Aus dem Gleichgewicht

Die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Yannick Nézét-Séguin

Von Sascha Krieger

Unter den Mitgliedern des Berliner Philharmonischen Orchesters ist Andreas Blau nicht gerade einer der Stars. Das mag daran liegen, dass um ihn herum Musiker sind, die auch als Solisten zu den meistgefragten ihres Fachs gehören: Oboist Albrecht Mayer etwa, Hornist Stefan Dohr und natürlich Blaus Kollege als Solo-Flötist, Emmanuel Pahud. Zumal Blau keiner ist, der sich in den Vordergrund drängt. Auch jetzt, als das Orchester ihn kurz vor Erreichen des Ruhestandsalters, noch einmal als Solist einlädt, ist das so. Und doch hat Blau das Orchester, wie wir es heute kennen, mitgeprägt wie kaum ein anderer: seit nunmehr 45 Jahren ist er Solo-Flötist der Philharmoniker, gerade 20 Jahre alt war er, als er die Stelle antrat. Zwanzig Jahr lang spielte er unter Karajan und blieb auch unter Abbado und Rattle dein wesentlicher Baustein bei der Modernisierung dieses immer noch so innovativen und richtungweisenden Klangkörpers. Wenn es am Ende gerade Pahud und Mayer sind, die Blau mit riesigen Blumensträußen fast überschütten, zeigt das die Wertschätzung dieses Musikers, dessen Sache die große Geste nie war.

Die Berliner Philharmoniker (Foto: Monika Rittershaus)

Die Berliner Philharmoniker (Foto: Monika Rittershaus)

Das gilt auch für sein Spiel: Carl Reineckes Flötenkonzert, schon bei seiner Uraufführung im Jahr 1909 ein hochromantischer Anachronismus, nimmt er mit der nüchternen Sachlichkeit, die ihm eigen ist, eine, die emotionalen Gehalt und intensiven Ausdruck aus klarer, schnörkelloser Präzision zu entwickeln vermag. Damit kontrastiert er mit der Unentschlossenheit, mit welcher Gastdirigent Yannick Nézét-Séguin den Orchesterpart angeht. Vor allem im Schlusssatz klingen die Philharmoniker seltsam blass, während Nézét-Séguin an anderen Stellen mit einer Wuchtigkeit spielen lässt, die hier vollkommen deplatziert ist. Er findet keine Mitte, keine Balance, ein Problem, das sich in der zweiten Konzerthälfte noch verstärken wird. Ganz anders dagegen blau: sein roter Faden ist stets hörbar, er begegnet dem romantischen Pathos mit klarer, sachlicher Linie, die jeder Note ihr Recht gibt und vor allem im zweiten Satz – etwa im Dialog mit Ludwig Quandts Cello – zu einer dann doch stellenweise berührenden Innigkeit findet.

Das Fehlen einer Gegenkraft bekommt anschließend Gustav Mahlers 4. Symphonie gar nicht gut. Nur im Schlusssatz, wenn sich Christiane Kargs klarer, zugleich kraftvoll zupackender und nuancenreich ausdrucksstarker Sopran hinzugesellt und den Gesang vom himmlischen Leben mit emotionaler Kraft auflädt, kommt so etwas wie Gleichgewicht in das Werk, das ansonsten eher einer schlecht verankerten Wippe ähnelt, die ständig hin- und her schlägt und zu weilen ganz aus den Angeln gehoben scheint. Das ist gleich zu Beginn offensichtlich: Abrupte, unmotiviert wirkende Übergänge und extreme Tempiwechsel fragmentarisieren das musikalische Material, bevor es die Chance hatte zusammenzufinden. Alles wird überbetont: der tänzerische Schwung wie die Verlangsamung, das Schrille wie das Liebliche, alles ist ein  wenig zu grell und deutlich, um zu einer irgendwie gearteten Einheit werden zu können. Ein schönes Beispiel ist das Ende des Kopfsatzes: Da bezaubern zunächst unendlich zart schwebende Streicher, bevor die schwere Wucht der Hörner den kurzen Moment schon wieder zerstört. Stellen wie diese gibt es etliche an diesem Abend.

Dabei interessiert Nézét-Séguin die von Mahler vorgegebene dynamische Zurückhaltung ohnehin wenig, gern steigert der Kanadier das Orchesterspiel zu romantischer Wucht, die wenig mit Mahler zu tun hat und eher anmutet, als während wir in einem – wenig subtil interpretierten – Finalsatz von Brahms oder Tschaikowski. Überhaupt scheint Mahler Nézét-Séguin nicht genug. Der zweite Satz etwa mit dem schrillen Spiel der doppelten Solo-geige, von denen eine einen Ton höher gestimmt ist, kippt sofort und kompromisslos ins Groteske. Wenn dann noch der Marschrhythmus der Bässe an die Oberfläche gepresst wird, wähnt sich der Konzertbesucher vollends bei Schostakowitsch. Und wenn schon Mahler, dann doch bitte das Populäre. Der langsame dritte Satz klingt, als würde jemand die Fehlinterpretation des Adagietto aus Mahlers Fünfter als Trauermusik für den Massengeschmack aufbereiten, so schwerfällig bedeutungsheischend und behäbig plakativ kommt das daher. Dass der Satz noch ein anderes, heiter-volkstümliches Gegengewicht enthält, geht dabei vollkommen unter. Nur selten findet das Orchester zu sich, etwa im Piano und Pianissimo gegen Ende des Satzes, doch dauern auch diese Momente der Zartheit nicht lange. Yannick Nézét-Séguin gehört zu den Favoriten, wenn es um die Nachfolge Sir Simon Rattles als Chefdirigent ab 2018 geht. Ob er mit diesem Gastdirigat, seinem ersten seit zwei Jahren, seine Chancen verbessert hat, ist zumindest zu bezweifeln.

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