Der Wutbürger fährt Wasserski

F.I.N.D. 2014 – Rodrigo García: Daisy, Compagnie Rodrigo García / Bonlieu scène nationale Annecy (Regie: Rodrigo García)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist Daisy das Stück zum Zeitgeist. Gerade noch wurde hierzulande das Wort “Wutbürger“ erfunden, das einen neuen Typ des Umgangs mit gesellschaftlicher Wirklichkeit, ein neues, mitten in der bürgerlichen Mitte angekommenes Rebellentum, bezeichnen soll, da stellt der spanische Theateranarchist und -philosoph Rodrigo García einen solchen „Wutbürger“ auf die Bühne. Gonzago Cunill, Mitstreiter zahlreicher García-Inszenierungen, eröffnet den Abend mit einer Tirade gegen die Lächerlichkeit und Banalität und geistige Leere unserer Zeit. Es ist eine Tirade, welche die folgenden 105 Minuten tragen wird: scharfsinnig und scharfzüngig, voll beißendem Spott und feiner Ironie, unverstellter Wut und einem nie ganz abwesenden Augenzwinkern. Intimrasuren, kalte, leere Wohnwelten, duzende Suchmaschinen, die Entleerung der Sprache und ihre Reduktion auf Smileys als neues multifunktionales Kommunikationsmitteln, heuchelnde Höflichkeit, der absurde und sich selbst aufhebende Utilitarismus der Worte, der in tumbe Imitation umschlagende Drang nach Individualismus: Sie alle kriegen ihr Fett weg in diesem Rundumschlag gegen eine als leer, sinnfrei und mechanisch empfundene Zeit.

Foto: Christian Berthelot

Foto: Christian Berthelot

Dabei geizen Cunill und sein Mitspieler Juan Loriente nicht mit Schimpfwörtern – ihr Streiten für eine Sprache, die ihre Funktion der Vermittlung von Bedeutung wieder ausüben kann, wird durch die Direktheit des Sprechaktes noch verstärkt. Projizierte Inhaltszusammenfassungen betonen das Primat der Sprache und karikieren zugleich die geringe, nach häppchenweise zusammengefasster Information gierende aufmerksamkeitsspanne des modernen Menschen. Cunill und Loriente erzählen Geschichten von bewusster Lebensverweigerung, vom Entzug aus dem Zwang, funktionieren zu müssen, von der Kakerlakenhaftigkeit der modernen Gesellschaft und ihrem schneckengleichen Dahinkriechen auf dem eigenen Schleim – bebildert mit Live-Videos von echten Kakerlaken, Schnecken und einer hilf- wie ziellosen Wasserschildkröte sowie einem Ritus mit Freimaurerabzeichen und Kakerlakenkostümen. Echter Schmerz und die Feier des Körpers werden herbeigesehnt, Leibniz tritt auf und doziert über Doppelmoral und Freud, der in seiner Traumdeutung die Wirkung des abendlichen Essens auf den folgenden Traum ignoriert hätte. Hunde werden angetanzt und angesprochen, gespenster ziehen durch blitzsaubere und menschenleere Siedlungen immer gleicher Häuser, Bücher werden im Wortsinn verschlungen, ein Streichquartett spielt zu den Verrenkungen des zivilisierten Individuums.

Daisy ist ein wahnwitziger Trip durch die Erfahrung modernen Welt- und Ich-Erlebens, durch eine welkt, die „Mens sana in corpore sano“ predigt und nicht einlösen kann, in der das Wasserskifahren schon als extremer Akt des Aufbegehrens zählen kann. Der Abend ist thematisch und textlich vollkommen überladen, bitterböse und hochkomisch, kaum erträglich komplex und unendlich banal. Er spricht nicht nur von der Absurdität modernen Seins, er führt es vor. Das ist zuweilen albern, ist auch vor Wiederholungen nicht gefeit und fällt mitunter in die Banalität, der doch all dieser Zorn gilt. Wenn Daisy die Entziehung des Individuums durch den Tod als Endpunkt findet, macht es sich García ein bisschen einfach, dabei bietet der Abend durchaus konstruktivere Ansätze.

Der Reichtum europäischer Kulturgeschichte, die beruhigende und erhebende Wirkung der Musik, die welterschaffende Kraft der Sprache: All das ist vielleicht verschüttet, aber es ließe sich ausgraben, daran anknüpfen, die Geschichte fortschreiben. DMS und Smiley müssen nicht siegen, der Dachboden kann wieder Monster beherbergen und ein gesunder, wacher Geist auch einen alten, siechen Körper bewohnen. Dem Konsum- und Konformitätszwang kann man sich nicht nur entziehen – man kann ihm einen eigenen Gegenentwurf ins Gesicht schleudern. Garcías Kulturpessimismus und sein Unterhaltungspotenzial in allen Ehren: Der Abend gefällt sich letztlich ein bisschen zu sehr in der überheblichen Besserwisserei der Kulturbewahrer, um dem Klischee des sich aufs Nein-Sagen reduzierenden Wutbürgertums ganz zu entgehen. Dass er andererseits so manche Wahrheit ausgräbt, mit unverschämter Direktheit ausspricht und ausspielt, dass er Gegenentwürfe skizziert, ironisch in die gesellschaftlichen Waden beißt und sich selbst nie ganz ernst nimmt, ist seine größte Stärke und sie bewahrt Daisy vor dem Absinken in wehleidigem kollektiven Selbstmitleid. Vielleicht sollten wir einfach mehr Wasserski fahren.

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