Spieltrieb

Jean-Paul Sartre: Das Spiel ist aus, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jette Steckel)

Von Sascha Krieger

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, wenn ich eine zweite Chance bekäme, würde ich alles anders, besser machen? Die Frage gehört sicherlich zum Standardrepertoire der Selbstkasteiung in tatsächlichen oder nur eingebildeten Lebenskrisen aller Art. Jean-Paul Sartre hat darum ein Filmdrehbuch gestrickt, das Jette Steckel jetzt, als dramatischen Text umgedeutet, auf die Bühne des Deutschen Theaters gehievt hat. Die bei der Inszenierung nicht ursprünglich für die Bühne geschriebenen Materials beinahe automatisch gestellte Frage, ob es denn nicht genug Theatertexte gebe und die Nutzung theaterfremder Stoffe nicht eigentlich ein Armutszeugnis für die Kreativität moderner Regisseure sei, stellt sich hier eigentlich nicht. Denn was Steckel da auf die Bühne bringt, interessiert eigentlich kaum. Das Spiel ist aus ist wenig mehr als eine beeindrucken wollende Leistungsschau von Bühnentechnik und Ensemble und inszenatorischem Einfallsreichtum, eine Parade toller Bilder, netter Regieeinfälle und einer aufwändigen Materialschlacht. Die Diskussion um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Menschseins, um das Zerquetschtwerden zwischen freiem Willen (oder seiner Illusion) und dem Zwang äußerer Umstände, womöglich gar dem eigenen Vorbestimmtsein, um die es Sartre ging, ist da nicht einmal mehr nebensächlich. Sie ist Anlass für eine eindrucksvolle Theatershow. Nicht mehr.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Ole Lagerpusch und Judith Hoffmann spielen Pierre und Eve – er Rebellenführer in einem totalitären Regime, sie Ehefrau der rechten Hand des Diktators. Nach ihrem gewaltsamen Tod – er wird von einem spitzel erschossen, sie vom Gatten vergiftet –  finden sie sich im Jenseits wieder, erhalten die Chance ins Leben zurückzukehren unter der Bedingung, dass sie sich rückhaltlos der neu entflammten Liebe hingeben. Das klappt natürlich nicht und am Ende sterben sie ein zweites, endgültiges Mal. Steckel zeigt die Vorgeschichte in einem Schwarz-Weiß-Film, durchzogen von langsamen Einstellungen einer U-Bahn-Station voller regungsloser Gestalten und einiger weniger, die sich in Superzeitlupe bewegen. Das sind die toten inmitten der Lebenden, wie auch später, wenn Lagerpusch und Hoffmann durch die die lebenden repräsentierenden Zuschauerreihen gehen, Leben und Tod, Bewegung und Erstarrung umgedreht sind. Ein durchaus spannendes Bild, das Steckel ungenutzt passieren lässt.

Überhaupt die Zuschauer: Sie sitzen auf der Bühne und starren in den Zuschauerraum, auf eine weiße Wand, Filmbilder. Möglich macht das die Drehbühne, die mit dem darauf platzierten Publikum ausgiebig zum Einsatz kommt und ständig die Perspektiven ändert, allerdings leider nur im Wortsinn. Zwischendurch fällt ein wenig Theaterschnee auf die Zuschauer, auch das reichlich unmotiviert. Die Mechanik des Theaterbetriebs wird ausgiebig zur Schau gestellt –Drehbühne, Film, wabernder Nebel, ausgefeilte Lichtregie, dazu das Dauergewummer der Musik von The Notwist – aber sie dient hier primär dem Ziel zu protzen. Seht her, sagt sie uns, das können wir alles machen! Demgegenüber steht das Spiel der Akteure, die den Text mit fast heilig zu nennendem Ernst sprechen und verkörpern und – vor allem im Falle Lagerpuschs – seltsam aus der Zeit gefallenes Pathos nicht scheuen. Wird auf der einen Seite die vierte Wand wiederholt eingerissen, steht sie auf der anderen fest und schwer, ein Konzept ist nicht erkennbar. Eine ähnliche Fallhöhe besteht zwischen der Ernsthaftigkeit des Spiels und der Banalität des eingestreuten Fremdtexts, der küchenpsychologisch von Macht, Selbstbestimmung und der Sinnlosigkeit des Lebenshandelt, da kann sich der Zuschauer nicht einmal mehr freuen, wenn eine Politikerrede mit Loriot-Text karikiert wird. Zwischendurch scheint Steckel auch noch Gegenwartsbezug zu suchen – da wird der Despot in den Wahlkampf geschickt – gibt das aber schnell wieder auf.

Die großen Fragen, die Sartre umtrieben, werden gestellt, aber sie verhallen ungehört, weil Steckels theatrale Käseglocke sie verschluckt. Am Ende bleiben ein paar großartige Bilder – insbesondere der zarte, einzige Moment der Nähe im Gegenlicht eines Nebelkreises, so fern und kaum greifbar und zerbrechlich wie ein kurzer, süßer Traum, aus dem das Erwachen schmerzhaft sein wird. Und das ist es, für den Zuschauer mehr noch als für die Figuren. Ansonsten regiert hier eineinhalb Stunden lang der Spieltrieb einer Regisseurin, die mehrfach die Grenze zur Angeberei überschreitet und uns in neunzig Minuten nicht deutlich machen kann, warum das alles.

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