Die Lücke, die bleibt

Die Berliner Philharmoniker spielen in Erinnerung an Claudio Abbado

Von Sascha Krieger

Ein leeres Podium, darauf eine einzelne weiße Rose: Claudio Abbado hätte hier stehen sollen, wie in jedem Mai, seit er 2002 sein Amt als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker aufgab. Am 20. Januar starb der gebürtige Mailänder im Alter von 80 Jahren in Bologna. Sein Nachfolger Sir Simon Rattle übernahm die drei Konzerte, die Abbado hätte dirigieren sollen, doch in der ersten Konzerthälfte überlässt er den Platz seinem Vorgänger, macht die Lücke sichtbar, die bleiben wird. Ohne Dirigenten spielen sie ein Stück aus Franz Schuberts Bühnenmusik zu Rosamunde, das Andantino nach dem 3. Akt. Wie das (fast) volle Orchester eine kammermusikalische Intimität entfaltet, wie innig die schlichte Klarheit dieser sanften, traurig-sehnsuchtsvolle Musik erklingt, wie sie atmet, als wäre man ganz untersicht, ist nicht nur bewegend, es hätte Abbado, der die große Geste hasste, mit Stolz erfüllt. Auch wenn die Schweigeminute im Anschluss nur an den ersten beiden Abenden gelingt, die Trauer, die diese Musiker erfüllt ist ebenso greifbar, wie die zärtliche Liebe zur Musik, die teilen vermocht zu haben das vielleicht größte Vermächtnis des Maestros ist.

Claudio Abbado (1933 - 2014) (© Claudio Abbado / Cordula Groth)

Claudio Abbado (1933 – 2014) (© Claudio Abbado / Cordula Groth)

Das folgende Violinkonzert Nr. 3 G-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart stand bereits auf Abbados für die Konzerte geplantem Programm, ebenso wie der Name des Solisten. Frank Peter Zimmermann führt nun allein durch das Konzert, ein Primus inter pares, der im Kopfsatz zwar rhythmische und strukturelle Akzente setzt, zumeist jedoch Orchester und Solist als Einheit begreift. Klar, sachlich und schnörkellos ist sein Spiel, fest und kraftvoll das Zusammenspiel mit den Philharmonikern. Beeindruckend die Selbstverständlichkeit, mit der Zimmermann in der Kadenz Kantabilität und rhythmische Schärfe zusammenbringt. Im zweiten, langsamen Satz übernimmt Zimmermann dann das Zepter. Der Gesang, den er seiner Stradivari entlockt, ist so innig wie nüchtern, zuckrige Leichtigkeit ist ihm fremd, hier verdeckt nichts die Reinheit des Ausdrucks. Das Orchester nimmt sich zurück und grundiert das sehnsuchtsvolle Lied, das aus Schuberts Stück herüber zu wehen scheint. Im dritten Satz entfaltet sich dann die ganze Mozartsche Ausdrucksvielfalt, öffnet sich die in sich gekehrte Melancholie in dynamischer, rhythmisch prägnanter Lebensbejahung.

Nach der Pause übernimmt dann Rattle, doch der Grundton bleibt. Der Brite interpretiert die Welt von Anton Bruckners siebter Symphonie als kraftvoll dahin ziehenden Fluss. Das beginnt im Kopfsatz, den er natürlich aus der stille erwachsen lässt und ohne Ungeduld wie organisch zum finalen, den Raum der Philharmonie weit öffnenden Crescendo sich entwickeln lässt. Dunkel der Grundton der Streicher, fest ihr Fundament, über dem sich immer wieder hauchzarte lyrische Momente entwickeln. Rattle verwischt nichts, weder die Tempiwechsel noch die dynamischen Kontraste, doch stellt er das scheinbar Widerstrebende nicht schroff gegeneinander, sondern betont die gemeinsamen Wurzeln. So auch im Schlüsselsatz, dem fast halbstündigen Adagio. Heller, dünner, fast fahl und viel zerbrechlicher ist hier der Streicherteppich und auch die Wagnertuben spielen zurückgenommen, wie von fern herüberklingende Erinnerungen. Zarte und innige Momente auch hier, aber neben ihnen steht eine schwere Traurigkeit, die vor allem vom zweiten Thema getragen wird. Rattle lässt sich und dem Orchester Zeit, erlaubt der Musik zu atmen, durchflutet sich mit Licht, ohne sie ihrer inhärenten Dunkelheit – Bruckner schrieb den Satz unter dem Eindruck des Todes Richard Wagners – zu berauben. Und er baut Brücken: Das Crescendo, mit dem der Satz seinen Höhepunkt findet, erinnert an jenes aus dem ersten Satz – wir werden ihm, wenn auch mit etwas dynamischem Anlauf versehen, am Ende des Scherzos wiederbegegnen.

Auch dieses ist bei Rattle Teil des harmonischen Flusses. Er wählt sehr gemäßigte Tempi und verleiht ihm einen ungeahnten Schwung, der stets leicht bleibt und immer ein wenig Zerbrechlichkeit in sich trägt. Das Fanfarenthema der Blechbläser kommt überraschen weich, daher, nie schneidend, Unruhe bringt das Brodeln in den Streichern. Hier ist kein Bruch, der Fluss, der bislang so majestätisch dahinfloss, wird lediglich etwas reißender. Bremsend fungiert das Trio, dem Rattle jeden Schwung entzieht, noch ist nicht die Zeit für zwanglose Leichtigkeit. Die auch das Finale nicht bringt: Hier ergießt sich der Fluss über Stromschnellen, zelebriert Rattle die Tempiwechsel und dynamischen Akzente, lässt er die Musik pulsieren und in einem affirmativen Crescendo von ungeahnter Kraft kulminieren. Der Fluss, der jener des Lebens sein könnte, hat sich triumphierend in den Ozean ergossen, den Ozean der Musik, in dem der Abwesende auf ewig seinen Platz haben wird. So schmerzlich seine Abwesenheit an diesen Abenden zu spüren ist, so wenig auch nur versucht wird, die Lücke, die sein Tod riss, zu füllen, so sehr ist er zugleich präsent. Und wird es bleiben.

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