Utøya in Nimmerland

F.I.N.D. 2014 – Todo el cielo sobre la tierra (El síndrome de Wendy), Atra Bilis Teatro / Wiener Festwochen (Regie: Angélica Liddell)

Von Sascha Krieger

„Wo ist Wendy?“ Gebetsmühlenartig, zwanghaft, mit wachsender Panik wiederholt die Frau im weißen Kleid, diese Frage, immer schneller, immer hektischer, begleitet von Bewegungen, sie somnambul beginnen und zu einer Art krampfendem Tanz werden. Mit dieser verzweifelt getriebenen Suche nach dem Ich beginnt Angélica Liddells Version der Geschichte von Wendy, der Gefährtin Peter Pans, lange erwachsen und doch nicht versöhnt mit dem „Tod der Jugend“, wie sie es einmal nennt. Manisch kopuliert sie mit dem aufgeschütteten Erdhügel, bevor Peter, ein grotesker kleiner Mann mit lächerlich aufgesetzter Jungenhaftigkeit, erscheint, ein Terrorist des Jugendwahns, wie sie auch gern eine wäre. Im Off wird ein Lehrerin-Schülerin-Dialog eingespielt, immer und immer wieder, in der ein Wordsworth-Gedicht über den Verlust der Unschuld zum Tränenausbruch der Jüngeren führt, unzählige Male wir „House of the Rising Sun“ angespielt. Die verlorenen Söhne und Töchter, das sind sie. Nur sind sie längst nicht mehr Söhne und Töchter. Das Geplänkel zwischen – der zweiten – Wendy (Lola Jiménez) und Peter weht von fern heran und ist doch von jeher beschmutzt. Ihre Beziehung ist eine primär sexuelle und stets aggressive. „Von Geburt an ist unser Hauptziel sexuell“, heißt es an einer Stelle. Bald ist von Utøya die Rede, jener Insel, auf der 69 Jugendliche und junge Erwachsene ermordet wurden. Für Wendy kein Grund zum Mitleid, eher zum Bedauern. Für sie starb an jenem Tag die Jugend, reduziert auf sexuelle Kraft und Begierde, 69 sexuelle Objekte für immer ihrem Griff entzogen.

Foto: Nurith Wagner-Strauss

Foto: Nurith Wagner-Strauss

Diese Wendy hat nämlich ein Problem: Sie liebt es zu leiden. Leiden ist ihr Widerstand gegen eine als heuchlerisch und falsch, als im Mitleid erstickend und vor Selbstgerechtigkeit triefend empfundene Welt. Und Leiden heißt für sie auch, andere leiden zu lassen. Ihre Argumentation ist so weit entfernt nicht von jener Breiviks, der Weltekel, der bei Liddells Kollegen Rodrigo García noch mit einem Augenzwinkern daher kam – hier kippt er in seine gefährlichste Extremität. Wendy wird sich mit Breivik identifizieren, am Ende wird sie einen Jungen (Maxime Trousset) ihre Liebe gestehen, um ihn sogleich pantomimisch zu erschießen, ihn, den Geist von Utøya, lebendiger jedoch als der Terror-Zombie Peter oder all die seltsam märchenhaften gestalten, die diese Bühne bevölkern: eine nordische Fee oder eine chinesische Prinzessin. Über der Bühne schweben Korokodile mit aufgerissenen Mäulern, Nimmerland ist längst schon eine Alptraumwelt geworden, Peters Insel Utøya, sexuelle Gewaltphantasie des Menschenhasses. Zwischen dem Märchenteil und Liddells langer rhythmisch getanzter – der Flamenco ist der Herzschlag dieser Krankheit, von der im Titel die Rede ist – und manisch hervorgestoßener Tirade, nun im schwarzen Kleid, ist eine Walzerparade geschaltet. Ein Tanzorchester spielt und zwei über siebzigjährige Tänzer aus Shanghai tanzen den „Walter, bei dem sich Peter und Wendy begegnen“ oder den „Walzer vom Ursprung der Traurigkeit des Menschen“. Sie sind der Gegenentwurf, Liebende, denen ihre Liebe genügt, die nicht ersehnen, was sie nicht haben können.

Genau das treibt jedoch Wendy – und auch Peter – um: die moderne Krankheit, das zu ersehen, was man nicht haben kann, in ihrem Fall die Jugend. Und so zieht die Furienhafte gegen alles zu Felde, was diese Welt, in der sie nicht haben kann, was sie will, ausmacht. Und hier beginnt das Problem des Abends: Zu ernsthaft, zu beifallheischend kommt dieser Menschheitshass daher, als dass sich nicht das Gefühl einschleicht, so manches davon könnte ernst gemeint sein. wenn Liddell postuliert: „Das Einzige, wozu ich fähig bin, ist zu lieben“, will man ihr glauben. Doch kann man wirklich dorthin folgen, wo ihre „Liebe“ sie hinführt? Und ist dieser alles verschlingende Hass tatsächlich Ausdruck der Angst, verlassen zu werden? Und ist es nicht vollkommen angemessen, wenn diese theatrale Instrumentalisierung des Massakers an 69 jungen Menschen im Zuschauer Unbehagen hervorruft. Begibt man sich damit automatisch in den Kreis der Heuchler und „Gutmenschen“, gegen die Wendy polemisiert, wie es auch Breivik tat?

So lange Liddell mit vollem Körpereinsatz eine manische, an der Welt zerbrochene und diese nun ihrerseits zerbrechen wollende in sich selbst und den eigenen Begierden gefangene porträtiert, solange sie die Fragmentierung des Menschen im Individualitätswahn vorführt, hat dieser Abend eine ungeheure – und ungeheuerliche – Kraft, die sich aus der Kompromisslosigkeit dieser Weltsicht speist. Doch sobald Wendy zum Opfer stilisiert wird, zu einer, die an der bösen, feindlichen Welt leidet und doch nur Wahrheit sucht, rückt das zu nahe an die Ideologie heran, die doch eigentlich zu entlarven wäre. Wenn Utøya als spätpubertäres Masturbationsmaterial missbraucht wird und Massenmord zur Auflehnung gegen das falsche zu werden scheint, geht der Abend zunehmend sich selbst auf den nicht ungefährlichen Leim, zu sehr scheint Liddell Gefallen zu finden am Immerweiterdrehen der Schrauben, am austesten, wann sie bricht, an der Entladefähigkeit gespielter Wut und an der Lust zu provozieren. Was bleibt, ist ein verstörender Abend, der Unbehagen erzeugt, für das sich der Zuschauer nicht schämen muss.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: