Der strafende Blick

Theatertreffen 2014 – Marieluise Fleißer: Fegefeuer in Ingolstadt, Münchner Kammerspiele (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Nein, ein „Feuer“ brennt hier nicht. Nur eine ständig flackernde Deckenlampe, die immer wieder kurzschlussartig erlischt. Dann wird es dunkel, ein lautes Brummen und ein lauter Herzschlag füllen den Saal. Es sind die kurzen Momente zwischen den Szenen, in denen noch so etwas wie Leben zu erahnen ist. Auf der Bühne (Lena Müller) ist es längst erlöschen. Dieses Purgatorium hat nicht Reinigendes: ein kalter, perspektivisch zulaufender, kahler weißer Raum, der zu Beginn und ganz am Ende leer bleibt und sich auch dazwischen nicht wirklich füllt. Mit Leben schon gar nicht. Susanne Kennedy inszeniert Marieluise Fleißers abgrundtiefe Versuchsanordnung aus Ausgrenzung, Gewalt und Gefühlskälte als rein mechanisches Puppespiel: Die Darsteller wirken wie Wachsfiguren – mit ihren glänzend unpersönlich gummiartig geschminkten Gesichtern, ihrer Bewegungsverweigerung, ihrem wie zufälligen und stets ein wenig unsicheren Stand, ihren Lippenbewegungen, zu denen der Ton per Playback aus dem Off kommt, dem eingeschränkten Mimikvokabular. Es sind Gefangene, weniger dieses Raumes, einer schlich-antiseptischen Vorhölle, mehr noch einer Umgebung, man könnte auch sagen Gesellschaft, die weder Individualität noch Nähe – Berührungen kommen kaum vor, selbst die Gewalt bleibt Behauptung ohne visuelle Spiegelung – zulässt, am meisten jedoch ihrer selbst. Der eigene, hier als nutzlos vorgeführte Körper bleibt Gefängnis.

 

Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer überreicht Regisseurin Susanne Kennedy die von Ai Weiwei gestaltete Theatertreffen-Trophäe (Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt)

Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer überreicht Regisseurin Susanne Kennedy die von Ai Weiwei gestaltete Theatertreffen-Trophäe (Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt)

Das wirkt befremdlich, ja, fremd und macht es dem Zuschauer gerade wegen der Stringenz, mit der Kennedy das textlich radikal eingedampfte Stück als Reiche starrer Tableaus auf die Bühne bringt, nicht leicht, sich zum Gesehenen in ein Verhältnis zu setzen. Was hat das mit uns zu tun, die wir uns in erster Linie als Individuen sehen, was hat die bis zur Erstarrung führende Einschränkung der Figuren gemeinsam mit der persönlichen Freiheit, die wir leben? Kennedy verweigert die plakative Vergegenwärtigung, sie legt oft erst auf den zweitenBlick sichtbare Fährten. Denn natürlich gibt es auch heute noch – im Großen, mehr noch im Kleinen, Privaten – Ausgrenzung, eine Ausgrenzung, deren kalte, gefühllose Mechanik Kennedy offenlegt, indem sie alles Dramatische, Emotionale, Menschliche, Psychologische wegschneidet und das Skelett gesellschaftlicher Exklusion ausbreitet. Die immer auch eine individuelle ist: Erschütternd die Kälte mit der Çigdem Teke die schwangere Olga spielt, die alles daran setzt, der eigenen Ausgrenzung zu begegnen, indem sie der Meute ein noch lohnenderes Opfer vorwirft, den von religiöser Heilsbringer- und Liebessehnsucht durchfluteten Roelle. Christian Löber spielt ihn als verschwitzten, sich der oberflächlichen Glätte entziehenden Außenseiter, der verkrampft, wo die anderen einen sicheren Stand haben, der schief an der Wand lehnt, wo der Rest stocksteif gerade dasteht. Die andere, das sind dämonisch lächelnde Hassengel in Pullover und viel zu kurzen Shorts (Marc Benjamin und Edmund Telgenkämper), die gehässig Selbstgerechten (Anna Maria Sturm), die gefühlskalten Strengen (Walter Hess), die sich im Dauergebet versteckenden Frömmelnden (Heidy Forster).

Gewalt entsteht hier ausschließlich über Blicke und Positionierungen. Kennedy schafft präzise Aufstellungen, in denen die Ausgrenzung sichtbar wird, die Blicke des Publikums werden gebündelt und gerichtet auf die Opfer, die Vernichtung geschieht durch Sichr´tbarmachung. Man kann hierin einen Verweis auf den oft beschworenen gläserenen Menschen sehen, auch wenn die dahinter liegenden Mechanismen beileibe keine neuen sind. Vor allem ist es keine anonyme Gesellschaft, der hier die Täterrolle zukommen, sondern dem einzelnen, dem potenziellen wie tatsächlichen Opfer selbst, der die eigene Selbstbeschränkung -vor diesem Hintergrund gewinnt die aktuelle Debatte darüber, wie viel wir von uns im Netz preisgeben, wie sehr wir unser Verhalten also selbst beschneiden, uns selbst zensieren und in ein enges Image-Korsett einzwängen sollen, eine wahrlich erschreckende Dimension – als Hass und Gewalt nach außen kehrt. Der Blick, den wir nach innen kehren, werfen wir als richtenden, spottenden, diskriminierenden und vernichtenden in unsere Umwelt, wie die Figuren den unseren in eine tödliche Waffe verwandeln. Und plötzlich hat das ganz viel mit uns zu tun.

Ganz am Ende versammelt Kennedy das Ensemble zu einem gemeinsamen Gebet. Das hat nichts Tröstliches oder gar Erlösendes. Mit jeder Wiederholung der die Leiden Christi und mit ihnen die eigenen beschwörenden Litanei, wandert das Register einen Ton hinauf, um am Ende in einem schrillen Schmerzensschrei zu enden, der durch Mark und Bein fährt. Das Tröstende, das einst in der Religion lag, ist pervertiert, weil seiner Bedeutung entzogen, wie die Geborgenheit der Familie, die Erlösung durch Liebe. Das Abtöten des Selbst, das Folge ist der Selbstbeschränkung auf das, was dem Blick von außen stand hält, lässt alles erstarren, was wir einst Leben nannten. Der prüfende, wertende, strafende Blick, saugt das Leben aus uns wie Clementines Staubsauger die Bühne von allem nicht zu Ordnenden leert. Am Ende bleibt eine schroffe, kalte, umgemein zwingende Dystopie, die mehr Spiegel ist, als uns lieb sein kann.

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4 Gedanken zu „Der strafende Blick

  1. […] der Frau – scheitern. Kennedy stellt sie denn auch ins Zentrum ihrer Inszenierung. Wie schon Fegefeuer in Ingolstadt bewegen die Schauspieler den Mund zu den per Playback eingespielten Texten. Diesmal sind es zudem […]

  2. […] der Entindividualisierung, der Distanz als Form und Inhalt. In gefeierten Arbeiten wie Fegefeuer in Ingolstadt oder Warum läuft Herr R. Amok begibt sie sich hinab in die Hölle der Normalität, zeigt eine […]

  3. […] irgendwo drinsteckt so weit distanziert,. dass er am Ende verschwindet – und wie in Arbeiten wie Fegefeuer in Ingolstadt oder Warum läuft Herr R. Amok? kenntlich […]

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