Innere Werte

Marek Janowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit Werken von Beethoven, Britten und Dvořák

Von Sascha Krieger

Vielleicht sollte man dem Berliner Konzertgänger öfter einmal in Erinnerung rufen, wie gut er es hat: Nicht nur, dass die Stadt mindestens fünf Orchester von internationalem Renommée beherbergt, einer der besten Konzertsäle weltweit eine einzigartige Akustik bietet und auch internationale Spitzenensemble anzieht – nein, die Stadt hat auch fünf der wichtigsten Dirigenten überhaupt als Orchesterchefs an sich gebunden. Dabei wird einer gern übersehen, der doch seit den 1970er Jahren fast alle wichtigen Orchester der Welt dirigiert und an allen bedeutenden Opernhäusern gearbeitet hat: Marek Janowski, seit 2002 Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin. Janowski ist kein Lautsprecher, die große Geste ist die Sache des zumeist ein wenig grimmig dreinblickenden in Wuppertal aufgewachsenen gebürtigen Warschauers nicht. Und doch gibt es wohl keinen akribischeren Partiturarbeiter und -tüftler als den im besten Sinne detailversessenen Janowski. Was er auch bekanntesten Werken zu entlocken vermag, beweist er mit dem RSB bei Beethovens populärer Coriolan-Ouvertüre und Dvořáks Sinfonie Nr. 9 „Aus der neuen Welt“, einem der beliebtesten Werke der Musikgeschichte überhaupt.

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Einen kompakten und vollen klang sowie ein strenges, scharfkantiges Spiel hat er seinem Orchester „verordnet“. Sein Beethoven schöpft seine Kraft aus dem Inneren, aus der größtmöglichen Verdichtung, aus denen die Musik ein Höchstmaß innerer Spannung zieht. Ohnen Schnörkel, mit klarster Sachlichkeit breitet Janowski das themenmaterial aus, akzentuiert dynamische Kontraste und entwickelt eine Dramatik, die nie aufgesetzt wirkt, weil sie sich aus der Musik selbst speist. Die pauken bereiten einen festen Boden, der aber stets ein wenig wackelt, der Abgrund ist nie fern. Das ist auch bei Dvořák so, dem er jeglichen oberflächlichen Wohlklang verweigert. Das beginnt schon mit dem pointierten Hornruf gleich zu Beginn, eine Art Weck- und Warnsignal, dass sich zurückzulehnen kaum der richtige Weg sein wird, diesem Konzert zu begegnen. Harte Kanten, klar abgegrenzte Noten, große formale Strenge und ein kompakter, fast hermetischer und stets kraftvoller klang prägen Janowskis Interpretation. Die Zügel bleiben stets fest angezogen, statt musikalischer Weite geht es um Verdichtung. Gerade den ersten Satz nimmt Janowski mit viel Zug, grenzt aber das thematische Material klar voneinander ab, was sich gerade in den lyrischeren Themen zeigt: Lässt er das zweite Thema sehr zügig und vorwärtsdrängend spielen lässt, tritt er beim dritten deutlich auf die Bremse.

Ins Extreme treibt er diesen Ansatz im langsamen zweite Satz: Das vom Englischhorn eingeführte Hauptthema verzögert er fast bin zum Stillstand und entlockt ihm gerade durch das verweigerte Fließen eine schmerzvolle innige Sehnsucht, die glattere Interpretationen oft verbergen. Dem gegenübersteht ein beinahe schwebendes behutsames Orchesterspiel und ein fragender, suchender Tonfall, der insbesondere bei der finalen Wiederaufnahme des Hauptthemas ins Auge beziehungsweise ins Ohr fällt. Auch hier setzt Janowski auf Kontraste und Eigenständigkeit des thematischen Materials. Etwas unentschlossen kommt dann der dritte Satz einher, statt Klarheit zerfranst das musikalische Material spürbar, was zu einem leicht verwaschenen Klangbild führt. Bis zum Satzende hat Janowski jedoch die Zügel wieder in der Hand und überzeugt auch hier wieder durch die Gegenüberstellung von treibendem Scherzo und zögerlich tastendem Trio. Sehr zügig dann das Finale, das vor allem formale Strenge und ein sachlicher Tonfall auszeichnen. Janowski vermeidet alles Triumphale, Harmonisierende und treibt die Musik unerbittlich voran. Der Schluss ist nicht versöhnlich, sondern fast ein abrupter Abbruch. Was bleibt, ist ein gegen den Strich gebürsteter Publikumsliebling, der seine musikalische Vielfalt ebenso wie seine Untiefen deutlich zu tage treten lässt und sich eine gewisse Rauheit erlaubt. Es wirkt fast wie eine Verjüngungskur.

Eine solche hat Benjamin Brittens Sinfonie für Violoncello und Orchester nicht nötig, ist sie doch kein besonders häufig gespieltes Werk. Den Solopart besorgt Wolfgang Emanuel Schmidt, einst Schüler des großen Mstislaw Rostropowitsch, dem sein guter Freund Britten das Werk widmete. Der fragende Tonfall, den Janowski bei Dvořák andeutet – hier ist er Programm. Es ist, als setzten Orchester und Solist zunächst ein Puzzle zusammen, so vereinzelt und fragmentarisch stellen sie das musikalische Material zunächst vor. Vor allem die Streicher reißen jedem sich zart entwickelnden Cellogesang immer wieder den Boden unter den Füßen weg, bis zum Schluss des Kopfsatzes dominieren die Fragezeichen. Dafür sorgt auch in Folge vor allem Schmidts sperriges, sich selbst ins Wort fallende und jede Gewissheit in Frage stellendes, zuweilen zur Sprödigkeit neigendes Spiel. Das gilt auch für den zweiten Satz, ein Zwiegespräch mit den Bläsern, das doch nicht recht von der stelle kommt.

In den Schlusssätzen erlaubt Schmidt sich ein stärker kantables Fließen, worauf das Orchester mit Stillstand antwortet: Flirrenden abweisenden Streichern steht ein vorsichtiges Tasten des Cellos entgegen, das resultierende Klanggewebe ist von zerbrechlicher und hauchzarter Schönheit. Auch Schmidt ist ein Meister der inneren Werte. In der langen Kadenz wirft er die widerstrebenden musikalischen Tendenzen gegeneinander, lässt sie aufeinanderprallen und kommt so zu einer Einigkeit mit sich selbst, die erst einen wirklichen Dialog, zunächst mit dem Solo-Horn, später mit der Solotrompete ermöglicht. Erst im Schlusssatz ist die Geburt der Musik aus dem Chaos vollzogen, sind die Fragmente nicht aufgehoben, aber wenn auch instabil miteinander verknüpft. Die Fragezeichen bleiben, das Solo-Cello residiert auch jetzt im Zwischenreich, das Erreichte ist äußerst fragil und kann jederzeit wieder auseinanderfallen. Es ist dieses Suchen, das Schmidt – auch in der Zugabe, dem Lamento aus Brittens erster Cello-Suite – mit Janowski und dem Orchester verbindet und diese Erkundungsfahrt so aufregend machen. Dass Musik oft erst weit unterhalb der Oberfläche beginnt zu leben, ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieses erstaunlichen Abends.

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