Geschichten und Kartoffelsuppe

Ein Projekt von Frank Abt: Geschichten von hier IV: Was uns bleibt, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Frank Abt)

Von Sascha Krieger

Wenn eine Serie ihre vierte Auflage erfährt, ist das gemeinhin ein Zeichen für Erfolg. Das Konzept scheint, wie es so schön heißt, angenommen zu werden, Interesse, das heißt Nachfrage, zu generieren. Regisseur Frank Abt und das Deutsche Theater würden in solchen Termini vermutlich nicht sprechen. Wenn ihr dokumentarisches Projekt Geschichten von hier jetzt in seine vierte Runde geht, hat dies vielleicht auch einen ganz profanen Grund: Die Geschichten, die sie finden, wollen einfach nicht ausgehen. Für Geschichten von hier werden Interviews mit „ganz normalen“ Menschen geführt, jeweils über ein bestimmtes Thema, die Erzählungen in einen Theatertext überführt und mit Schauspielern aufgeführt. Diesmal geht es um das Thema Familie, wie sie die nachfolgenden Generationen prägt, wie sich Familienbilder und Ansprüche an die gesellschaftliche Keimzelle verändern. Drei Familien rückt Abt in den Fokus, jeweils drei Generationen, die aus ihrer Sicht und an ihrem Beispiel Familien reflektieren. Es sind spezifisch deutsche Geschichten, welche ihren Fokuspunkt immer in Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg. Und die de Frage aufwerfen, was denn nun eigentlich bleibt, von dem, was vor uns kam.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Jede Menge Gegenstände zunächst, die fein säuberlich gruppiert, auf der Bühne der Kamerspiele ausgelegt sind. Diese betritt der Zuschauer durch einen halb geöffneten Vorhang wie einen erinnerungsraum. Geschirr, Koffer, Fotos, Elektrogeräte, Spielzeug, Schmuck: Stumme Zeugen bewegter Leben, an denen Erinnerungen haften, die nur mit Glück noch wiederzubeschaffen sind. Vier Vertreter der Enkelgeneration treten auf, Studenten der Hochschule für Schauspiel „Ernst Busch“, gehen durch die Objektparade, nehme den einen oder anderen Gegenstand auf, erzählen, was ihnen dazu einfällt. Doch nein, hier geht es ja um Wichtiges. Und so beginnt Nils Strunk vorzulesen, aus dem Kriegstagebuch des späteres Lehrers und Politikers Wolfgang Weimar. Befremdliche Geschichten aus Verblendung, jugendlicher Abenteuerlust, heldischem Gepose, erschütternder Härte, aber auch Lebenswillen und pubertärem Liebesverlangen. Die ebenso beeindruckend komplexen wie gleichzeitig erschreckend ideologisierten Selbstreflexionen faszinieren in ihrer Direktheit – sie sind eben keine Erinnerung, sondern unmittelbar aufgeschriebenes Erlebtes. Es sind die Texte, die tragen, nicht die einfallslose Inszenierung. Da werden Szenen angedeutet, dürfen irgendwann auch die anderen lesen, denn es ist ja kollektives Gedächtnis. Der Text aber bleibt auf sich allein gestellt, verbleibt im Nirgendwo, allein gelassen.

Denn, das hatte man fast vergessen, hier soll es doch um Familie gehen. Also teilt sich das Publikum – je nach Farbe auf der Stuhllehne – auf in drei Gruppen, jeweils geführt von einem der Schauspieler, welche die Zuschauer in „ihre“ Familie mitnehmen. Drei Familien, drei Orte im DT: die Tischlerei, die Statistengarderobe, das Reinhardtzimmer. In Letzterem sind drei Generationen einer Familie deutscher Juden versammelt: die „nichtjüdische“ Großmutter, der Vater, ein Psychologe, die Tochter, Psychologiestudentin. Spannend der Ansatz, die Geschichte von hinten, vom Heute aus, aufzurollen. Und so erfahren wir von dem Wirkungen, welche die Familienhistorie auf die folgenden Generationen hatte, bevor wir die auslösenden Ereignisse kennen lernen. Viel ist von Kommunikation zu spüren, der (vielleicht viel zu) offenen heutigen und der verweigerten in der Großelterngeneration. Da wird das, was man nicht hören soll, zum Lebensinhalt und jenes, was immer wieder erzählt wird, zum genervt weggewischten. Auch Familienbilder wandeln sich. Von der alles teilenden Schicksalsgemeinschaft der ersten Generation über die Individualismusgläubigkeit der zweiten bis hin zum unaufgeregten Pragmatismus der Enkel.

Wie die Bedeutung der – nicht wenigen Schicksalsschläge – der Familie, ihrer Geschichte von Ausgrenzung und Entmenschlichung sich von Generation zu Generation wandelt, wie unterschiedliche Aspekte wichtig werden, wie der Zwang zur Erinnerung auch Reaktionen von Gegnerschaft und Verweigerung auslösen kann, ist überaus spannend. Nur leider geschieht das erneut vor allem auf der Ebene der – dokumentarischen – Texte. Das hat insbesondere damit zu tun, dass Abt seinen Figuren die Interaktion weitgehend verweigert. Es wird berichtet, aber nicht miteinander besprochen. Die verhandelten Beziehungen erscheinen dadurch eher abstrakt, nicht greif- und kaum nachvollziehbar. Die Distanz, welche die Aufbereitung der gesammelten Geschichte durch Schauspieler aufbaut – und aufbauen soll – steht wie eine Wand zwischen Zuschauer und Erzähltem. Eine Wand, die umso schmerzlicher wirkt, wenn, wie bei der Premiere, die, deren Geschichten hier erzählt werden, selbst anwesend sind. Die Schauspieler sprechen, als würde sie das alles nichts angehen. Und die verhindert, dass das Erzählte über das Individuelle hinausstrahlt, universell wird oder im zuschauer eigene Erinnerungs- und Reflexionsprozesse anstößt. Was den Zuhörenden die Frage nahelegt, was ihnen das bedeuten mag du ob die Antwort auf die Frage, was denn bleibe, nicht doch eine negative sei.

Da hilft auch der schön gedachte Epilog kaum: Da kommen die drei Gruppen wieder zusammen. Auf der Bühne ist eine Familientafel aufgebaut, es gibt Kartoffelsuppe aus dem zuvor ausgestellten Geschirr. Jetzt könnte sich der erzählraumerweitern, die passiv gehaltenen Zuschauer ihre Geschichten erzählen oder das Gehörte reflektieren. Aber nein: Räume sind an diesem Abend, dazu da, geschlossen zu werden. Und so  kommen die „Familien“ zurück, stellen sich auf, und Strunk kann „seine“ Geschichte zu Ende erzählen: vom bei seiner Trauerfeier verlesenen Schuldeingeständnis Weimars, das die vorherige Unmittelbarkeit, die verstörenden Brüche der Selbstreflexion wieder angenehm einebnet und leicht verdaulich macht. Er hat seine Fehler eingesehen, also ist alles gut. Und so geht das Licht aus, man applaudiert und geht nach Hause. Der Rest ist, wie gehabt, Schweigen.

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