Helden im Sandkasten

F.I.N.D. 2014 – Biljana Srbljanović: Dieses Grab ist mir zu klein, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Werkstattinszenierung/Regie: Mina Salehpour)

Von Sascha Krieger

Nein, die Weltgeschichte zu beeinflussen traut man diesen reichlich lächerlichen Gestalten wirklich nicht zu. Wie die Jungs in ihren viel zu bunten Klamotten mit ihren – zumeist erfundenen – Heldentaten prahlen, um sich erwachsen zu fühlen und natürlich einem Mädchen zu imponieren, bewegt sich irgendwo zwischen Förmchenwerfen im Sandkasten und Schwanzvergleich. Fast möchte man meinen, Herbert Fritsch würde jetzt an der Schaubühne inszenieren, zu deutlich sind die Zitaten: von der grell karikaturesken Kleidung über die weißgeschminkten Gesichter bis zu den zuweilen weit aufgerissenen Mündern und slapstickähnlichen Varieténummern. Die gefeierte Jungregisseurin Mina Salehpour hat Biljana Srbljanovićs Stück Dieses Grab ist mir zu klein über die Attentäter von Sarajevo, die, ohne es zu wollen, den Auslöser gaben für den ersten Weltkrieg, an der Schaubühne als Werkstattinszenierung  herausgebracht – und als infantil-pubertären Posing-Wettstreit interpretiert.

Foto: Gianmarco Bresadola

Foto: Gianmarco Bresadola

Mit klar besetzten Rollen: Der Todesschütze Gavrilo Princip (Bernardo Arias Porras) ist ein ungeduldiger, leicht reizbarer, sehr auf sein Image bedachter Teenager, sein Freund Nedeljko Čabrinović (Konstantin Shklyar) sein dümmlich naiver Gegenpol, Tilman Strauß spielt den älteren Danilo Ilić als arroganten Besserwisser, Ulrich Hoppe der Geheimbund-Führer Apis als aufgeblasen komplexbeladenen Jammerlappen, während Luise Wolfram als Danilos Schwester Ljubica kokett alle Freche-Mädchen-Klischees bedient. All das Heldengeschwätz, das Srbljanović ihren Figuren zugesteht – Salehpour nimmt es für keine Sekunde ernst. Für sie ist das kindisches Gepose, die Lächerlichkeit alles Heldentums ihr Thema. Céline Demars‘ schräge Bretterbühne ist perfekte Metapher: Morsch ist der ideologische Unterbau, groß das Gefälle zwischen Anspruch und Wirklichkeit, all das Gerede von Heimat und Ehre und Nation pubertäres Gewäsch. Wo Srbljanovićs Text ambivalent bleibt, unterschiedliche Sichtweisen zulässt und anbietet, bleibt bei Salehpour nur Schwarz und Weiß. Ob sie im Kino sitzen oder die Wirkungen von Cannabis erleben: Das sind keine Helden, sondern selbstsüchtige Gören, denen der eigene Ruhm, das eigene Image wichtiger ist als alles. Heldentum als Egobefriedigung, sonst nichts.

Nun ist das leider nicht abendfüllend und auch für die gerade einstündige Schaubühnen-Fassung reicht das kaum. Dass das Spiel dieser Pubertierenden tödliche Auswirkungen hat wird in einer grellen Varietészene mit Originalzitaten zwar belegt, den farcenhaften Tonfall hat auch diese Sequenz. Das ist zu einfach gedacht und umgesetzt: die simple Figurenzeichnung, die einzelne Inszenierungsidee, die bis zur Erschöpfung ausgeschlachtet wird, die plakative Deutung gepaart mit halbherzigem Stich ins Groteske. Das wirkt nicht nur unfertig, es ist vor allem ein wenig denkfaul. Da hilft auch der subtilere Schlussakkord kaum: Strauß’ Ilić, längst hingerichtet, besucht die baldigen Toten, die nacheinander entspannt da liegen, der Tod ein Traum aus vollbrachter Ruhmestat und zukünftiger Verehrung. Eine trügerische Hoffnung, wie Strauß dem sanft lächelnden Arias Porras offenbart. Auch Princips Ruhm ist vergänglich und wandelbar: „Alles wird verschwinden“, sagt Ilić, „Wie sind verschwunden.“ Ein ernster, fast lyrischer Schluss und doch in seiner Botschaft und Bildsprache zu klar, zu eindeutig. Wenn die Geschichte etwas gelehrt hat, dann, dass Schwarz und Weiß schlechte Ratgeber sind. In Dieses Grab ist mir zu klein – den Satz spricht Apis vor seiner Erschießung – bleiben sie die einzigen.

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