Leben im Unterleib

F.I.N.D. 2014 – MEAT. 240  Stunden Performance-Installation von Thomas Bo Nilsson, Schaubühne am Lehniner Platz/Studio, Berlin

Von Sascha Krieger

Genau genommen ist es unmöglich, über MEAT, die zehn Tage andauernde „begehbare Performance-Installation“ (so der etwas sperrige Titel) des ehemaligen SIGNA-Mitglieds Thomas Bo Nilsson, eine wirkliche Rezension zu schreiben. Das hat etwas mit der Hauptperson zu tun, um die es hier geht. Vordergründig geht es um Luke Magnotta, den kanadischen Porno- und Selbstdarsteller, der einen chinesischen Studenten ermordet, zerstückelt und einzelne Körperteile an kanadische Parteien verschickt hat, bevor er in einem Neuköllner Internet-Café erkannt und verhaftet wurde. Magnotta (auch dies nur einer von vielen Namen, die der sich so bezeichnende nutzte) selbst oder seine Taten kommen in MEAT nicht vor. Stattdessen baut Nilsson dessen Lebenswirklichkeit nach, eine Welt im Unterleib der Zivilisation. Etwa 60 Darsteller bevölkern dieses Universum, in das der Besucher für jeweils vier Stunden eintauchen kann. Er betritt es durch einen Spätkauf mit Internet-Café, hinter der sich eine Shopping-Mall von ausgesuchter Abgehalftertheit verbirgt – mit China-Imbiss, Nagelstudio, Schmuckladen. Von hier geht es weiter in eine Spelunke St.-Paulianischer Klischeevorstellungen (samt Herrn Fuchs, einer Art Zuhälter-Prototyp mit „Herz“ sowie in ein ranzig-düsteres Stunden-Hotel, an dessen Ende sich ein dunkler Nachtclub mit Gogo-Stange befindet. Hier beginnt das eigentliche Labyrinth: Auf zwei Etagen geht es durch versiffte Zimmer, verlotterte Korridore, Sexhöhlen und Spielzimmer, Pornokabinen und verdreckte Küchen, in denen immer wieder Laptops lauern, auf denen Social-Networking-Seiten aufgerufen sind. Eine enge, schummrige, klaustrophobe Welt, in der dem Besucher irgendwann ein Licht aufgeht: Hier geht es nicht um all diese seltsamen, verlebten und zuweilen weit jenseits jeglicher klischeegrenzen hängen gebliebenen Gestalten – hier geht es um ihn, um uns, die wir durch diese Unterwelt wandeln. Und so unterschiedlich wie die Besucher ist auch die Erfahrung, die sie hier machen. Womit wir wieder bei der Unmöglichkeit einer Rezension jenseits subjektiver Erfahrungsberichte wären.

Foto: Matt Lambert

Online… (Foto: Matt Lambert)

Was dieser Text denn auch ist. Denn das Spannendste an diesem Horrortrip, dieser Geisterbahnfahrt durch die Untiefen vernetzten Lebens, sind nicht die mitunter sehr klischeehaft geratenen Gestalten: der Zuhälter, die zombiehaften Barleute, die alternde Schlagerdiva, die Gogotänzer und sonstigen Körperverkäufer, das comichafte japanische Horrorgeschwisterpärchen, der bärtig-langhaarige Hotelbetreiber, das prollige Ladenpersonal. Je nach Tagesform und Lust sind sie mehr oder weniger aufdringlich beim Verkaufen ihrer Dienstleistungen: Massagen, Bier und Chinapfannen, vor allem aber Zuneigung, Aufmerksamkeit, ein offenen Ohr. Denn das ist das erste, was man hier lernt: Alles hat seinen Preis. Der ausgegebene Drink reicht zum Smalltalk, wer mehr will, muss draufzahlen. Sonst entpuppt sich der nette Gesprächspartner schnell als Fata Morgana, die ganz schnell verschwunden ist, wenn sich woanders mehr holen lässt.

Nein, worum es hier in erster Linie geht, ist der Blick, den diese Schattenwesen und ihre höhlenhafte Welt, die auf den zweiten Blick so weit gar nicht so entfernt ist von der, in die man tritt, findet man den Weg wieder hinaus, auf uns zurückwerfen. Denn ob man zu den Kontaktfreudigen gehört oder den Schüchternen, zu den Abenteuersuchern oder den Skeptikern, zu denen, die gekommen sich auf alles einzulassen, oder zu jenen, die nur mal schauen wollen Man ist gezwungen, eine Beziehung, aufzubauen, eine Haltung zu entwickeln, zu dem, was hier zu sehen, zu spüren und, ja, auch zu riechen ist. Das fällt den einen leichter, den anderen – zu denen sich auch dieser Rezensent zählt – schwerer. Denn egal, ob mal von Gespräch zu Gespräch eilt, von Verkaufsversuch zu Anmache, oder ob man Beobachter bleibt: ganz schnell beginnt es sich um den eigenen Platz in dieser von kaltem Licht erhellten – und meistens eher verdunkelten Welt – zu drehen. Hier wird Begehren verkauft, werden Identitäten feilgeboten. Da sind die Facebook-Profile nicht falscher und künstlicher als die „realen“ Persönlichkeiten. jeder spielt seine Rolle – im Wortsinn, aber auch auf der Spielebene.

Foto: Matt Lambert

…und Realität? (Foto: Matt Lambert)

Es ist eine doppelte Künstlichkeit, der wir begegnen: jene des Theaterspiels und jene innerhalb des Dargestellten. Da stülpen sich die Rollen und Identitäten ineinander wie bei Matrjoschka-Puppen, dreht sich die Spirale so weit, dass von einem realen Unterbau kaum mehr die Rede sein kann. Das funktioniert nicht immer, zu karikativ eindimensional kommt so mancher Charakter daher. Aber es reicht zu verstören, weil man selbst in den Strudel der Identitäten gerät. Zunächst als Außenstehender: Ganz unmerklich tritt man durch die Wand, wir das Hermetische dieses Zwischenreiches löchrig und beginnt der Prozess des Sich-Zurechtfinden-Wollens im Identitätengestrüpp. Das Verstehenwollen wird umso intensiver, als sich das Nichtverstehenkönnen manifestiert. Und dann landet man unversehens bei sich selbst.

Denn das Rollenspiel ist das Fundament dieser Welt und da kann es kaum überraschen, dass sich der Besucher bald dabei erwischt, selbst in Rollenkategorien zu denken und sich selbst Masken aufzusetzen, Geschichten zu erfinden, Ich-Partitionen abzuspalten und in die Waagschale der Identitätstransaktionen zu legen. Denn jeder Blick, jedes gescheiterte und erfolgreiche Gespräch, jeder über das rein Verbale hinausgehende Kontakt, rückt das eigene Selbstverständnis, die Selbstdefinition als Ungeteiltes und Unteilbares, als Individuum also, in den Fokus und stellt es in Frage. Denn sind wir Internet- und Realwelt-Bewohner nicht selbst genauso fragmentierte Wesen und Rollenspieler wie diese Projektionsflächen und Abziehbilder, ist der Weg zur Welt des Luke Magnotta womöglich ein viel kürzerer, als uns lieb sein könnte? Dieser Rezensent zumindest konnte sein Fremdeln mit dieser Welt nicht ganz ablegen und fand doch mit Erstaunen und leichtem Entsetzen zurückgezogen, lange nachdem er sich ihr vermeintlich entzogen hatte. Da rattert die Möglichkeitsmaschine, türmen sich die Fragen nach dem eigenen Handeln und Nichtstun, nach freiem Willen und Sehnsüchten, nach Ich und Rolle. Es ist vielleicht die Nachwirkung, dieses Mikrokosmos, welche die Wirkung von MEAT ausmacht, der schale Nachgeschmack, das Gefühl, diesen dunklen Unterleib des Lebens jetzt irgendwie mitzuschleppen, weil man irgendwie selbst ein ganz kleines bisschen dazu gehört. Ein besonders beruhigendes Gefühl ist das nicht.

Noch bis zum 13.04.2014 im Studio der Schaubühne am Lehniner Platz.

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