Scheitern als Prinzip

Nach James Joyce: Ulysses, Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Marat Burnashev)

Von Sascha Krieger

James Joyces Roman Ulysses gilt als Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts, ja, als Wendepunkt der Literaturgeschichte. Es markiert den Einbruch der Moderne mit der Erkenntnis, dass die lineare Welterfahrung und -beschreibung, an deren Behauptung die Literatur trotz einiger Auflösungsversuche noch weitgehend festhielt, nicht mehr der Wirklichkeit einer sich fragmentierenden Welt entsprach. Nach Ulysses war die Rückkehr zum Status Quo unmöglich geworden, seine kaleidoskopisch fragmentarisch assoziative Betrachtung der Welt, sein Fokus auf die Wahrnehmung derselben und den Prozess dieser Wahrnehmung stellten alles in Frage, was für Prosa zuvor zu gelten schien. Plötzlich wurde das menschliche Bewusstsein selbst zum Protagonisten, stand sein Umgang mit dem, was noch kurz vorher als objektiv erlebbare Wirklichkeit galt, im Fokus. Die „Handlung“ im klassische Sinne war dabei nicht einmal mehr sekundär. Es wird auf diesen etwa tausend Seiten nicht mehr beschrieben als ein ganz banaler Tag im Leben eines jungen Intellektuellen und eines älteren Anzeigenverkäufers im Dublin des Jahres 1904. Die Hauptrollen kommen ihnen nicht zu – die gehören dem Bewusstsein und der fragmentierten Erfahrung der modernen Welt sowie dieser nur scheinbar vertrauenswürdigen Wirklichkeitsvermittlerin, die wir gemeinhin Sprache nennen.

Patrycia Ziolkowska als Molly Bloom (Foto: Marat Burnashev)

Patrycia Ziolkowska als Molly Bloom (Foto: Marat Burnashev)

Der Versuch, die Essenz dieses Romans auf die Bühne bringen zu wollen, muss daher zwangsläufig scheitern. Marat Burnashev war das vermutlich bewusst, versucht hat er es trotzdem. Dabei setzt er zunächst auf Multiperspektivik. Dies gilt für die Struktur seiner Annäherung, die er auf zwei Teile aufspaltet: Der erste ist eine Reihe von vierzehn im Internet veröffentlichten Videos, die sich jeweils einer Nebenfigur des Romans beziehungsweise einer Alltagserfahrung der Protagonisten widmen. Sie bestehen aus Erzählungen zeitgenössischer Versionen der Figuren: einem Medizinstudenten, einem Literaturprofessor, einem Spieler, einem Redakteur, einem Metzger, einer Drogistin. Die Umsetzung krankt daran, dass zwanghaft versucht wird, Bezüge zu den Romanfiguren Leopold Bloom und Stephen Dedalus herzustellen, was dieser Ebene etwas Bemühtes, Konstruiertes gibt. Wenn sie sich auf die Lebenswirklichkeit der Interviewten konzentriert, funktioniert das besser: Es entsteht ein Bild moderner Lebenswirklichkeit das in seiner Vielstimmigkeit subjektiv und bruchstückhaft – bis hin zur Auflösung der Porträtierten in Augen, Münder und Hände mittels extremer Close-ups – bleibt.

Damit eröffnet auch der zweite Teil, ein gut einstündiger Theaterabend, der sich nun Bloom und Stephen widmet. Zu Beginn steht Mirco Kreibich als Stephen regungslos in Mitten dreier Videowände, auf denen polyphon und die Sinneswahrnehmung überfordernd Interview- und Porträtfetzen ablaufen. Stephen ist hier der im Meer moderner Vervielfältigung Ertrinkende, dem in der Folge auch sein wichtigstes Instrument, die Sprache, abhanden zu kommen droht. Mühevoll presst er die Sätze hervor, die mechanische Qual dieser verbalen Entäußerung steht in Kontrast zur vermeintlich sprudelnden Kreativität seiner Gedankenwelt. Später, ganz am Schluss werden er und Bloom die Sprache auf ihren spielerischen Aspekt reduzieren und vom Zwang zu befreien, Sinn vermitteln zu müssen, der längst nicht mehr erfahrbar ist. Da fabulieren sie lächelnd von „Sindbad, dem Seefahrer und Tindbad, dem Teefahrer und Findbad, dem Feefahrer“ und immer so weiter hinaus in die See der modernen Möglichkeitsausweitung. Wenn Sprache nicht mehr aus der Beziehung von Signifikant und Signifikat bestehen muss, wie viel mehr kann sie dann sein?

Die visuelle Ebene spielt denn auch eine zentrale Rolle: Neben einer schönen, aber doch ein wenig plakativen Episode, in der Bloom (Bruno Cathomas) mit einer Fernsehwahrsagerin telefoniert – ebenso wie ein Bonmot über die dominante Rolle des Handys im Alltagsleben wirkt diese Vergegenwärtigung etwas aufgesetzt – besteht diese aus Ankleide- und Schminkszenen: Zunächst einige DarstellerInnen mit Behinderung, später Patrycia Ziolkowska als Molly, machen sich schön für die Nacht, präsentabel für eine Welt, die nur noch in Bildfragmenten zu erfahren ist und in der der erste Eindruck wichtiger ist als alles andere. Jedoch bleiben sie stumm, auch Molly, der in Joyces Roman das wohl bekannteste wie wirkungsmächtigste Kapitel gehört: das letzte, ein langer Bewusstseinsstrom ohne Punkt und Komma.

Und hier sind wir mitten im Problem des Abends angekommen: Am Ende bleibt den Machern wenig übrig, als so etwas wie Handlung nachzuinszenieren, kracht das schöne multiperspektivische Gebäude zusammen wie nacheinander die Videowände. Da gibt dann Kreibich den verkrampften Intellektuellen, Cathomas den lebensfrohen Sinnesmenschen und ergeht man sich in Plattitüden der Marke „ob es ein Leben vor dem Tode gibt“. Da kann Stephen noch so sehr von Geschichte und Wahrheit schwadronieren, letztlich bleibt das ein harmloses Geplänkel von erstaunlicher Banalität, lässt sich die Außensicht nicht verlassen und kann der Vorlage so nie im Ansatz gerecht werden. Und ist ganz plötzlich doch wieder bei Joyce: Denn gerade diese Diskrepanz von Mittel und Handlung, von Erzählweise und erzähltem gehört doch zum Kern seines Romans. Natürlich scheitert der Versuch, auch nur im Ansatz Ulysses theatral zu vermitteln und bleibt die Frage offen, ob das Projekt dem Roman auch nur einen neuen Leser zuführen kann. Und doch ist das Scheitern ja auch ein zentrales Thema, vielleicht gar ein Wirkprinzip von Joyces Literatur. Verraten hat der Abend den Autor in keinem Fall.

 

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