„Ist ja nix passiert!“

Theatertreffen 2014 – Anton Tschechow: Onkel Wanja, Schauspiel Stuttgart (Regie: Robert Borgmann)

Von Sascha Krieger

So abrupt ist der Übergang selten: Gerade noch herrschte emsiges Treiben, als das Premierenpublikum schnell noch zur Garderobe eilte, die Toilette aufsuchte, sich zum Platz drängte, hier und dort hallo sagte, Bekannte begrüßte oder einfach jene, von denen man wollte, dass sie wissen, dass man auch da ist. Dann plötzlich, die Saaltüren sind gerade geschlossen, wird es still und es ist, als bliebe die Zeit stehen. Langsam, unendlich langsam umkreist der alte, ramponierte Volvo die Bühne, radlos, längst nicht mehr imstande, aus eigener Kraft voranzukommen. Lethargische Gestalten lungern auf der Bühne herum, spielen mit Zuschauern Federball, stricken oder sitzen einfach untätig da. Einmal tritt einer als Mikrophon, trägt zusammenhanglose Worte vor, da erwachen die Figuren zum Leben: Fluchtartig verlassen sie die Bühne, um wieder herbeizutrotten, wenn es erneut still geworden ist. Repetitiv-schwebende Gitarrenklänge unterstreichen den völligen Stillstand auf der leeren, neben besagtem Auto nur von ein paar Holzstühlen bevölkerten Bühne. Quadrate aus Neonröhren bilden die Decke im Bühnenvordergrund und tauschen diesen leeren Raum in hartes kaltes Licht, irgendwo zwischen Parkhaus und Wartesaal. Hier wartet man nicht einmal mehr auf Godot. Nein, dass da nichts mehr kommen wird, darüber besteht Einigkeit.

Foto: Ostkreuz / Julian Röder

Foto: Ostkreuz / Julian Röder

Irgendwann kommt dann doch ein wenig Bewegung in dieses kaum lebendige Stillleben. Zäh sind die ins Nichts führenden Gesprächsversuche, so ziellos und beliebig wie die herumstehenden und -sitzenden Gestalten, deren Worte verhallen, ohne Spuren hinterlassen zu haben. Irgendwann fordert jemand einen dieser Wartenden auf, etwas zu erzählen, erwartungsvoll bildet sich eine Gruppe, die wieder auseinanderstiebt, als klar wird, dass da nichts kommen wird. Später werden Peter Kurth und Elmar Roloff eine eindrucksvolle Autounfall-Pantomime in Superzeitlupe hinlegen, wird Kurth in maximaler Verzögerung aufs Autodach fallen oder grotesk das Gesicht verziehen in einem stummen Tanz mit Regenschirm. Selbst die Versuche, die Langeweile auch nur für kurze Zeit zu füllen, fallen selbiger anheim, nicht einmal die Todessehnsucht kann hier überleben. Robert Borgmann treibt Tschechows Verfalls- und Resignationsspiel auf die Spitze, indem er es bis zum vollkommenen Stillstand verlangsamt. Hier ist keiner mehr am Leben, nicht die von Weltekel zerfressenen Alten, nicht die sich kaum noch an Hoffnung erinnern könnenden Jungen. Da kann Peter Kurth als Onkel Wanja noch so schnoddrig resignierend seinen Welt- und selbstekel proklamieren, gegen den kultivierten Ennui in Sandra Gerlings Stimme kommt selbst er nicht an.

Weil doch nun so gar nichts zu tun ist, spielt man halt ein wenig Tschechow. Zunächst Katharina Knap, später eine männliche Off-Stimme sagen die Szenen an, die wie eine fahle Reflexion des wortlosen Anfangsbildes wirken. Es ist wie kaum erinnertes Leben, was sich hier entfaltet, zwischen dem trotzig verwahrlosten Astrow Thomas Lawinkys, der kalten Härte von Gerlings Elena oder der schneidenden Wehleidigkeit von Elmar Roloffs Serebrjakow. Irgendwann kippt die Stimmung, wird aus der Lethargie Grausamkeit, aus der Resignation Wut, aus der Starre Aggression. Und doch sind auch die Ausbrüche wenig mehr als mechanische Versuche, sich seiner Existenz zu vergewissern. Nur ganz am Schluss, Serebrjakow hat gerade den Verkauf des Guts bekannt gegeben, quillt es aus Wanja heraus, diese ganze begrabene Liebes- und Lebenssehnsucht, all das Abgetötete, Nicht-Zugelassene, das irgendwo noch da war, kein Ziel hatte und hat, aber so etwas wie Leben einfordert. Es wird nicht halten. Am Ende sitzt Kurth regungslos am Boden, während Knap, als Sonja die eigentliche Hauptfigur des Abends, an der Rampe steht, die Nutzlosigkeit des eigenen Tuns eingesteht und ihr dennoch so etwas wie Würde abtrotzt. Dann geht sie zu Wanja, um ihm die Nägel zu schneiden. Ein trockenes „Aua“ entringt sich ihm, dann wird es dunkel.

Einfach zu ertragen ist Borgmanns fast dreieinhalbstündige Entschleunigung nicht, es überrascht kaum, wenn nach der Pause die Reihen sichtbar gelichtet sind. Und doch hat dieses Tableau der Erstarrung etwas ungemein Zwingende, wenn es als Zuschauer gelingt, die eigene Erlebensfrequenz an die des Gezeigten anzupassen. Denn was Borgmann zeigt, ist weniger eine plakative Parabel auf eine womöglich als erstarrt oder gar ersterbend erfahrene Gesellschaft: Sein Blick gilt der Vereinzelung dieser nie Nähe erfahrenden verhinderten Lebenssuchern. Hier stirbt nicht nur jeder für sich allein, sondern lebt so bereits. Letztlich ist die Langsamkeit, die Borgmann zelebriert, Ausdruck und Metapher existenzieller Einsamkeit, der Unmöglichkeit zueinander zu kommen. Man kann darin ein Spiegelbild unserer Zeit sehen, in der man hunderte Facebook-„Freunde“ haben kann und trotzdem allein ins Bett geht, oder den Ausdruck der Conditio Humana, der man sich letztlich stets allein stellen muss. Wie man es auch liest: Dieser Onkel Wanja ist Theater, das nicht erzählt, das auch nicht zeigt, bei dem am Ende nicht die Bilder zählen oder die Musik, die Darsteller oder die Bühne, das Licht oder die Atmosphäre – dieses Theater entsteht in der Erfahrung des Zuschauers, es wird erspürt, erfühlt, erahnt mehr als bewusst erlebt, und es frisst sich gerade deshalb so tief ein, dringt vor bis nahe an den Kern unseres Menschsein, eben weil es die großen Daseinsfragen nicht stellt, sondern weil es diese Fragen ist, aus und in ihnen lebt. „Ist ja nix passiert“, sagt Kurth einmal wie entschuldigend. Das stimmt – und könnte von de, was da auf der Bühne vor sich geht, kaum weiter entfernt sein.

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