Ertrunken in der Wortflut

Przemek Zybowski: Posen in Angst, Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Johannes Wenzel)

Von Sascha Krieger

Wir schreiben das Jahr 2040. Die Welt ist vernetzt. Die Welt? Nein, nur dass, was wir Europa, die westliche Zivilisation, Europa nennen. Jeder EU-Bürger ist ständig online. Im Wortsinn: Über einen eingepflanzten Chip ist man mit dem „Bewusstsein“ verbunden, einer kollektiven Kontroll- und Wissensinstanz, die das private, individuelle Bewusstsein, wie wir es kennen längst abgelöst hat. Dabei ist das Individuum nicht tot, es ist nur eben stets mit allen anderen verbunden, teilt ihre Welterfahrung, formt ein gemeinsames Gedächtnis. Bis eines Tages ein Virus droht, die schöne Online-Welt zu vernichten. Noch ist Osteuropa nicht betroffen, Russland besetzt vorsorglich Polen und das Baltikum, Millionen machen sich auf die Flucht gen Osten. Darunter auch Boris, aus ostdeutschem Adel stammend, und die Jüdin Rebekka, die im Berliner Großlazarett, einer Art Arche der Nichtinfizierten, stranden, wo Leiter Che eine Herrschaft der Eliten anstrebt und Ärztin Katja aus dem immunen Boris und seinen ererbten Germania-Möbeln einen Impfstoff entwickeln will. Hin- und hergerissen zwischen Rettung der technisierten Moderne und der Sehnsucht nach einem Offline-Leben sitzt Boris zwischen den Stühlen.

Eine Arbeit von Philip Wiegard, Teil des Bühnenbilds von Posen in Angst (Foto: Philip Wiegard)

Eine Arbeit von Philip Wiegard, Teil des Bühnenbilds von Posen in Angst (Foto: Philip Wiegard)

Dies ist die Kurzbeschreibung von Posen in Angst, der neuen Zusammenarbeit des polnischen Autors Przemek Zybowski und des deutschen Regisseurs Johannes Wenzel. Und doch kann sie nicht ansatzweise einen Eindruck geben von dem Abend, den die beiden am Berliner Ballhaus Ost auf die Bühne gewuchtet haben. Denn es ist ein wahres Wortungetüm, das Zybowski erschaffen hat, ein Monster aus Satire, Kulturkritik, Philosophie, abstrakter Lyrik und Sprachskulptur, das zuweilen nicht nur thematisch (die Jelineks Rechnitz. Der Würgeengel zugrundeliegende Geschichte wird angesprochen) erinnern soll. Nur fehlt Zybowskis Text der Wortwitz, die fleischwolfartige Vermengung und Zerhäckselung von Sprache und Sinn und Bedeutung, die Jelinek auszeichnet. Dieser Text ist vielmehr eine Vermengung europäischer Geschichte und Identitätsfindung, des fragilen Selbstverständnisses einer durchtechnologisierten Gesellschaft und einer dystopischen Vision kollektiver Zukunft.

Da geht es um Authentizität und Effizienz, um Gedächtnis und Erinnerung, ich und Kollektiv, steht (etwa in Katjas furiosem schlussmonolog, nach dem natürlich noch nicht Schluss ist) das Chaos der Natur gegen die Ordnung der kontrollierenden Technik. Online, so heißt es einmal, sei die Befreiung von der Angst, einer Angst, die nicht effektiv scheint, und die man der (menschlichen) Natur zurechnet. Seit der Mensch das Konzept des Fortschritts entdeckt hat, arbeitet er an der Optimierung seiner selbst – mit zuweilen schrecklichen Folgen, wie all die Versuche, einen „neuen Menschen“ zu erschaffen von Hitler bis zu Pol Pot gezeigt haben. Der Glaube an Fortschritt und Technik, der auch heute noch blüht und gedeiht, steht im Mittelpunkt des Stücks. Er wird kritisch hinterfragt, aber nicht gänzlich verworfen. Am Ende erscheint eben auch die bevorstehende große Offlinelücke nicht als das gelobte Land, Technikfreiheit nicht als pure Befreiung. Diese Ambivalenz gehört zu den Stärken von Posen in Angst.

Aber natürlich reicht das nicht: Da werden Fragen kollektiver und individueller Schuld verhandelt, die nie ganz geschlossenen Wunden europäischer Geschichte verhandelt – von Shoah und Vertreibung bis zum EU-Beitritt Polens, die Angst des Westens vor dem Osten thematisiert, die Heuchelei des Konzepts Europas vorgeführt. Wenn die Online-Apokalypse Gedächtnisverlust bedeutet – ein nicht ganz absurdes Szenario – wie kann Erinnerung als Triebfeder menschlicher Existenz erhalten bleiben? Der Abend stellt schon richtige Fragen und er tut gut daran, einfache Antworten zu vermeiden. Das Problem liegt woanders: Schon die Themen- und assoziationsvielfalt überfrachtet den Text, aber das ist erst der Anfang. Zybowski injiziert ihm ein Assoziationsgewitter, dass dem Zuschauer bald der Kopf raucht. Mystizismus, Wissenschaft, Philosophie, sperrige fragmentarisch-elliptische Textflächen – all das verknetet Zybowski zu einem Konvolut, das so hermetisch, so abstrakt wird, dass der Zuschauer bald mit Che sagen muss: „Ich bin völlig überfordert.“ Und da schließt sich eben auch die Tür zu dem, was hier verhandelt werden soll, bleibt der Zugang gesperrt, geht alles in einem Wörtermeer unter, das nicht versiegen will und irgendwann nur noch als nicht mehr zu durchdringendes Rauschen auf das Publikum einprasselt.

Daran ist auch Wenzel nicht unschuldig: Er lässt Zybowskis Texte rezitieren, ohne inszenatorisch viel einzugreifen. Das Ergebnis ist statisches Reklamationstheater, bei dem zumeist ins Publikum gesprochen wird, die Figuren ebenso unvermittelt herumstehen, wie sie die sicher symbolisch gemeinten, aber nie wirklich in die Inszenierung integrierten Kulissenteile, ein perspektivisch verzerrter Einkaufswagen und ein ebensolches Zugabteil sowie Skulpturen erstarrter und verzerrter Natur von Philip Wiegard und Tobias Yves Zintel hin- und herschieben. Im Hintergrund wölbt sich eine Art Eiswüste – die Bühne ist ebenso überfrachtet wie Zybowskis Text und nicht minder gewollt abstrakt und plakativ künstlerisch. Wenzels Regie tut nichts, um die Monotonie der fast zweistündigen Non-Stop-Rezitation zu vermindern, er führt keine Erzählebene jenseits des Textes ein, sondern inszeniert das mehr als szenische Lesung. Irgendwann gegen Ende des Abends ist von der Angst vor der ruhe die Rede, vom Zwang ständiger Veränderung, der Notwendigkeit, dass immer „etwas passiert“. Vielleicht ist Posen in Angst ja in erster Linie eine Verkörperung dieser ach so modernen Ängste. Oder womöglich ist es in seiner Humorfreiheit, Ironieverweigerung und dem kaum erträglichen Sich-Selbst-Ernstnehmen vor allem Symptom, dessen, was beschreiben will. Schade, dass nach diesem Abend vor lauter Wortflut kein Raum bleibt, darüber zu reflektieren.

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