Fehlende Fallhöhe

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2014

Von Sascha Krieger

Jubiläen sind dazu da, gefeiert zu werden. Daran halten sich Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker ausgiebig, wenn sie jetzt seit 25 als Dirigent und Orchester zusammenarbeiten (die Beziehung des Klangkörpers mit dem Pianisten Barenboim dauert nun schon bald 50 Jahre), ausgiebig: Zunächst durfte Barenboim das diesjährige Neujahrskonzert leiten, jetzt eröffnen sie gemeinsam die diesjährigen Festtage der Staatsoper Unter den Linden. Mitgebracht haben die Musiker aus der Geburtsstadt der Wiener Klassik einen österreichischen Nationalheiligen: Das Programm ist ganz Wolfgang Amadeus Mozart gewidmet, dessen drei letzte Sinfonien in der Berliner Philharmonie erklingen. Die Kernkompetenz also dieses bis heute elegantesten der großen Orchester, dessen weltberühmter Streicherklang sich hier so richtig austoben kann. Doch wer gemeint hätte, hier würde vor allem angenehmer und geschliffener Wohlklang zelebriert, Mozart auf das Podest vollendeter Klangkultur gestellt, sieht sich schnell getäuscht. Vom ersten Takt an versuchen Barenboim und die Philharmoniker Mozart eine Substanz und Ernsthaftigkeit einzuhämmern, die dem Salzburger schon längst keiner mehr abspricht. Koste es, was es wolle.

Daniel Barenboim dirigiert die Wiener Philharmoniker (Foto: T. Bartilla)

Daniel Barenboim dirigiert die Wiener Philharmoniker (Foto: Thomas Bartilla)

Das Ergebnis zeigt sich zunächst im Orchesterklang: Nur selten, etwa im langsamen Satz der „Jupiter“-Sinfonie ist der charakteristisch samtige Klang der ersten Geigen zu hören, für den das Orchester bis heute steht. Ansonsten hat der Abend eine dunkle Grundierung, geben ihm Bässe und Celli, aber auch die tiefen Bläser einer ungewohnte Schwere, die wohl Ernst sein soll. Dazu verordnet Barenboim den drei Werken ein Korsett aus strenger Form, rhythmischer Prägnanz, scharfen Kanten. Er setzt auf dynamische Kontraste und entfacht gleich im Kopfsatz der Es-Dur-Sinfonie ein dramatisch aufgewühltes Brodeln, das mehr an Beethoven erinnert als an den Musikdramatiker Mozart. Das verstärkt sich noch im langsamen Satz, dem Barenboim wie auch seinen Gegenstücken in den anderen Sinfonien jeglichen Fluss versagt. Dabei vermag das Orchester durchaus zu überzeugen: Der volle, vielschichtige, jedoch stets transparente Klang ist von einer Perfektion uns Stringenz, deren nur ein Orchester dieser Qualität fähig ist. An diesem Abend zeigen die Wiener, dass sie durchaus flexibler sind, als man ihnen oft unterstellt.

Das Problem liegt eher auf Seiten des Dirigenten: Gewillt, die ernste, untergründige Seite Mozarts zu zeigen, negiert er alles Leichte, Heitere, Optimistische, das sich auch in diesen späten Sinfonien zuhauf findet. Das heißt nicht, dass nicht der eine oder andere Satz überzeugen könnte. Das gilt beispielsweise für den ersten Satz der g-Moll-Sinfonie mit seinem berühmten eröffnenden Streicherthema, das hier fast beiläufig daher kommt. Dem entgegen steht eine scharfkantige Rhythmik, eine immer wieder Bach-Assoziationen hervorrufende Formstrenge, ein dramatisches Brodeln, das den Hauch des Populären schnell abwirft und den Zuhörer unter die Oberfläche des vermeintlich so oft Gehörten blicken lässt. Ansonsten legt sich erneut eine bleierne Schwere über das Werk, insbesondere das Finale, das Barenboim hochdramatisch nehmen lässt, entbehrt weitgehend jeder Lebendigkeit. Der Blick in den Abgrund, den Barenboim sucht und im Kopfsatz auch ermöglicht, gelingt zu selten, weil schlicht die Fallhöhe fehlt.

Das gilt auch für die Jupiter-Sinfonie: Die aufregende musikalische Komplexität des Schlusssatzes etwa wird geopfert zugunsten einer dramatischen Akzentuierung von Dynamik, Rhythmik und Tempi. Barenboim verweigert dem Satz jeglichen wohligen Schönklang, arbeitet die Ecken und Kanten, die kantable Melodien immer wieder ins Dissonante schlagen lassen, schön heraus – und übertreibt damit zuweilen. So genüsslich klopft er die Brüche auf, dass er das große Ganze aus dem Auge verliert. Die Inspirationsquelle für Hoch- und Spätromantik steht hell im Raum, der Klassiker Mozart ist längst durch die Hintertür verschwunden. Das Orchester und Dirigent durchaus in der Lage sind, die klassische Balance zu halten, ohne ins nur leichte abzudriften, zeigt einzig der langsame Satz dieser letzten Sinfonie Mozarts: Behutsam lässt er die Streicher die sehnsuchtsvollen Melodien singen, während der dunkle Grundton sicherstellt, dass die Träumereien nie abheben. Hier finden Barenboim und die Wiener Philharmoniker für kurze Zeit das Gleichgewicht, das sie über weite Strecken dieses Abends vermissen lassen.

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