Zeugnis geben

Theatertreffen 2014 – Die letzten Zeugen. Ein Projekt von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann, Burgtheater Wien (Einrichtung: Matthias Hartmann)

Von Sascha Krieger

Als der Applaus endet, ist es ganz still. Ohne ein Wort zu sprechen, bahnen sich die Zuschauer den Weg zu den Saalausgängen. Es ist ein seltener Moment des Innehaltens, des Sich-Fassens, des Mit-seinen-Gedanken-Alleinseins. Vielleicht ist es der Schlüsselmoment dieses Abends, der sich mit den herkömmlichen Maßstäben der Theaterkritik nicht fassen und schon gar nicht bewerten lässt, der sich nicht rezensieren lässt. Ob diese zwei Stunden, in denen vier Burgschauspieler aus Lebenserinnerungen von Überlebenden der Shoah lesen, während jene, deren Geschichten, die auch Geschichte sind, hier zu Gehör kommen, im Bühnenhintergrund sitzen, großes Theater, ja, überhaupt Theater sind, darüber ließe sich sicher streiten. Wichtig ist es nicht. Das Theater ist der Raum, in dem diese Erzählungen erklingen, in dem sie erfahren, erspürt, kaum begriffen werden, in dem sie auf ihre Weise – und gehört das nicht seit jeher zu den Grundaufgaben des Theaters? – lebendig werden. Und so hat dieser Abend seinen Platz beim Theatertreffen 2014, jener Begegnung der, wie es heißt, „bemerkenswertesten Inszenierungen“ der vergangenen zwölf Monate, und er verdient diesen Platz vielleicht mehr als alles, was in diesen gut zwei Wochen sonst in Berlin zu sehen ist.

Foto: Reinhard Werner / Burgtheater

Foto: Reinhard Werner / Burgtheater

Doron Rabinovici, Sohn einer Shoah-Überlebenden, die selbst Teil dieses Projektes ist, und Regisseur Matthias Hartmann haben die Lebenserinnerungen von sieben Zeitzeugen der verheerendsten zwölf Jahre der deutschen und sieben Jahre des österreichischen Geschichte zu einem kollektiven Narrativ der Mahnung verwoben, das von der Individualität des Erlebten lebt, von den Gesichtern und Menschen, deren Geschichten wir hören. Vorgetragen werden sie abwechselnd von vier Darstellern des Burgtheaters an einem schwarzen Pult am rechten Bühnenrand. In der Mitte der Bühne befinden sich zwei semitransparente Projektionsflächen, dahinter ein Podest, auf dem die sechs, deren Geschichten erzählt werden sitzen, die siebte ist im vergangenen Jahr verstorben, ihren Platz nimmt ein bunter Schal auf leerem Stuhl ein. Wenn eine Geschichte erzählt wird, erscheint auf der hinteren Leinwand das jeweilige Gesicht, auf der vorderen werden Bilder von Orten, alte Fotos und Dokumente eingeblendet.

Der Abend bezieht seine Kraft vor allem aus der Gleichzeitigkeit von An- und Abwesenheit. Die Lesungen der Schauspieler, die von sonor sachlicher (Peter Knaack) bis zu ausdrucksvoll inniger (Dörte Lyssewski) Rezitation reichen, tun zweierlei: Zum einen sind sie Aneignungen der Geschichte durch die nachfolgenden Generationen. Indem sie sie in unserem Namen vortragen, übernehmen die Schauspielerinnen und Schauspieler die Verantwortung für sie – stellvertretend für uns Zuschauer. Zweitens zwingt uns die Trennung von Geschichte und Mensch, uns ganz auf das Gehörte zu konzentrieren. Es tritt als Eigenes vor uns, als das, womit wir uns auseinandersetzen müssen, ohne die Ablenkung einer Stimme, eines Gesichts, die auch Geschichten erzählen, von denen wir uns womöglich ablenke ließen. Gleichzeitig sind diese Gesichter da, stumm, mahnend, die Konkretheit des Erzählten bezeugend.

Es sind Geschichten, die nicht kalt lassen, nicht kalt lassen dürfen: Persönliche Erzählungen von Freunden, die zu Feinden, Bekannten, die Mördern wurden, von Entrechtung und Entmenschlichung. Erschütternd die lange Episode von Suzanne-Lucienne Rabinovici, in der sie vom Kampf ihrer Mutter berichtet, bei der Selektion in Vilnius auf die rechte, vorläufiges Überleben bringende Seite zu gelangen. Ein Kampf, der immer und immer wieder scheitert, bis er endlich gelingt, und der sich jedem, der seine Geschichte hört, unauslöschlich einbrennt. Vom Anschluss Österreichs bis zur Befreiung der Lager reichen die Erzählungen und sie berichten von der Unendlichkeit menschlicher Grausamkeit, von der Schuld der „Mitläufer“, von der versuchten Entmenschlichung in den Lagern, aber auch von den wenigen Anständigen, deren Taten im Kleinen – etwa der Angestellte einer Eisbahn, der Vilma Neuwirth das Leben rettete – wie im Großen – der Freund der Familie, der Lucia Heilmann und ihre Mutter versteckte – Überleben ermöglichten. Viele waren es nicht, umso wichtiger ist es, sie zu erwähnen. Die Erzählungen wirken auch deshalb so stark, weil sie keine Anklagen sind, sondern eben Zeugnisse, Manifestationen der Wahrheit, die mehr ist als eine persönliche. Alles andere – die Bilddokumente, die Schreiberin, die die Geschichten auf einer Thora-artigen Papierrolle symbolisch für die Nachwelt festhält, die Geschichte sozusagen fixiert und unentrinnbar macht, die Sequenz der Auschwitzbilder, die sonoren, auf einer Note ausharrenden Klangeinschübe – sie alles sind bestenfalls unterstützendes Beiwerk, zuweilen auch allzu platte Illustration. Wichtig für die Kraft des Abends sind sie nicht.

Wenn ihre Geschichten erzählt sind, treten die Überlebenden nach vorn, richten ein paar Worte ans Publikum, mahnende, persönliche, erinnernde, ein Gedicht, im KZ geschrieben, eine Hommage an den Retter, eine Anklage gegen den alltäglichen Antisemitismus. Später, nach der Pause, stellen sie sich in Publikumsgesprächen, reicht ihre Stimme ins Heute, wird ihre Geschichte real und relevant. Rudolf Gelbard erinnert an die 17 Verbrechen der Nationalsozialisten, all die Opfer, die wir so oft vergessen, daran, dass es beileibe nicht „nur“ Juden waren, denen das Menschsein abgesprochen wurde, aber er hat auch eine Liste dabei all jener, die in den vergangenen 25 Jahren in Deutschland Rechtsradikalen zum Opfer fielen. Wer die Vergangenheit vergisst, wiederholt sie, sagt er. Suzanne-Lucienne Rabinovici erzählt, sie habe im Konzentrationslager Deutsch gelernt, doch das, was sie heute höre, sei ein anderes, weicheres. Und sie berichtet, nach keiner Vorstellung von Die letzten Zeugen schlafen zu können. Ihr entschlossenes Lächeln sagt, es sei ein Preis, der es wert ist, gezahlt zu werden. Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass es so bleibt.

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