Wenn weniger mehr ist

Krzysztof Urbański und Sol Gabetta debütieren bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Alle Tage passiert es nicht, dass die Berliner Philharmoniker ein doppeltes Orchesterdebüt erleben und so ist es schon etwas Besonderes, wenn mit Dirigent Krzysztof Urbański und Cellistin Sol Gabetta gleich zwei Künstler ihren Einstand bei dem Orchester feiern. Der eine ist Chefdirigent in Trondheim und Indianapolis und gehört zu den gerade aufgehenden Sternen der jüngeren Dirigentengeneration, die andere ist bereits eine der gefragtesten Solistinnen an ihrem Instrument weltweit, ihr Philharmoniker-Debüt längst überfällig. Strahlend ihr Auftritt im wallenden roten Kleid, weit weniger spektakulär ihr Spiel. Im besten Sinne: Bohuslav Martinůs erstes Cellokonzert nutz die argentinisch-französische Künstlerin keineswegs zur Selbstdarstellung. Dass das Werk ihr ausreichend Raum zur Virtuosität bietet, steht außer Zweifel, Sol Gabetta meistert vor allem die anspruchsvollen Kadenzen mühelos, ohne den Blick darauf zu lenken, wie schwierig das musikalische Material ist. Nur selten lässt sie ihr Instrument singen, am meisten noch im dritten Satz, in dem sie zeigt, wie weich und zugleich glasklar ihr Ton sein kann. Über weitere Strecken ist er fahler, härter, das Spiel in sich gekehrter. Der spröden Melancholie Martinůs entspricht das außerordentlich gut. Da betont Gabetta nie das Schroffe, meidet die Extreme, sucht – und findet – ihren Ausdruck in den Zwischenräumen. Sie nimmt sich zurück und lässt die Musik sprechen – ohne glänzende Fassade oder ausgestellte Virtuosität, ungeschminkt und ein wenig rau. Es ist ein Debüt, das überzeugt, gerade weil es nicht um die Gunst des Publikums buhlt.

Die Berliner Philharmoniker (Foto: Berliner Philharmoniker / Monika Rittershaus)
Die Berliner Philharmoniker (Foto: Berliner Philharmoniker / Monika Rittershaus)

Leider gilt für Krzysztof Urbański eher das Gegenteil. Sein Bemühen zu begeistern, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, ist vom ersten Takt an spürbar. Vor allem bei Martinů sorgt das für einige klangliche Unebenheit, gerade weil seine Betonung dynamischer Kontraste, sein Fokus auf dramatischen Effekten, vor allem im ersten Satz stark mit Gabettas Solospiel kontrastiert. Er setzt scharfe Kanten und abrupte Brüche, die zu Gabettas leisen Tönen nicht recht passen wollen. Im zweiten Satz passt das besser, weil Urbański seiner Solistin mehr das Feld überlässt. Die fragmentarische Lesart des Finales teilen dann beide, die stille Traurigkeit endet nicht im Triumph, sondern in klagenden Puzzleteilen. Es ist der vielleicht stärkste Satz des Abends.

Denn wenn Urbański nicht Gabetta als regulativ neben sich weiß, kommt seine Vorliebe für die grellen Farben, die klanglichen Extreme in diesem rein tschechischen Programm zum Vorschein. Das ist schon bei Bedřich Smetanas berühmter symphonischer Dichtung Die Moldau der Fall, die er reichlich brachial gegen den Strich bürstet. Hier darf nichts Fließen, löst sich die Erzählung vom sich durch Smetanas Heimat ziehenden Strom in zähflüssiger Schwere auf. Urbański verzögert und beschleunigt, pendelt zwischen Pianissimo und Fortissimo, lässt das berühmte Hauptthema seltsam fahl erscheinen und weiß doch vor allem, was er nicht will: angenehmes Dahinplätschern des viel zu Bekannten. Und so rammt er Pflöcke ins musikalische Fleisch, ohne sich viel darum zu scheren, ob sie nicht mehr kaputt machen, als sie hervorbringen. Der ebenfalls aus Smetanas Zyklus Ma Vlást stammenden Šárka steht das besser zu Gesicht, wobei die dramatische schwere auch hier den Bewegungsreichtum der Musik immer wieder in die Knie zwingt. Spätestens hier ist der Fokus auf dynamischem Kontrast, auf Tempiwechseln und dramatischer Gegenüberstellung unterschiedlicher ausdrücke kaum mehr als Masche.

Das ändert sich leider auch in Antonín Dvořáks siebter Symphonie nicht. Gerade diese eignet sich zur großen Geste, zum schroffen Schwarz oder Weiß, dem Urbański hier frönt, viel weniger als ihre populäreren Nachfolger. Trotzdem türmt Urbański ungerührt massive Klanggebirge auf, die viel mehr mit Beethoven zu tun haben scheinen als mit dem tschechischen Romantiker. Urbański lässt es im Kopfsatz grollen und erdrückt doch den Eindruck des aufgewühlten unter schierer Wucht. Auch die Unterschiede der Sätze interessieren ihn wenig: Hier gleicht einer dem Anderen, erstickt der zweite Satz unter dichten Streicherteppichen und schroffen Kontrasten, verschwindet der Schwung des Scherzos und beethovenesker Wucht, wird das Finale zum opernhaften Fortissimo-Monolithen, der die durchaus vorhandenen Brüche übertüncht. Es ist vor allem dem Können der Philharmoniker, nicht zuletzt den brillanten Holzbläsern zu verdanken, das hin und wieder so etwas wie Ausdrucks- und Klangreichtum hervor scheint, taktweise ein wenig Transparenz entsteht. Urbańskis Zugriff behindert dieses Unterfangen mehr, als es zu befördern. Vielleicht hätte der polnische Dirigent sich ein Beispiel an seiner Solistin nehmen sollen: Sol Gabetta beweist, dass auch Subtilität Eindruck machen kann und weniger tatsächlich zuweilen mehr ist.

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