Musikalische Fragezeichen

Die Berliner Philharmoniker mit Iván Fischer und Radu Lupu

Von Sascha Krieger

Wenn Iván Fischer die Berliner Philharmoniker dirigiert, ist das fast ein Nachbarschaftsbesuch. Seit zwei Jahren ist Fischer Chefdirigent des Konzerthausorchesters – was ihn nicht davon abhält, hin und wieder „nebenan“ am Potsdamer Platz vorbeizuschauen. Dreimal „B“ hat er diesmal im Gepäck auf seiner Expressreise durch 150 Jahre deutsche Musikgeschichte: Das beginnt bei Bach – in diesem Fall Johann Christian – und führt über Beethoven zu Brahms. Das lässt sich exemplarisch deuten und womöglich hat Fischer das auch so gemeint. denn klanglich spannt der Ungar durchaus den Bogen vom Sohn des großen Barockkomponisten zum Romantiker Brahms – und sogar noch weiter, denn auf dem Programm steht Arnold Schönbergs Orchestrierung von Brahms‘ Klavierquartett Nr. 1 Op. 25. Fischer denkt die Musiktradition, in der er alle drei sieht, von ihrem Höhepunkt her, der Romantik und ihrer Abarbeitung am großen Heros Beethoven. Ob diese Klammer jedem der drei aufgeführten Werke gut tut und Gerechtigkeit widerfahren lässt, steht auf einem anderen Blatt.

Iván Fischer, Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Iván Fischer (Foto: Felix Broede / Konzerthaus Berlin)

Vor allem Bachs Symphonie für zwei Orchester Nummer 1 leidet hörbar unter der klassischen Wucht und dem formstrengen Korsett, das Fischer ihr verpasst. Der Dialog, Wett- und Widerstreit der beiden Orchester geht dabei weitgehend unter, der „fröhliche Jig“ des Finalsatzes, wie ihn das Programmheft nennt, wird zur bedeutungsschwer heroischen Apotheose, das durchgängig zügige Tempo erzeugt kaum Schwung, da der Dirigent auf eine harte, zuweilen fast abgehackt wirkende Rhythmik setzt. Fischer zwingt seinen Bach in eine Zeitgenossenschaft mit Beethoven, die ihm, der viel eher als Inspirationsquelle Mozarts gelesen werden kann, fremd ist. Zwischentöne sind weitgehend abwesend, die Schwere hemmt die musikalische Entwicklung, und so plätschert das scheinbar dramatische Geschehen recht spannungsfrei dahin. Davon, warum Johann Christian eine ähnliche Schlüsselposition in der deutschen Musikgeschichte beim Übergang vom Barock zur Klassik zukommt wie seinem Bruder Carl Philipp Emanuel, erfährt der Zuhörer wenig.

Da erstaunt es kaum, dass der Unterschied zwischen dem jüngeren Bach und Johannes Brahms in diesem Konzert weit geringer erscheint, als es die hundert Jahre, die zwischen ihnen liegen, vermuten lassen. Auf dem Programm steht das von Arnold Schönberg orchestrierte erste Klavierquartett, dem Fischer einen blockhaft wuchtigen Klang verleiht, dem durchaus nicht die Schärfe fehlt. Die Philharmoniker spielen mit mehr Zug und rhythmischer Prägnanz, die kaum verborgenen Brüche, welche die Bearbeitung des Modernen in diesem Werk einer schon vergangenen Epoche hinterlassen hat, treten jedoch kaum an die Oberfläche. Zu sehr geht es Fischer wie schon zuvor ums große Ganze, um den Gesamteindruck, um den kraftvollen Klang und den roten musikalischen Faden, und weniger um Strukturen, Gegensätze auch zwischen dem Romantiker und seinem jüngeren Kollegen, dem Kammermusiker und dem Orchestrierer. Das Orchester liefert eine lebhafte Interpretation ab, in der auch so manches Solospiel oder instrumentales Zwiegespräch prägnant herausstechen. Und doch ergibt sich in Fischers Breitwand-Sound bald wieder der Eindruck des Beliebigen. Ein durchaus bemerkenswertes Klangerlebnis, welches das werk jedoch kaum näher bringt.

Dass das Konzert trotz all dem einer der Höhepunkte der diesjährigen Philharmoniker-Spielzeit geworden ist, liegt vor allem an seinem Gastsolisten: Der Rumäne Radu Lupu wird gern übersehen, wenn es um die großen Pianisten unserer Zeit gehen. Bei seinem Berliner Gastspiel beweist er einmal mehr, wie unberechtigt dies ist. Interpretationen von Beethovens viertem Klavierkonzert stehen und fallen meist schon mit de ersten Takten, in denen der Pianist allein das erste Thema anstimmt, eine einfach Abfolge von Achtelnoten, bei der aber so unendlich viel falsch gemacht werden kann. Lupu tappt in keine der unzähligen Fallen. Schnell, fest und klar nimmt er diese Introduktion und verleiht ihr doch einen so starken lyrischen Gehalt, dass bereits das ganze folgende Werk en miniatur in diesen Eingangstakten enthalten zu sein scheint. Energische Läufe wechseln mit perlendem innigem Spiel, Kraft und Leichtigkeit bilden eine faszinierende Einheit, Ausdrucks- und Facettereichtum von Lupus Spiel sind schlicht atemberaubend. Mit leichtem, aber stets festem Anschlag durchmisst er das gesamte musikalische Spektrum des Beethovenschen Universums und verleugnet auch das Abgründige und Dämonische in der Klangwelt des gebürtigen Bonners nicht. Dabei geht er nie plakativ zu Werke, sondern entwickelt auch die Brüche und Zwischenräume organisch aus dem Blick fürs große Ganze heraus.

Vor allem im zweiten Satz ergeben Lupus zarter, zögerlich scheuer Klaviergesang und die kompromisslose Kraft des kompakten Orchesterspiels eine ungeheure Spannung, die nicht nur auf den späten Beethoven, sondern zugleich auf die ihm folgende Tradition des Klavierkonzerts bis hin zu Brahms vorausweist. Auch im Finalsatz kontrastiert der fragende Ton Lupus effektiv und so manche Assoziation öffnend mit dem linearen Schwung Fischers, auch wenn die Schlusspassage dann doch ein wenig brachial gerät. Generell aber gilt: Wo Fischer und die Philharmoniker Ausrufezeichen setzt, hinterlässt Lupu Fragezeichen. Im Zwischenraum erblüht eine musikalische Welt, die in ihrer Fülle bezaubert, wo sie nicht überwältigt.

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