Ich? Ach!

Theatertreffen 2014 – Nach Heinrich von Kleist: Amphitryon und sein Doppelgänger, Schauspielhaus Zürich (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Ich. Ein kurzes Wort, seine Bedeutung so eindeutig, selbstverständlich, nicht zu hinterfragen. „Ich bin Sosias“, sagt die Gestalt im grauen Trenchcoat. „Was für ein Ich?“, schallt es ihr aus vier identischen Trenchcoats entgegen? Heinrich von Kleist hat aus Molières Verwechslungskomödie über den Feldherren Amphitryon, der aus dem Krieg zurückkehrt, um festzustellen, dass er bereits die vorige Nacht mit Gattin Alkmene verbracht hat, in Form des Göttervaters Zeus nämlich, der Amphitryon Gestalt angenommen hatte, ein gar nicht mehr so harmloses Drama der Identitätsverunsicherung gemacht, das Karin Henkel, Dauergast beim Theatertreffen, jetzt zum existenziellen Taumel der vollständigen Identitätsauflösung weiterspinnt. Denn hier ist Ich nicht nur ein anderer, sondern viele, die ständig wechseln, sich vermischen, verschwimmen und zur trüben Identitätensuppe werden, aus der kein Entrinnen mehr ist. Hier gibt es keine mobilen Endgeräte, keinen Hinweis auf Twitter oder Facebook und doch drängt sich schnell der Eindruck auf, Henkel hätte nur die Ich-Multiplikation und Rollenvervielfältigung moderner Kommunikation gespiegelt.

Regisseurin Karin Henkel (Mitte) und das Amphitryon-Team  (Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt)

Regisseurin Karin Henkel (Mitte) und das Amphitryon-Team (Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt)

À propos: Die Spiegelung ist ein zentrales Stilmittel der Inszenierung. Was zunächst aussieht, wie ein halbrealistisches zweistöckiges Hinterhofambiente (Bühne: Henrike Engel), entpuppt sich bald als Dopplung des Spielortes. Und so beobachten wir die Figuren, wie sie oben wie unten in Spiegelung die gleiche Handlung vollführen, sich im Sprechen überlagern und abwechseln, zuweilen den Standpunkt – im Wortsinn – wechseln und zuletzt sich Realität und Spiegelbild vermischen, so es die Unterscheidung je gab. Identität ist bald nur noch Kostüm: Amphitryon trägt ein blaues Hemd, Alkmene orange, Charis ein graues Kleid und Sosias bereits erwähnten Mantel. Fünfmal bläst der Wind Sosias durch die Tür, in schneller Folge wechseln die Amphitryons und Alkmenes einander ab oder vervielfältigen sich, verschwinden auf einer Seite, um gegenüber wieder aufzutragen.

Hier spielt jeder Rollen, die sich verdoppeln, einander überstülpen, wie Matrjoschka-Puppen sich ineinander schachteln. Das Ich, jene Grundmetapher der Selbstbehauptung, zerfällt in dieser unendlichen Ich-Vermehrung zu Staub, wer, wie Amphitryon und Sosias zu Beginn selbstsicher das Wort in den Mund nimmt, vermag dies bald nicht mehr. So wie in der Flut der Online-Identitäten, Profile, Accounts und Avatare das Ich kaum noch zu erkennen ist, verschwindet es hier in der eigenen Expansion. Da hilft es auch nicht mehr, die vermeintliche Spielebene zu verlassen. Da diskutieren die Darsteller ihre Rollenauftürmung, gipfelnd im verzweifelten Ausruf: „Plötzlich war ich ein Viertel Merkur in der Gestalt von Sosias, aber eigentlich bin ich Carolin Conrad!“ Sagt, ja, wer eigentlich? Es ist ein letztes Aufbäumen, weil ein Merkur fehlt, wird schnell einer aus der Kantine herbeigeschafft (als Gast: Wolfram Koch), samt Bockwurst mit Sauerkraut. Es hilft alles nichts, bald steht ein zweiter Merkur mit Teller auf der Bühne, da ist das Identitätslabyrinth längst nicht mehr zu überschauen.

Irgendwann taugen selbst die Kleidungsstücke nicht mehr zur Identifikation, trägt man das blaue Hemd über grauem Kleid oder Sosias‘ Anzug. Der anfängliche Wind ist zum Wirbelsturm der Identitätsauflösung geworden, in einer Welt, in der jeder alles zu sein vermag, nur nicht mehr ein abgrenzbares, eindeutig zu identifizierendes, sich selbst gewisses Ich. Karin Henkel treibt dem Stoff nicht die Komödie aus, das Timing ist von eindrucksvoller Präzision, die Lacher zahlreich und bleiben doch zuletzt im Halse stecken. Denn bei aller (alp)traumhaften Verschiebung der Gewissheiten: Hier findet der Einbruch der Realität statt, den Festspiel-Chef Thomas Oberender am Vorabend bei der Eröffnung des Theatertreffens dem Theater als zentrale Aufgabe zuwies. Die Doppelgänger haben ausgedient, in diesem Heute doppelt, multipliziert, fragmentiert man sich nur noch selbst, ohne am Ende sagen zu können, was dieses Selbst sei und ob es das überhaupt geben kann. Denn vielleicht ist das blaue Hemd realer als der Name, das Facebook-Profil realer als die sich dahinter zu verbergen meinende Person. Da fehlen am Ende die Worte und will man mit Alkmene sagen: „Ach!“ Dann wird es dunkel.

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Ein Gedanke zu „Ich? Ach!

  1. […] damit eine rekordverdächtige Identitätsverwirrungsorgie auslöst, als lustvolle grelle Farce. Wo Karin Henkel zuletzt noch auf hoch komische Weise die Identitätsauflösung des digitalen Individuum…, findet bei Thalbach lediglich eine boulevardeske Verwechslungskomödie […]

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