Die Welt als Puppenstube

Theatertreffen 2014 – Die Geschichte von Kaspar Hauser, Schauspielhaus Zürich (Regie: Alvis Hermanis)

Von Sascha Krieger

Was ist dieser Kaspar Hauser nicht alles gewesen, seit er 1828 kaum sprechend und sich linkisch bewegend in Nürnberg auftauchte: ein „wildes Kind“, ein „reines Wesen“, ein Betrüger, Mittelpunkt einer Verschwörung eines Kriminalfalls, Symbol für den gesellschaftlichen Außenseiter, Opfer von Erziehung und Sprache, ja, selbst eine Krankheit ist nach ihm benannt. Eines ist all diesen Zuschreibungen gemein: Sie kommen von außen, nutzen die Person Hause als Projektionsfläche, lassen den Menschen Kaspar zurücktreten. Hauser war Spielball und Versuchsobjekt, Experimentierfeld und Kampfmittel, er wurde begafft und analysiert, als argumentative Waffe eingesetzt, zur Ikone erhoben und zum Feindbild erklärt. Eines durfte er jedoch nie sein – zu Lebzeiten nicht und auch nicht danach: ein Mensch mit eigener Persönlichkeit, eigenen Wünschen und Sehnsüchten, Fehlern und Ängsten, einer der in sich selbst existiert und nicht nur in den Augen der Anderen. Der lettische Ausnahmeregisseur Alvis Hermanis erzählt die Geschichte von Kaspar Hauser basierend vor allem auf Originaldokumenten von Anselm Ritter von Feuerbach, Georg Friedrich Daumer und Hauser selbst. Und er erzählt sie als Versuch einer Menschwerdung, die am kollektiven Experiment einer Menschenformung scheitert.

Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt

Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt

Und er erzählt sie als Puppenspiel: Jirka Zett spielt diesen Hauser als riesenhaft Fremden, als naivem Sucher, dem sein wachsendes Selbstbewusstsein – im Sinne der Bewusstwerdung seiner Selbst – zum Verhängnis werden wird. Er ist geworfen in eine Puppenwelt, in ein detailgetreues Biedermeierzimmer en miniatur, bevölkert von uniformierten Kleinbürgern, gespielt von altgeschminkten Kindern, die von schattenhaft schwarzgekleideten Schauspielern geführt werden. Diese Welt ist klein, sie ist uniform und sie ist fremdgesteuert – von selbst auf erlegten Konventionen, gegen die sich aufzubegehren, das Gesellschaftsgefüge in Frage stellen würde, was um jeden Preis zu verhindern ist. In dieser Welt findet sich Kaspar, eine Welt, in die er  im Wortsinn nicht passt, ein Riese unter Zwergen, ein Mensch unter Automaten. In seiner tristen Kleidung, seiner verkrampften Haltung, seinem Platz außerhalb des Kreises bleibt er das Außen, das man loswerden muss, wenn es sich nicht integrieren lässt. So ganz aus der Welt ist eine solche gesellschaftliche Haltung bekanntlich bis heute nicht.

Zu Beginn ist da ein einsamer Sandhaufen auf der Bühne. Aus ihm gräbt der kleinwüchsige Schauspieler Roland Hofer  etwas aus: ein unkoordiniert regungsloses Gewirr aus Armen, Beinen, Kopf , Rumpf. Mühsam lässt sich dieses wesen aufrichten, mechanisch bewegen. Es ist die Geburt des Kaspar Hausers aus dem Nichts, der Sphäre außerhalb der Gesellschaft. Woher er kommt, warm er die ersten sechszehn oder siebzehn Jahre seines Lebens in Isolation verbringen musste, interessiert Hermanis weniger, als das, was nun mit ihm geschieht. Die Gesellschaft nimmt sich seiner an, sieht ihn als „interessanten Fall“, als kurioses Spielzeug, als formbare Masse. In der Folge, reiht Hermanis Belehrung an Belehrung: Hauser werden Tischmanieren beigebracht, er lernt Sprechen, lesen, schreiben, Rechnen, später bringt man ihm Kunst und Kultur und sogar Philosophie näher. Wenn er nicht spurt, wird man ungehalten, zufrieden ist man, wenn er sich vorführen lässt. Es ist ein schauderhaftes Bild, das der Abend von Bildung zeichnet: das Pressen in vorgegebene Bahnen, das Formen nach den eigenen Vorstellungen, der zu bildende Mensch ist, wie Dickens eis einmalbeschrieb, ein Gefäß, das zu befüllen ist, er ist Knetmasse für die anderen.

Gleichzeitig ist Hauser auch Zerstreuungsobjekt für eine gelangweilte Gesellschaft. Was heute Sensationspresse und Internet sind, war damals der gesellschaftliche Tratsch, waren Menschenvorführungen auf dem Jahrmarkt. Kaspar Hauser war eine Sensation, ein vorführbarer Gegenstand voyeuristischer Triebe, eine Sau, die man so lange durchs Dorf treibt, bis man sich ihrer wieder langweilt. Oder bis sie zu widerspenstig wird: Denn irgendwann beginnt Hauser, seine Persönlichkeitsformung ernst zu nehmen. Und so wandeln sich die Episoden, die „Geschichten“, wie Hermanis seine szenischen Miniaturen nennt: Aus einer Abfolge von Lektionen werden Fragen nach dem Warum, wird die Welterkundung des erwachenden Ichs. Das stört die Ordnung, insbesondere, als Kaspars Fragen aus dem akzeptierten Rahmen fallen. Wenn er fragt, warum die Wirklichkeit nicht die Wahrheit sei, hat die Gesellschaft keine Antwort, stört das ihr Funktionieren. Als sein erster „Geburtstag“ gefeiert wird, darf Kaspar ein Gedicht lesen, ansonsten bleibt er außen vor, ist Kuriosum und Versuchsobjekt, aber nie Mensch. Aber, so fragt er seinen wohlmeinenden Mentor Daumer einmal, als dieser sagt, er wolle einen Menschen, einen besseren natürlich, aus ihm machen: „Was bin ich dann denn jetzt? Bin ich noch gar kein Mensch?“

Das gesellschaftliche Gaffobjekt und das zu formende Bildungsopfer haben eines gemeinsam: Sie haben nur dann einen Wert, wenn sie ihre Funktion erfüllen.  Wer sich wehrt, wird wieder ausgestoßen. Der Abend endet mit Kaspar, den die Gesellschaft wieder halb im Sand eingegraben hat, leblos am Bühnenrand, während die Honoratioren einen Walzer spielen, etwas schief, aber sich selbst genügend. Die Gesellschaft hatte ihren Spaß und macht weiter wie bisher. Die Opfer zählt keine und sie wären bald vergessen, stünde da nicht die ganze Zeit dieses weiße Pony auf der Bühne, eine Kreatur mit eigenem Willen und ein Symbol Hausers, der einst im Verlies mit Holzpferden spielte und Reiter werden wollte. Das nicht Formbare, sich nur bis zu einem Punkt Domestizieren Lassenden, es steht da trotzig und scharrt mit den Hufen. Ein starkes, Schlussbild für einen märchenhaften und alptraumartigen, verspielt lustigen und verstörenden, kurz einen lebensvollen Abend des Theaterzauberers Hermanis.

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