Keine Eier

Maxim Gorki: Wassa Schelesnowa, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Es ist kalt im Deutschen Theater an diesem Abend. Das Thermometer, gäbe es eines,  zeigte es vermutlich nicht an, und doch sitzt das Publikum inmitten einer Eislandschaft. Das beginnt mit dem Stahlträger-Bühnenskelett von Katja Haß und setzt sich sogleich fort in der Darstellung der Familie, um die es hier geht: Kernzelle der Gesellschaft, Quell ihres Überlebens, Grundeinheit der Wirtschaftsordnung und zugleich kaum noch qualmende Ruine. Maxim Gorki erzählt in Wassa Schelesnowa von einer untergehenden Gesellschaft – in Stephan Kimmigs Inszenierung scheint der bevorstehende Zusammenbruch noch näher. Zwischen dem nackten Stahl laufen Gestalten in Bademantel und Unterwäsche herum. Nein, die Fassade, hier sei noch etwas zu retten oder gar intakt, ist längst niedergerissen in dieser Niedergangsgeschichte eines Familienunternehmen, die doch so vielmehr sein soll – und hier, am Deutschen Theater, auch ist. Wenn sich die Familie zunächst versammelt, um ein Wiegenlied zu singen, lullt das niemanden mehr ein, sie selbst am wenigsten.

Spielort von Amphitryon und sein Doppelgänger beim Theatertreffen 2014: das Deutsche Theater (Foto: Sascha Krieger)

Foto: Sascha Krieger

Kimmig erweist sich an diesem Abend als kompromissloser Analytiker: Wie er die Familienzusammenhänge seziert, den Zerfallsprozess stringent und kompromisslos entfaltet, die Abgründe schonungslos aufzeigt, ohne – mit möglicher Ausnahme des etwas zähes Endes – in Pathos oder Zeigefingermodus zu kippen, ist von großer Kraft. Das Wechselspiel von Lärm und Stille, von Gewalt und Leere, von höchster Aggression und verzweifelter Resignation bildet das Grundprinzip seines inszenatorischen Zugriffs. Die Stille ist hier stets jene nach dem Sturm, dem letzten, eine Grabesstille, die nichts Friedliches hat. Sie erzählt von einer Welt, die ihre Werte verloren hat, in der das Ich so viel zählt, dass es sich selbst nicht mehr kennt und doch um so lauter reklamiert, eine Welt, die kein Ziel hat und sich nur noch in selbstgenügsamen Automatismen ein wenig am Laufen erhält. Wer das als Gesellschaftsbeschreibung sehen will, kann dies tun, womöglich ist es aber auch „nur“ eine Vision einer sehr denkbaren und nicht fernen Zukunft, auf die wir gerade zusteuern. In einer Zeit, in der wir alles hinterfragen, was wir noch vor kurzem als selbstverständlich akzeptiert haben, kann uns das, was wir hier sehen, nicht gänzlich fremd sein.

Wobei wir beim Wichtigsten sind. Wassa Schelesnowa ist vor allem eines: grandioses Schauspielertheater. Mit unerbittlicher Konsequenz und trotz gewollter Plakativität eindrucksvoller Glaubwürdigkeit stürzen sich die Darsteller in ihre Porträts dieser selbstsüchtigen, selbstzerstörerischen und lebensunfähigen Personnage. Herauszuheben ist sicher Alexander Khuon als Wassas Sohn Pawel: ein sabberndes, faselndes Wrack, das aus seiner Verzweiflung heraus zunächst zum weinerlich-übergriffigen Egomanen und dann zum gewalttätigen Soziopathen wird. Ein Werdegang, der dem seines Bruders Semjon ähnelt: Das weichliche, von seiner Frau wie eine Marionette geführte Muttersöhnchen entwickelt Christoph Franken zu einem wenn auch einfältig kindischen, so doch gefährlich destruktiven Tyrannen. So viel hier von Liebe schwadroniert wird, so wenig sind sie dieser noch fähig, selbst die Geldgier ist nur Mittel zum Zweck im einzigen Kampf, der hier noch geführt wird: jener um die Macht gegenüber den anderen, die das letzte Mittel scheint der Selbstbehauptung. Hinzu kommen der kühle und resignative Pragmatiker Michailo (Bernd Stempel), dessen verloren flehender Blick in Richtung seiner abtrünnigen Tochter, tief ins Mark fährt und der grobschlächtig polternde Prochor, dessen Hass auch nicht mehr ist als Überbleibsel einstigen Lebenswillens.

Demgegenüber stehen die Frauen, allen voran Corinna Harfouch als Wassa. Sie ist kühle Managerin und erbarmungsloses Muttertier. So strategisch und rücksichtlos sie bei der Rettung des Familienbetriebs vorgeht, so unentrinnbar sind ihre Liebesversuche gegenüber den im eigenen Ego gefangenen Söhnen. Dass sie dieser Widerstreit zerreißt, ist ihr anzusehen: in den aufeinander gepressten Lippen, den kaum kalkulierbaren Ausbrüchen, den zwanghaften Bewegungen, dem allgegenwärtigen Zittern. Ruhe – und es ist keine erleichternde oder gar erlösende – findet sie erst, wenn sie die Liebesillusion abwirft, sich für das Geschäft entscheidet und das verzweifelte Zuneigungsbuhlen des plötzlich seine Einsamkeit erfahrenden Semjon abweist. Wie wirtschaftliche Notwendigkeiten und gesellschaftliche Brüche familiäre Verhältnisse durch- und zersetzen, verkörpert sich ganz und gar in Harfouchs Darstellung. Ihr Gegenstück ist hier nicht die bei Franziska Machens etwas blass bleibende Tochter Anna oder die intrigante, selbstbewusst Wassas Macht herausfordernde Schwiegertochter Natalja (von Lisa Hrdina als nur vermeintlich harmloses Mauerblümchen gespielt), sondern Pawels fremdgehende Frau Ljudmilla, Michailos Tochter. Katharina Marie Schubert gibt sie als hilflos träumerische, verlorene Seele, die als einziges so etwas wie Wahrheit und Nähe sucht und doch scheitern muss. Und doch ist sie die menschlichste Figur – in all ihrer Unfähigkeit, sich den Zwängen des Lebens anzupassen. Ihre Verzweiflung ist die existenziellste, am wenigsten selbstgemachte, ihr flehender Blick der Ausdruck dessen, was mit uns passiert, wenn Macht und Geld und Ich-Fixierung alle anderen Werte verdrängen.

Natürlich geht es bei Kimmig um die Kälte eines kapitalistischen Systems, dessen Mechanismen auch die nicht mehr durchschauen, die die Fäden ziehen, ein System, das auch die zu Opfern macht, die Grundpfeiler seines Aufbaus waren, die Wassas, deren eigene Brutalität und Unnachgiebigkeit ihren Niedergang erst ermöglichen. Gleichzeitig vermeidet Kimmig den Zeigefinger und auch wenn die Typisierung der Figuren ein wenig subtiler sein könnte, das eine oder andere inszenatorische Mätzchen (etwa das Umziehen auf offener Bühne) eher stört, so gelingt ihm doch ein verstörend präzises Gesellschaftsporträt, das nicht verurteilt, sondern beschreibt, das sich speist aus der schauspielerischen Kraft und Unmittelbarkeit mit dem dieses so oft unterforderte Ensemble hier agiere darf. Vielleicht ist dieses Schauspielertheater, das Kimmig es hier auf die Bühne bringt, theaterästhetisch nicht auf dem neuesten Stand. Dass es eine ganz unerhörte Kraft entwickeln, dass es erhellen und aufzeigen, berühren und erschüttern kann, zeigt dieser Abend. Und vielleicht auch, woran das, was er hier vorführt, krankt: Wenn Lisa Hrdina bei ihrem ersten Auftritt herrisch motzt, dass es zum Frühstück keine Eier gäbe, mag das ein etwas plattes Bild sein. Treffend ist es allemal.

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