Ein Puppenheim

Wir könnten, aber… Ein Projekt von MG8 mit Hannes Weiler, Maxim Gorki Theater/Studio Я, Berlin (Regie: Hannes Weiler)

Von Sascha Krieger

„Aktivist! Zorn! Revolution!“ Es ist eine kindliche, diebische Freude, mit der die sieben püppchenhaften Gestalten in ihren rosa Kleidchen und Schleifchen das herausschreien, immer und immer wieder, ein ganz klein wenig verbotenes, aber nur deshalb zu genießendes Vergnügen, weil man sich sicher weiß, in der beschützenden Enge des Drinnen, die das draußen vermissen lässt und doch einen wunderbaren Vorwand bietet, nicht in dieses Draußen zu müssen. „Wenn wir nicht rauskommen, gehen wir eben erst mal wieder rein.“Und da drinnen lässt es sich eben viel besser träumen und schwadronieren und prahlen von den Kämpfen, in denen man sich bewährt hat und die ebenso nur im Kopf existieren wie das Sofa, auf dem man sich so gern ausruhen würde vor dem großen Aufbruch, vor der Rebellion, der Ich-Werdung, dem Verlassen des Nestes, das sich so wunderbar aufschieben lässt, weil man immer einen Grund findet: Da ist die Angst, dass doch alles Aufbrechen am Ende sinnlos sein, die Zwänge – die eigenen wie die äußeren – die einen nicht von der Stelle kommen lassen, die Hybris, mehr als einer sein zu müssen, die Unmöglichkeit individueller Erfahrung, weil alles schon mal gemacht worden sei, überall schon ein anderer ist. Man freut sich an der eigenen Wut, die ein Stück Leben vorgaukelt, gibt sich Rollen und spielt doch nur.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Wir könnten, aber… ist ein Stück über das Aufbrechen und seine Unmöglichkeit, über eine junge Generation, die es sich eingerichtet hat in endlosen Schleifen der Selbsterklärung, die keine Zeit lässt, dieses selbst überhaupt erst zu werden. Es sind behütete Puppen, die sich selbst ihre eigenen Traumata erfinden müssen. Oder ist doch nicht alles heile Welt und ist die Leere nicht allein hausgemacht? „Mir fehlt einfach die Richtung“, klagt einer. „Es gibt zu viele Richtungen“. Sie sind verloren in der modernen Welt oder doch nur im eigenen Selbst, das Behauptung ist, weil es nie mit irgendetwas befüllt wurde. Die sieben Leipziger Schauspielstudenten, die bereits in der vergangenen Spielzeit am Gorki zu Gast waren, spielen sich sichtbar lustvoll durch die zwischen banaler Wirklichkeitsspiegelung und märchenhafter Groteske, zwischen alptraumhafter Verlorenheit und naiver Selbstbehauptung chargierenden Passagen, die immer wieder und in beide Richtungen die Grenze zum Traum überschreiten, in diesem Puppenheim, das Welt ist und Weltverweigerung zugleich. Chorisch bellen sie die einengende, rollenverteilende, kollektivierende Welt an, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie diese Welt sind.

Das ist zuweilen durchaus banal und macht es sich viel zu einfach, streckenweise gar albern und hat spürbare Längen – so wahnsinnig viel lässt sich über eine das eigene Handeln verweigernde Generation denn eben doch nicht sagen. Da bleiben mitunter nur Versatzstücke: das chorische Sprechen, die unvermeidlichen Songs, die überdeutliche Licht-Regie, das Gegen-die-Wand-Rennen. Und doch gelingt es dem Abend, immer wieder in Distanz zu sich selbst zu treten. Die direkte, unvermittelte Weltansprache steht neben dem parabelhaften Märchenzauber, die Metapher neben der klaren Aussage, die pubertäre Wut neben dem Horror des ich-sein-Müssens. Die Spieluhrenfigur, die ihren Platz nicht verlassen kann, weil ihr Fantasie und Mut fehlen, es zu versuchen; das hässliche Entlein, die ihr Schwan-Sein von Selbstmitleid überfluten lässt; der Harlekin, der seinen Platz nicht findet, weil er die feste Struktur braucht, seine Anarchie nur in klar gelenkten Bahnen zu leben versteht – es sind Lebensunfähige, die Regisseur Hannes Weiler hier auf die Bühne bringt und denen er Leben einhaucht, in dem er sie über verschiedene Ebenen hetzt, deren Grenzen und Übergänge irgendwann verschwimmen in einem Strudel aus Distanz und Nähe, die eins werden, weil die eine nicht ohne die andere kann.

Und so ist der Blick am klarsten, wenn das Betrachtete am weitesten entfernt scheint, ist das Bild dort konkret, wo es abstrakt bleibt. Das Bild, das dieser Abend malt, bleibt Skizze, Fragment, schnell hingeworfener Umriss. Und schärft doch das Auge für eine Welt, die Fremde hervorbringt, weil sie sich selbst nicht mehr kennt. Am Ende sind sie plötzlich draußen, zufällig haben sie den Weg gefunden: Oh, wir sind ja draußen! Jetzt könnten wir aber…“ Dann wird es dunkel, das Leben bleibt ein Konjunktiv. Im Deutschen nennt man das Möglichkeitsform. Immerhin etwas.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: