Wie aus der Zeit gefallen

Vadim Repin und das Orchestre de la Suisse Romande unter Leitung von Neeme Järvi zu Gast in Berlin

Von Sascha Krieger

Fast scheint er aus einer fernen, längst vergangenen Zeit herüber zu wehen: dieser elegante, geschliffene, seidige Geigenton, sentimental, innig, schmerzerfüllt, überirdisch schön. Und doch ist er ganz im Hier und Jetzt, erfüllt er den Saal der Philharmonie bis in die hinterste Ecke, voller Kraft und Körperlichkeit. Gedanken an David Oistrach stellen sich ein, den legendären russischen Virtuosen, den vielleicht größten Geiger des zwanzigsten Jahrhunderts. Dieses ganz und gar von sich überzeugte, in sich ruhende, jeden Zweifel ausschließende Spiel – es scheint aus der Zeit gefallen. Ja, es ist ein traditionalistischer, vielleicht auch konservativer Ton, den der gebürtige Sibirier Vadim Repin seinem Instrument entlockt, einer, der auftrumpft, wo andere fragen, der Räume füllt, wo andere sie öffnen. Man kann dieses zu allererst auf den schönen Klang zielende Spiel für nicht mehr zeitgemäß, für bloße Oberfläche halten – sich seinem Sog zu entziehen, fällt schwer. Zu betörend ist der Gesang dieser Geige, wenn sie auf stets sicherem Grund durch Max Bruchs erstes Violinkonzert reist. Zumal Neeme Järvi und sein Orchestre de la Suisse Romande im einen festen Boden, einen kraftvollen Resonanzraum geben mit ihrem kompakt wuchtigen Spiel, das zuweilen zu sehr Beethoven in der Musik eines Komponisten aus der Schumann-Mendelssohnschen Schule sucht.

Vadim Repin (© Agentur)

Vadim Repin (© Agentur)

Ein Charakterzug, der schon das Eröffnungsstück, die Romeo-und Julia-Ouvertüre des heute nicht ganz zu Unrecht fast vergessenen Joseph Joachim Raff mit bleischweren Klangblöcken fast erdrückt. Die monolithische Wucht, die zum Ende Beethovensche Ausmaße annimmt, tötet jede Spannung in diesem dann doch eher leichtgewichtigen Werk. Bei Bruch – den wohl ein ähnliches Schicksal des Vergessenwerdens wie Raff ereilt hätte, gäbe es nicht dieses erste Violinkonzert – passt das besser, vor allem weil Repins Solopart ein Gegengewicht zu bilden im Stande ist. Auch wenn sein wenig variables Spiel zuletzt doch ein wenig ermüdet, erzeugt es doch über weite Strecken einen Zauber, der vielleicht deshalb so sehr einnimmt, weil er so selten geworden ist. Der Preis ist das Fehlen jeglicher Zwischentöne, das Negieren aller Spannung, das Aufgehen eines dreisätzigen Werks in einer knappen halben Stunde Einheitsklang. Es ist ein Preis, den man gern einmal bezahlt, so er denn nicht zu oft zu entrichten ist.

Um einiges ausdrucksreicher wird es dann nach der Pause, wenn Hector Berlioz‘ Symphonie fantastique auf dem Programm steht. Plötzlich ist die Wucht nicht mehr fehl am Platze, speist sie sich doch aus der dramatischen Kraft dieser wohl ersten symphonischen Dichtung überhaupt. Ob man dem von Berlioz skizzierten Programm, seiner Geschichte, wenn man will, folgen will oder nicht: Diese „Symphonie“ ist narrative Musik voller charakterisierender Phrasen und Motive, episodenhafter Sätze, lautmalerischer Effekte. Järvis kompakter Klang gewinnt hier an Kontur, seine dunkle Grundierung kippt zuweilen ins Schrille und gewinnt an Schärfe, die sich vor allem im akzentuierten Spiel der Streicher und der pointierten Rhythmik zeigt. Järvi verdichtet, er komprimiert das musikalische Material und erzeugt daraus eine zuweilen ungeheure Dichte und intensive Spannung. Dabei gewinnt das Spiel an Transparenz, scheinen solistische Leuchttürme hell in der aufgewühlten See, am klarsten wohl im dritten Satz, der ansonsten ein wenig blasser, kraftloser daher kommt als die anderen vier. Järvi und seinem Orchester gelingt vor allem ein überzeugendes Finale, in dem Klarheit und Strenge über groteske Wildheit triumphieren. Der Wahn, den Berlioz in seinem Programm andeutet, weicht hier tragischer Einsicht, die so weit entfernt von Beethoven denn tatsächlich nicht mehr ist. Järvis Lesart ist nicht bis ins letzte Detail hinein konsequent und überzeugt doch durch die dramatische Kraft, die er entwickelt und die strenge Klarheit, mit der er dieses zuweilen auszuufern drohende Werk in Schach hält. Ein Abend mit Licht und Schatten, der – vielleicht mit Ausnahme seiner ersten zehn Minuten – nie langweilt.

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