Die Macht der Toten

Theatertreffen 2014 – Heiner Müller: Zement, Residenztheater München (Regie: Dimiter Gotscheff)

Von Sascha Krieger

Wie blickt man als Rezensent auf einen Abend, von dem man weiß, dass es der letzte eines großen Regisseurs war, der letzte vielleicht einer Theaterära? Denn mit Dimiter Gotscheff trat, 20 Jahre nach seinem Tod, in gewisser Weise auch Heiner Müller ab, der schroffe Mahner, der Apokalyptiker, bei dem sich Dystopie und Rückgriff auf die Antike, Hoffnung und Wissen um den Tod als das einzig Gewisse nie ausschließen, bei dem heute und gestern und morgen immer eine meist Vernichtung bringende Einheit bildeten. Einer, der die Wirklichkeit hereinbrechen ließ, der Trauer Raum gab, wie Alexander Kluge in seiner Eröffnungsrede betonte, einer, der, wie sein wohl größter Schüler Gotscheff fehlt. „Sie müssen neue Stücke schreiben und inszenieren“, sagt Kluge und weiß doch, dass wir, die Zurückgelassenen, mit dem auskommen müssen, was übrig geblieben ist.

Foto: Armin Smailovic

Unter Toten: Sebstian Blomberg als Tschumalow (Foto: Armin Smailovic)

Und dann geht das Licht aus und das, was Festspiel-Intendant Thomas Oberender zuvor als Einsturz von Ordnungen bezeichnete, sich beziehend auf Gotscheff und Müller und den chinesischen Künstler Ai Weiwei, der die neue Theatertreffen-Trophäe geschaffen hat, bricht über uns herab. Verwaschen grau ist das Bühnenquadrat Ezio Tofoluttis, gräulich-weiß das schlichte Kleid Valery Tscheplanowas, die anhebt zu einem markerschütternden wortlosen Klagegesang, der von zerstörten Hoffnungen, gescheiterten Utopien und den Wolf, den der Mensch dem Menschen seit jeher war, berichtet. Und der gleich darauf auftaucht: In Gestalt eines archaischen, dreckverschmierten Wesens, aus dem der Mensch Tschumalow (Sebastian Blomberg) wird und der doch fremd bleibt in dieser Geisterwelt, bewohnt vom Grau der Toten, die Gotscheff aus maskierten, zombiehaften Chor von Schauspielstudenten auf die Bühne stellt, der Automaten, von der fahlen Blässe, der nicht mehr Funktionierenden.

Gotscheff nimmt Müllers Zement, eine tiefschwarze Meditation über die Anfangszeit der Sowjetrevolution als Totentanz, als Hexensabbat der Untoten, unter denen Tschumalow – wortgewandt, beißend spöttisch und verzweifelt lamentierend vom jede Silbe wie eine Skulptur formenden Blomberg gespielt – wandelt und denen er ähnlicher ist, als er zugeben will. Die Revolution, die hier zu beginnen scheint, ist längst gescheitert, der Mensch hat ihr nie eine Chance gelassen, die Utopie der Gleichheit frisst erst – im Wortsinn – ihre Kinder, Tschumalows im Waisenhaus dahinvegetierende Tochter Njurka, den herzzerreißend auf dem Weg zu seiner Hinrichtung das gerade gelernte Alphabet aufsagenden kaum dem Kindesalter erwachsenen Makar, die fanatisierten Jungrevolutionäre Polja und Sergej. Für Jugend ist hier kein Platz in diesem Land der toten, das wohl niemand so verkörpert wie Bibiana Beglau als Tschumalows Frau Dascha, eine mit harter, kalter, toter Stimme sprechende, mechanisch hin-und herschreitende lebensentleerte Marionette der Gewalt, die sie selbst verkörpert und ausübt, eine, für die Kategorien wie Täter und Opfer längst viel zu kurz greifen.

Es ist ein wortmächtiger Abend, der bemüht ist, jeden Fetzen Müller-Text auf die Bühne zu tragen und der doch am stärksten ist, wenn die Worte versagen: etwa wenn Tscheplanowa die Geschichte des im eigenen System gefangenen Herakles zu einer nicht enden wollende Maschinengewehrsalve verdichtet; wenn die enge Hoffnungsgemeinschaft, träumend von einer neuen Zeit aufbricht, und Polja und Sergej (den revolutionären Wahn mit jeder Pore ausschwitzend: Lukas Turtur) plötzlich einer entmenschlichten Macht gegenüber stehen, von der sie ausgeschlossen sind; wenn Njurka (Tscheplanowa) ihren Tod wortwörtlich im Vorübergehen erledigt. Gotscheff war ein Meister der Pausen, der Stille, die hier kaum zu Wort kommt und doch, wenn sie es tut, umso lauter hallt. Wie blechern klingen da die großen Worte, die leeren Phrasen, die drei Stunden lang auf den Zuschauer einprasseln, wie sinnentleert und austauschbar die Ideologien, die nichts mehr wollen und nurmehr Mittel zum Zweck geworden sind. Der „Aufstand der Toten“, von dem gegen Ende die Rede ist, bleibt aus, auch sie, sind Instrumente nur, lassen sich aufhetzen und dirigieren, werden zur Schreibmaschine oder zum Lynchmob. Prometheus lehnt sich auf gegen die eigene Befreiung, die nur noch darin bestehen kann, wenn die Kraft, den Stein wie Sisyphos die Schräge der kargen Bühne hinaufzuwuchten, nachlässt. Der Tod ist einziger Ausweg, aber nicht Erlösung, Denn er ist kein Ende, nur eine kurze Zäsur um Immergleichen.

Gotscheffs Müller trägt den Ballast des apokalyptischsten aller Jahrhunderte mit und in sich, er zeigt uns wie im Spiegel, die Toten, die sich selbst produzierten und immer weiter vermehren. Das ist keine Totenmesse, sondern ein fahler Tanz der Hyänen, in dem Utopien erstorben sind, bevor sie erträumt wurden, ein wüstenhaftes Gräberfeld menschlicher Hybris. Ist hier ein Ausweg? Vielleicht, der Hoffnungsschimmer ist winzig, aber nicht erloschen. Er liegt nicht in den Toten, wie Müllers Text insinuiert, sondern darin, ihnen ihre Macht zu nehmen. Vielleicht ist Tschumalow die Hoffnung, womöglich gar die sich aller Schuld und Hoffnung entledigt habende Dascha. Es ist ein eindrucksvoller, zuweilen tief ins Mark fahrender, archaisch anmutender Menschheitsabend geworden, der ein wenig zu lang ist, dem die eine oder andere Textkürzung gutgetan hätte und der sich streckenweise schwer tut, seinen Ton zu halten, kippt er doch mitunter ins trivial Realistische. Doch das ist schnell vergessen, wenn der Schlussapplaus anhebt und die größten Ovationen den Toten gelten.

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2 Gedanken zu „Die Macht der Toten

  1. Jens sagt:

    Dank für diese Eindrücke. Ich bin gespannt. Werd mir die 3sat Aufzeichnung ansehen.

    Anmerkung zum Text:
    Den Stein zu wuchten, als Ausweg. Am Ende. Es ist Arbeit nicht Tod, die als Rettung greift. Der Tod bleibt als Schuld. Auch dann noch.
    Oder?

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