„Vergib mir meine Perfektion!“

Tod. Sünde. 7, Eine Stückentwicklung des Jungen DT, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Wojtek Klemm)

Von Sascha Krieger

Professionell wirft sich der Junge im enganliegenden blauen Pulli und den knöchelfreien Hosen in Pose und wirft selbstbewusste Blicke in den Zuschauerraum. „Vergib mir meine Perfektion!“, sagt er und dreht seinen Körper in Position, als wäre er hier bei einem Cover-Shooting. Ohne Zweifel: Hier ist einer, der im täglichen Ringen um die Selbstoptimierung zu den Gewinnern zählt. Das Ich als attraktiv verpacktes Produkt, der Körper als frei formbares Baumaterial, das Leben als Wettstreit der bunten Hüllen im Supermarktregal der Schönen und Attraktiven: Das ist das Thema der 15 Jugendlichen, die sich hier auf den Trümmern dessen, was von den sieben Todsünden übrig blieb, rekeln und in Positur werfen. Auf der zweistöckigen Holzkonstruktion der Bühne prangt ganz oben ein Jesus-Graffiti, mehr als Dekoration ist es nicht. Wenn gleich zu Beginn ein Mädchen beichten will wird es an die Seite gedrängt: In Zeiten, in denen die schöne Hülle, das positive Image, das Ich als Marke zählen, ist für moralischen Humbug keinen Platz. Und so sind Neid und Zorn und Völlerei (oder besser ihr rauschhaftes Gegenteil) und Hochmut zentrale Markenbestandteile, USPs, mit denen sich das eigene Produkt von Wettbewerb abheben kann. Wer nicht mithält, ist raus und kann nur noch mit aufgesetzt schmerzhaftem Lächeln innere Werte proklamieren. Gehört wird das nicht.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Regisseur Wojtek Klemm und sein jugendliches Ensemble sezieren die Selbstoptimierungswut unserer Gesellschaft mit vollstem Körpereinsatz: Der Körper ist Projektionsfläche und Akteur, Ausdrucksmittel und Sprachapparat, Verpackung und Material. Um seine Beherrschung geht es – und um seine Nicht-Beherrschbarkeit. Ganz wunderbar die Szenen, in der der männliche Teil des Ensemble die coolen Tanzbewegungen im Club in ihre Bestandteile zerlegen und zu einer uniformen Individualismusbehauptung zusammensetzen, in der sich die Mädchen im Kaufrausch wie eine moderne Laokoongruppe an die Wäsche gehen, in der sie erschlafften Körper auf Stufen und Geländern abgeworfen sind und einer nach dem anderen in sich zusammensacken. Immer wieder stampft der Rhythmus, zuckt der Körper im Takt oder versucht, zu Boden geworfen, das ihn beherrschen wollende Ich abzuschütteln. Und dann ist da dieses Zittern: die letzte Waffe des domestizierten, objektifizierten Körpers, der nicht hinnehmen will, das er nichts sein soll als Präsentationsmittel und Selfie-Motiv. Der Abend hat seine stärksten Momente, wenn Klemm und sein im aller besten Sinne kompromisslos spielwütiges Ensemble die Körper sprechen lassen.

Treten Worte in den Vordergrund, wir der Eindruck zwiespältiger: Das sind die nahe gehenden, zuweilen verstörenden, sachlich und ohne großen choreografischen Schnickschnack vorgetragenen Geschichten: von der Anmache eines Besoffenen in der S-Bahn, vom Gefühl des Ausgestoßenseins einer, die sich nicht für optimierbar hält, da ist das Stakkato der zwanghaft gegen die Stille anrennenden Kurznachrichten, die sagen: Du bist relevant, du spielst mit. Da sind die Momente, in denen Worte und Körpersprache zusammenfinden, wenn Liebe in Gewalt umschlägt, Nahe mit Aggression beantwortet wird, wenn der Wunsch, im großen Konsumroulette mitzuspielen zum rituellen Tanz wird. Da sind aber auch die aufgesetzten Einschübe: die Geschichte von Kain und Abel oder Westernhagens rezitiertes Lied „Dicke“, die Banalität der gesellschaftlichen Aufforderungen an das Individuum („Sei schön! Sei wirtschaftlich!“). Der Fokus auf das rein Äußerliche, auf Image und Selbstpräsentation: Ganz frei ist der Abend nicht von dem, was er kritisiert.

Je länger er dauert, desto mehr scheinen die präzise durchchoreografierten Passagen zum Selbstzweck zu werden, beginnt die Phrasenhaftigkeit des gesagten zu stören, drängt sich der Eindruck auf, dass die Analyse einer Welt, welche die einstigen Todsünden zu Werten umgewidmet hat, nicht mehr an der Oberfläche kratzt, als diese Welt es zuließe. Dem Zwang des Spektakulären unterwerfen sich auch die vielen schönen Bilder dieses Abends, das Gesagte bleibt leicht verdaulich, oft Gehörtes hübsch wieder aufbereitet. Da droht der Schrei der Körper im Trubel unterzugehen und doch sind sie es, die sich windenden und sträubenden und mühsam in Form gepressten, die bleiben von einem Abend, der ein wenig zu ängstlich ist, dorthin zu gehen, wo es wirklich weh tut, der sich vom Glanz der Oberfläche zuweilen einfangen lässt und auf halber Strecke stehen bleibt, dem es an Konsequenz fehlt. Und doch ist der halbe Weg, den der Zuschauer mitgehen darf, einer, der fesselt und packt. Vergeben wir ihm also seine Perfektion – und alles was dem Abend fehlt. Denn was drin ist in diesem glitzernden Paket, ist so wenig auch nicht.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: