übermächtigen Mütter-Phalanx. Das Loslassen und Davonfliegen ist nie leicht und doch notwendig. Die märchenhafte Erzählung, der Held als einfältiger Naivling überhöhen das Alltägliche dieser Ablösung und machen es dadurch erst wirklich sichtbar. Und wie der Weg des Lebens verirrt sich auch der Abend zuweilen, gefällt sich in albernen Scherzen, trägt die filmmusikalische Untermalung zu dick auf und ergötzt sich immer mal wieder an der eigenen Komik. Doch am Ende findet er stets zurück auf den weg, einen weg, den er sich selbst bahnt und der endet mit Videointerviewschnipseln, in denen die jugendlichen Schauspieler darüber sprechen, was Glück ist. Es sind hochfliegende wie bodenständige Antworten, einer postuliert, dass er eigentlich ganz glücklich sei und ein anderer wünscht sich vom Leben vor allem eines: „Ausschlafen“. Und vielleicht ist das als Ziel nach all dem Suchen und Streben und Rasen so wenig nicht.

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Ein Gedanke zu „„Ausschlafen!“

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